Findet die Adressatenschaft es gut, in Leichter Sprache angesprochen zu werden? Gibt es auch negative Rückmeldungen?

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Angehörige der Zielgruppen von Leichter Sprache finden es sicher nicht gut, dass sie beispielsweise Behördenbriefe oder die Nachrichten in der Zeitung nicht im Original lesen können und folglich „so“ angesprochen werden müssen. Auch Personen mit einer Querschnittslähmung finden es sicher nicht gut, dass sie im Rollstuhl fahren müssen und an jedem Bordstein und an jeder Treppe auf Barrieren treffen, während andere einfach hochsteigen. Diese Möglichkeit ist ihnen jedoch verwehrt. Leichte Sprache ist wie ein Rollstuhl: Wer ihn nicht braucht, wird aufstehen und laufen, respektive den Text im Original lesen. Für Ersteres braucht es ausgeprägte motorische Fähigkeiten, für Letzteres eine ausgeprägte Lesekompetenz.

Texte in Leichter Sprache machen Inhalte für Personen zugänglich, die in ihrer Lesefähigkeit beeinträchtigt sind und die keinen Zugriff auf diese Inhalte im Original haben. Ein Teil dieser Personen, nämlich Personen mit einer Kommunikationsbehinderung, haben sogar ein gesetzlich verbrieftes Recht darauf, dass Kommunikationsbarrieren aus dem Weg geräumt werden.

Es ist daher aus mehreren Gründen nachvollziehbar, dass vonseiten der tatsächlichen Adressatenschaft üblicherweise positive Rückmeldungen auf Angebote in Leichter Sprache kommen. Wer sich an Leichter Sprache stört, sind bislang fast ausschließlich Personen mit ausgeprägter, meist sogar überdurchschnittlicher Lesefähigkeit, die sich von Leichte-Sprache-Texten unterfordert und provoziert fühlen und einen Niedergang der Bildungskultur im Allgemeinen und der deutschen Sprache im Speziellen vermuten.

Wenn man sich angesichts der großen Zahl von primären Adressat_innen gegen Leichte Sprache ausspricht, dann verschließt man die Augen vor dem Ausmaß der kommunikativen Behinderung eines Teils der Bevölkerung. Diese Behinderung verschwindet nicht, wenn man sich entschließt, sie zu ignorieren. Vielmehr kommt sie erst dann gänzlich zum Tragen. Die Leichte-Sprache-Adressatenschaft hat ein Recht darauf, in für sie angemessener Form angesprochen zu werden. Die Textangebote führen aber letztlich dazu, dass solche Texte in zunehmendem Maße im öffentlichen Raum sichtbar werden. Hier gilt es Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten – und zwar nicht vorrangig bei der primären Adressatenschaft, sondern vor allem bei den sogenannten Bildungsbürger_innen.