Sprachförderung in Kita und Grundschule

Monday, 30. April 2018  / Age: 148 Tage

Die Hildesheimer Sprachforscherin Ann-Katrin Bockmann setzt sich dafür ein, dass Kinder früh in ihrer sprachlichen Entwicklung gefördert werden. Die Universität und der Landkreis Hildesheim kooperieren seit 2011 und unterstützen 160 frühpädagogische Einrichtungen in Stadt und Landkreis Hildesheim bei der Sprachbildung im Alltag.

Frühe alltagintegrierte Sprachförderung ist wichtig: Ann-Katrin Bockmann leitet an der Universität Hildesheim ein Sprachförderprojekt. Ziel ist, mit vielen kleinen und großen Sprechanlässen im Alltag die Sprachbildung in der Kindheit zu fördern, so die Sprachforscherin des Instituts für Psychologie. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Hörtipp: Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 13.04.2018, Radiobeitrag von Hilde Weeg, Thema: Kitas und Grundschulen – Warum die Sprachförderung auf der Strecke bleibt. Radiobeitrag über die Sprachbildungsforschung von Dr. Ann-Katrin Bockmann von der Universität Hildesheim [hier geht es zum Radiobeitrag zum Nachhören]

Die Journalistin Hilde Weeg berichtet in einem Radio-Beitrag im „Länderreport“ (Deutschlandfunk Kultur) über ein Sprachbildungsprojekt der Universität Hildesheim: In der Kindertagesstätte „Graßhüpfer“ in Elze bei Hildesheim beginnt der Tag mit einem Ritual: Im Morgenkreis versammeln sich die drei- bis sechsjährigen Kinder der Drachengruppe und erzählen, was sie am Tag zuvor erlebt haben. Die Gruppe ist altersgemischt und auf unterschiedlichem Sprachstand, einige sprechen Deutsch als Muttersprache, andere Kinder erlernen die Sprache gerade als zweite Sprache. Die Elzer Kita bemüht sich sehr in der Sprachförderung und kooperiert dazu seit Jahren mit der Universität Hildesheim. Die Erzieherinnen und Erzieher besuchen spezielle Fortbildungen. Deshalb wiederholen die Erzieherinnen im Morgenkreis, was die Kinder erzählen, so können die Kinder abgleichen, wie Wörter ausgesprochen werden, die sie mitteilen möchten – sie lauschen in solchen spielerischen Lernsituationen am Sprachvorbild, wie etwas richtig klingen soll.

Informationen über das Hildesheimer Sprachbildungsprojekt „KEA“

Alltagsintegrierte Sprachbildung und Sprachförderung sind elementar wichtige pädagogische Aufgaben in Kitas und Krippen, um allen Kindern eine faire Bildungschance zu ermöglichen, sagt die promovierte Psychologin Ann-Katrin Bockmann von der Universität Hildesheim. Die Wissenschaftlerin hat gemeinsam mit dem Landkreis das Kooperationsprojekt „Kea – Kinder entwickeln alltagsintegriert Sprache“ entwickelt. Das Projekt wird durch das Land Niedersachsen gefördert.

Bisher konnte die Universität Erzieherinnen und Erzieher aus etwa 160 frühpädagogischen Einrichtungen in Stadt und Landkreis Hildesheim erreichen „und bei dieser wertvollen Aufgabe unterstützen“, so Ann-Katrin Bockmann. Neben Studientagen, Fortbildungen, Coaching und Vor-Ort-Beratungen finden regelmäßig Fachtage an der Universität statt. „Wir wollen gemeinsam dazu beitragen, dass alle Kinder einen möglichst guten Start haben und für ihr Leben gestärkt werden. Erzieherinnen und Erzieher unterstützen Kinder ja nicht allein in der Sprachentwicklung, sondern in allen Entwicklungsbereichen und können dazu beitragen, die Persönlichkeit zu stärken.“

Uni-Projekt erreicht rund 90 % der Krippen und Kitas im Landkreis Hildesheim

Die Universität und der Landkreis erreichen mit dem Sprachförderprojekt rund 90 % der Krippen und Kitas im Landkreis Hildesheim. Ziel ist, mit vielen kleinen und großen Sprechanlässen im Alltag die Sprachbildung in der Kindheit zu fördern, etwa durch Rituale bei denen das Miteinander-Sprechen, Aufeinander-Hören und in Worte-Fassen den Tag durchziehen. Zunächst wurden seit 2011 Kindertagesstätten im Landkreis mit dem Projekt erreicht. Seit dem Kindergartenjahr 2013/2014 ist das Jugendamt des Landkreises auch für die Umsetzung der Richtlinie zur Förderung des Erwerbs der deutschen Sprache in Kindertagesstätten im Stadtgebiet Hildesheim zuständig.

Durch Weiterbildung sollen pädagogische Fachkräfte sowie Kita-Leitungen sprachfördernde Situationen und Sprachauffälligkeiten erkennen und Sprache bewusst im Alltag einsetzen. Der Anteil mehrsprachiger Kinder und der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund oder Fluchthintergrund variiert stark zwischen den Einrichtungen sowie städtischem und ländlichen Einzugsgebiet, so Bockmann. Für diese Herausforderung wurden spezielle Fortbildungen entwickelt, die für den Umgang mit Kindern, die Deutsch als zweite Sprache erlernen, vorbereiten.

