Kinder als Forscher

Wednesday, 11. April 2018  / Age: 102 Tage

Miriam Sitter und Florian Eßer forschen nicht über Kinder und Kindheit, sondern gemeinsam mit Kindern. Wie Kinder forschen, darüber sprechen die promovierte Soziologin Sitter und der promovierte Sozialpädagoge Eßer im Interview. Kinder zeigen, was für ihre Lebenswelt von Bedeutung ist.

Florian Eßer und Miriam Sitter forschen am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik in Hildesheim gemeinsam mit Kindern über kindliche Lebenswelten. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Studie „Kinder als Inklusionsakteure“

Nicht nur Eltern und pädagogische Fachkräfte, auch Kinder leisten einen Beitrag zu Inklusion: wie sie anderen Kindern begegnen, wie sie selbst handeln. Bisher liegen kaum Studien vor, die Kinder als Handelnde in „inklusiven Settings“ betrachten oder Kinder in den Forschungsprozess einbeziehen. PD Dr. Florian Eßer, Dr. Miriam Sitter und Professor Wolfgang Schröer bauen derzeit eine Forschungsgruppe mit sechs- bis zehnjährigen Kindern auf. Sie stimmen Forschungsfragen, die Erhebung und Präsentation von wissenschaftlichen Erkenntnissen mit den Kindern ab: Wie erleben Kinder Zugehörigkeit und Ausgrenzung, wie nehmen sie den Alltag in Kitas wahr?

Vorurteile, dass man mit Kindern keine partizipative Forschung durchführen kann, gelten mittlerweile als widerlegt. Sie bringen junge Perspektiven in die Forschung ein, die sonst aus dem Blick geraten. Die Kinder ersetzen dabei nicht die Forscher, vielmehr eröffnen sie neue Sichtweisen.

Das Forschungsprojekt ist Teil eines Forschungsverbundes am „Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen“ der Universität Hildesheim. Das Land Niedersachsen fördert die Hildesheimer Grundlagenforschung zur frühkindlichen Bildung und Entwicklung. Es gibt bisher kaum Untersuchungen darüber, wie Inklusion in der frühen Kindheit umgesetzt wird. Der Forschungsverbund erhält bis 2020 insgesamt 1,3 Millionen Euro vom Land Niedersachsen.

Interview mit Dr. Miriam Sitter und PD Dr. Florian Eßer

Dr. Miriam Sitter lehrt und forscht international zu kindlicher Trauer und zur partizipativen Forschung mit Kindern. Neben ihren Forschungstätigkeiten im „INKA“-Projektan leitet die Wissenschaftlerin der Universität Hildesheim seit Januar 2018 eine Vorstudie „Zur Sozialität des Kinderwissens über Tod und Trost“, die ebenfalls einen partizipativen Forschungsansatz einschließt.
PD Dr. Florian Eßer promovierte zum historischen Zusammenhang von Sozialpädagogik und früher Kinderforschung. In seiner Habilitation setzte er sich mit dem Verhältnis von Kindheit und Agency theoretisch und empirisch auseinander. Als Akademischer Rat a.Z. und Leiter der wissenschaftlichen Nachwuchsgruppe „Kinder- und Jugendhilfe“ lehrt und forscht er am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim zur Geschichte und Theorie der Sozialpädagogik ebenso wie zu Kindheitsforschung im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe.

Manchmal neigen Erwachsene dazu, im Gespräch mit Kindern die Inhalte zu vereinfachen. Wenn Kinder forschen, sollte man sie ernst nehmen und ihnen auch Komplexität und Tiefe der Materie zutrauen – oder? Wie gelingt Ihnen das, wie ist hier Ihr Ansatz?

