Sind Übersetzungen in Leichte Sprache nicht immer Interpretationen? Nimmt man den Leserinnen und Lesern damit nicht automatisch die Möglichkeit, sich unabhängig zu informieren?

Diese Seite in Leichter Sprache

In der Tat werden Mehrdeutigkeiten im Übersetzungsprozess aus Leichte-Sprache-Texten entfernt. Die Gefahr liegt nahe, dass sie damit auch in eine bestimmte Richtung interpretiert werden. Das ist übrigens auch eine typische Eigenschaft vieler Übersetzungen aus Fremdsprachen. Für Übersetzungen in Leichte Sprache gilt: Die Herstellung von Verständlichkeit ist das primäre Ziel. Dieses Ziel steht über allen anderen möglichen Werten wie etwa Deutungsoffenheit. Die eigene Positionierung in einem Diskurs oder einer Debatte setzt Verständnis der anderen Diskurspositionen notwendig voraus. Das kann bei den primären Adressat_innen nicht angenommen werden. Durch die Übersetzung in Leichte Sprache soll die Leserschaft eher in die Lage versetzt werden, den Diskurs kennenzulernen. Das ist der notwendige erste Schritt zur Ausprägung einer eigenen Position.

Die Frage berührt aber einen wichtigen Punkt: Die Verantwortung der Übersetzer_innen. Sie müssen sich einseitiger Parteinahme oder vordergründiger Manipulation enthalten und vielmehr eine Information und Orientierung der Leserschaft im Diskurs ermöglichen.