Aufgaben reichen von der Erfassung des Sprachstandes bis zum Elterngespräch

Die freiwilligen Angebote sind überwiegend kostenfrei oder werden mit deutlich ermäßigten Teilnehmergebühren angeboten. Die Themen reichen von Sprachbildung über Sprachstörungen bis zu vertiefenden Einheiten zu Elternarbeit sowie Umgang mit Mehrsprachigkeit und Familien mit Fluchterfahrung.

Anlass für das flächendeckende Sprachförderkonzept ist eine im Mai 2011 in Kraft getretene Richtlinie zur Förderung des Erwerbs der deutschen Sprache im Elementarbereich des Landes Niedersachsen sowie eine ebenfalls vom Land Niedersachsen im Juni 2011 veröffentlichte Handlungsempfehlung zur Sprachbildung und Sprachförderung im Elementarbereich.

Forschungslage: frühe alltagsintegrierte Sprachförderung ist wichtig

In Niedersachsen soll ab 1. August 2018 die Aufgabe der vorschulischen Sprachförderung im letzten Kindergartenjahr von den Grundschulen auf die Kindergärten übertragen werden. Für die damit verbundenen zusätzlichen Aufgaben wie Sprachstanderfassung, verpflichtende Entwicklungsgespräche mit den Eltern, Dokumentation sowie die individuelle und differenzierte Sprachförderung der Kinder stellt das Land Niedersachsen Finanzhilfen für Personal und Begleitstrukturen (Fachberatung und Fortbildung) in einem Verhältnis von 85% zu 15% zur Verfügung.

Auch die bisher freiwillige Sprachförderrichtlinie zur alltagsintegrierten Sprachbildung und Sprachförderung, aus der sich zum Beispiel das Hildesheimer Kea-Projekt finanziert, wird nun gesetzlich verankert. Die Forscherin Ann-Katrin Bockmann wertet dieses als sehr positives Signal. Die Verlagerung der vorschulischen Sprachförderung in die Kindertagesstätten beinhalte die Chance, dass Bildungspersonen, die die Kinder gut kennen, die sprachliche Entwicklung von Beginn an begleiten und Sprachanlässe und vertraute Umgebungen im Alltag schaffen, damit alle Kinder die Sprache erlernen können und faire Bildungschancen erhalten.

Gesetzentwurf zur Änderung des KiTaG alarmiert Akteure aus Wissenschaft und Praxis

Ann-Katrin Bockmann ist jedoch wie viele Akteure aus Wissenschaft und Praxis alarmiert – nicht zuletzt über das Tempo, in dem diese großen Neuaufgaben nun umgesetzt werden sollen und die „Starrheit der Vorgaben“. Wenn der Gesetzentwurf in der Juni-Sitzung des Plenums so verabschiedet wird, befürchtet sie, dass es eine qualitative Rückentwicklung in der Sprachbildung und Sprachförderung in Niedersachsen geben wird. Aufgrund des Fachkräftemangels wird es nicht gelingen die zusätzlichen Gelder ausreichend in personelle Ressourcen umzuwandeln. Durch die Kürzung der Gelder für die fachliche Begleitung und für die Sprachförderrichtlinie (Halbierung der Gelder) werden die Fachkräfte ohne ausreichende Unterstützung alleine gelassen – gerade in einer Zeit, in der sie dringend Begleitung brauchen.

Auch wird sich der Fokus weg von der Sprachbildung und Sprachförderung aller Kinder von 0 bis 6 Jahren verschieben hin zu den Kindern mit Sprachförderbedarf ein Jahr vor der Einschulung, so Bockmann. „Dieses ist sehr bedauerlich. Die Forschungslage hierzu ist eindeutig. Es gibt keinen guten Nachweis dafür, dass Sprachförderung zu einem so späten Zeitpunkt überhaupt noch effektiv ist. Nachgewiesen ist jedoch die hohe Effektivität von alltagintegrierter Sprachförderung gerade wenn diese früh ansetzt.“

Viel gewonnen wäre schon, wenn der Gesetzentwurf eine flexiblere Nutzung der Gelder (bezogen auf die 85:15%-Regelung) für die unterschiedlichen Regionen in Niedersachsen zuließe, so dass zeitlich angepasst an die Lage vor Ort – siehe Fachkräftemangel – individuell bestehende Strukturen genutzt und gute Lösungen für die Umsetzung gefunden werden können. Auch wäre eine Übergangsregelung für zum Beispiel ein Jahr hilfreich, damit für eine so wichtige Aufgabe, die Zeit besteht, sich gut vorzubereiten, um allen  Kindern wirklich effektiv helfen zu können.

Ende April fand im Landkreis Hildesheim ein Trägertreffen aller Kindertagesstätten von Landkreis und Stadt Hildesheim statt, zu dem auch die Landtagsabgeordneten eingeladen wurden, um gemeinsam über die Konsequenzen des Gesetzentwurfs zu sprechen und Lösungsmöglichkeiten für Hildesheim zu entwickeln.

Wer mehr über das Sprachbildungsprojekt erfahren möchte, erreicht Dr. Ann-Katrin Bockmann vom Institut für Psychologie der Universität Hildesheim unter kea@uni-hildesheim.de.

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, 05121 883 90100, presse@uni-hildesheim.de)

By: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 30.04.2018, aktualisiert 01.05.2018]

Frühe alltagintegrierte Sprachförderung ist wichtig: Ann-Katrin Bockmann leitet an der Universität Hildesheim ein Sprachförderprojekt. Ziel ist, mit vielen kleinen und großen Sprechanlässen im Alltag die Sprachbildung in der Kindheit zu fördern, so die Sprachforscherin des Instituts für Psychologie. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim