Ist Leichte Sprache nicht herablassend?

Diese Seite in Leichter Sprache

Würden Sie sagen, dass ein Rollstuhl herablassend ist, weil er die Gehbehinderung seiner Nutzer_innen geradezu gegenständlich greifbar macht? Wahrscheinlich nicht. Ebenso wenig ist Leichte Sprache für sich genommen herablassend. Leichte Sprache birgt aber, wenn sie unsachgemäß angewendet wird, diese Gefahr: Viele Leser_innen kennen Texte in Leichter Sprache, die tatsächlich herablassend wirken. Falsche Bindestrichschreibungen sind beispielsweise herablassend, weil sie unterstellen, es sei nicht nötig, der Adressatenschaft korrekte Texte vorzulegen. Herablassend ist ebenso die Wendung „Das schwere Wort dafür ist …“, die sich in manchen Leichte-Sprache-Texten findet:

                Herr Meier hatte einen schweren Unfall.
                Jetzt lernt er einen anderen Beruf.
                Das schwere Wort dafür ist:
                berufliche Rehabilitation.

Im Begriff „Leichte Sprache“ schwingen unterschiedliche Lesarten mit, nicht alle sind positiv. „Endlich leicht genug, endlich verständlich“ ist eine positive Lesart, daneben steht aber auch: „Leicht genug, denn das andere ist für Euch zu schwer“. Gerade diese Lesart wird mit „Das schwere Wort dafür ist“ an die Oberfläche geholt, denn diese Wendung betont die kommunikative Ungleichheit zwischen Autor_innen und Leser_innen: „Für Euch sind diese Wörter natürlich zu schwer (und für uns natürlich nicht)“. Das ist herablassend und dabei in der textuellen Entfaltung noch nicht einmal besonders leicht. Die Gefahr, dass Leichte-Sprache-Texte herablassend wirken, ist damit tatsächlich gegeben und es muss ihr mit besonderer Sorgfalt begegnet werden. Die Strategien dafür sind:

  1. Kein falsches Deutsch verwenden.
  2. Vermeiden von Asymmetrieverstärkern vom Typ "das schwere dafür ist", da sie die Unterstellung explizit machen, dass die Kommunikationspartner dem Gegenstand nicht gewachsen sind.
  3. Optimaler Adressatenzuschnitt: Wenn Leichte-Sprache-Angebote für eine bestimmte Adressatengruppe optimiert werden können, ist die Gefahr gemildert, dass die Adressatengruppe durch eine zu geringe Informationsdichte unterfordert oder durch eine zu hohe Informationsdichte auf ihre Grenzen verwiesen wird.