Braunschweig: Erste städtische Gedenktafel in Leichter Sprache

Thursday, 12. July 2018 um 17:44 Uhr

In Braunschweig wurde eine ganz besondere Gedenktafel der Öffentlichkeit übergeben: Es ist die erste städtische Informationstafel in Braunschweig, die auf der einen Seite mit einem Text in Standardsprache und auf der anderen Seite mit einem Text in Leichter Sprache versehen ist. Den Text in Leichter Sprache hat der Verbund Leichte Sprache Braunschweig erstellt.

Die BLIK-Gedenktafel wurde der Öffentlichkeit im Rahmen einer Feierstunde zur Einweihung eines Mahnmals übergeben. BLIK-Tafeln sind Schilder des Braunschweiger Leit- und Informationssystems BLIK und beschreiben besondere Orte oder Persönlichkeiten. Das Mahnmal, das am 31. Mai 2018 eingeweiht wurde, erinnert an 27 NS-„Euthanasie“-Opfer, die zwischen 1940 und 1942 auf einem Urnenfeld des Braunschweiger Stadtfriedhofs an der Helmstedter Straße anonym beigesetzt wurden.

Während der NS-„Euthanasie“ wurden insbesondere auch Menschen mit geistigen und seelischen Beeinträchtigungen als „unwertes Leben“ ermordet. Heute gibt es die UN-Behindertenrechtskonvention, die das Recht dieser Menschen auf umfassende gesellschaftliche und kommunikative Teilhabe festschreibt. Leichte Sprache ist dafür ein Schlüssel. Daher wurde die BLIK-Tafel nicht nur in komplexer Standardsprache formuliert, sondern ihr Inhalt vor allem – aber nicht nur – für diese Zielgruppe leicht verständlich zugänglich gemacht. Die Tafel in Leichter Sprache achtet damit auch gerade die Personengruppe, die letztlich von der „Euthanasie“ betroffen war. Bettina Mikhail und Martin Markwort vom Verbund Leichte Sprache Braunschweig haben den Text in Leichter Sprache ehrenamtlich erstellt und möchten damit ein Zeichen für leicht verständliche Sprache in Braunschweig setzen.

Aus dem ehemaligen Freistaat Braunschweig wurden von 1940 bis 1941 Hunderte von Menschen in Tötungsanstalten abtransportiert und Opfer der „Euthanasie“-Aktion der Nationalsozialisten. Von vielen Ermordeten sind Verbleib und Grablage unklar oder unbekannt. Manche Urnen wurden nicht nach Braunschweig geschickt, andere wurden vermutlich in Familiengräbern bestattet. Die 27 NS-„Euthanasie“-Opfer, die auf dem Urnenfeld anonym bestattet wurden, sind jedoch namentlich bekannt. Die Namen der Ermordeten wurden den Friedhofsunterlagen entnommen und sind in der Gedenkstätte Friedenskapelle an der Helmstedter Straße in der „Totenklage“ verzeichnet. Seit mehr als 75 Jahren erinnerte nichts an sie, nun sind ihre Namen auf dem Mahnmal, einer Glasstele, zu lesen.

Unter den 27 Namen der Opfer auf der Stele steht der Satz „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Noch immer wird in Fachkreisen die Frage diskutiert, ob man die Namen der Opfer der NS-„Euthanasie“ öffentlich nennen soll. Insofern ist die Namensnennung auf dieser Stele ein wichtiges Zeichen, sagt Julia Gilfert, stellvertretende Vorsitzende des Förderkreises der Berliner Gedenkstätte T4. Julia Gilfert hielt bei der Einweihung des Mahnmals den Festvortrag. Namen – Worte – Sprache. Sie benennen die Wirklichkeit und sollen für alle verständlich sein. Darum, so Bettina Mikhail, gibt es eine Gedenktafel in Leichter Sprache, damit auch Menschen, die nicht gut lesen können, vom Schicksal der Opfer erfahren und dieses nicht in Vergessenheit gerät.

Mehr über den Verbund Leichte Sprache Braunschweig erfahren Sie hier. Auf der Homepage des Verbunds finden Sie auch einen ausführlichen Beitrag über das Mahnmal und die Gedenktafel. Das Mahnmal wurde als historischer Ort in die virtuelle Sammlung des Berliner Gedenkorts T4 aufgenommen und wird hier vorgestellt.


© Bettina Mikhail