Miriam Sitter: Nun, unser Ansatz ist zunächst einmal ein partizipativer. Das heißt wir forschen in erster Linie nicht über Kinder und Kindheit, sondern wir forschen mit Kindern zusammen über Themen, die ihre Kindheit betreffen. In unserem Projekt „INKA“, das für „Kinder als INKlusionsAkteure“ steht, ist dies das Thema der Zugehörigkeit in Zeiten diskutierter Inklusion. Zusammen mit Kindern erforschen wir also, wo und wann sie Zugehörigkeit herstellen, sehen und wie sie diese mit anderen Kindern und Erwachsenen erfahren und empfinden. Und höchstwahrscheinlich empfinden sie auch Ausschlüsse. In der Tat sollte ein partizipatives Forschungsprojekt so ausgerichtet sein, dass es Kinder in ihrem Wissen und ihren individuellen Kompetenzen wertschätzt und ernstnimmt. Unser Ansatz ist von einer für uns wichtigen Annahme geprägt, und zwar: dass Kinder in ihrer eigenen Lebenswelt über ein spezifisches Erfahrungswissen verfügen, über das wir Erwachsene eben nicht verfügen.

Florian Eßer: Kinder werfen eine gänzlich andere Perspektive auf Themen, die wir als erwachsene Forscherinnen und Forscher möglicherweise ausblenden würden, weil wir sie einfach anders betrachten. Deshalb ist es für uns wichtig, das Alter der Kinder natürlich zu berücksichtigen – aber das würden wir ja bei der Forschung mit Erwachsenen auch machen, nur eben implizit. Es ist uns wichtig, dass „Alter“ kein Ausschlusskriterium für eine ernsthafte Forschung sein sollte. Ihr Alter macht die Kinder schließlich zu Expertinnen und Experten einer gewissen Lebensphase, von der wir sehr viel lernen und über die wir sehr viel erfahren können.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer bisherigen Projekttätigkeit nennen?

Florian Eßer: Ja, zum Beispiel machen wir gerade die Erfahrung, wie wichtig für Kinder die gleichberechtigte Teilnahme an Forschungstätigkeiten ist, die ihnen Freude bereiten. Wenn wir Kinder als Ko-Forschende gewinnen wollen, müssen wir an ihren Interessen ansetzen und diese ernst nehmen. Das erfordert Flexibilität: So stellte sich etwa im Forschungsprozess heraus, dass das Medium „Film“ und „Video“ eine hohe Attraktivität für die Kinder hat, weil sie ja auch im Alltag viel mit Fernsehen und besonders „YouTube“ konfrontiert sind.  Wir haben also Videodrehs als Erhebungs- und Analyseinstrument in unsere Forschung mit einbezogen – das war am Anfang definitiv nicht so geplant. Auch ist uns wichtig, eine Forschungsbeziehung auf Augenhöhe zu stiften. Hierzu gehört für uns, dass nicht nur wir wissen, wo sich die Kinder so aufhalten, sondern dass die Kinder umgekehrt auch unseren Alltag kennenlernen – wir haben sie also an die Universität eingeladen.

Miriam Sitter: Wir haben gerade die wertvolle Erfahrung gemacht, was Kinder unter Forschen verstehen. Für uns erwachsene Forschende war es nahezu selbstverständlich, dass Forschen im Kinder- und Jugendhaus bedeutet, sich die vielseitigen Tätigkeiten der Kinder und Erwachsenen vor Ort, also in diesem Kinder- und Jugendhaus anzuschauen. Die Kinder haben sich jedoch eigenständig für etwas Anderes entschieden. Sie haben insofern die Video-Kamera, die als Forschungskamera dient, genommen und sind nach draußen gegangen, um Passanten zu befragen. Wenn wir dies aus unserer Perspektive nicht zugelassen hätten, weil wir diese Entscheidung beispielsweise (normativ) als unwichtig für unsere Forschungsfrage oder als nicht passend bewertet hätten, hätten wir diese Form der Erfahrung und Erkenntnis nicht machen können. Forschen für Kinder bedeutet also für sie, großes Interesse daran zu haben, Personen zu befragen, die sie nicht kennen.

Besuch beim Präsidenten – die Kinder können sich nun durchaus vorstellen, einmal Präsident zu werden.

Kinderforscherinnen und Kinderforscher waren im Wintersemester zu Gast an der Universität Hildesheim: Was haben die Kinder und beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hier an der Uni gemacht?

Miriam Sitter: Dieser Besuch war als „Auftaktveranstaltung“ konzipiert und genau dieser Besuch knüpft vom Konzept her nochmals an Ihre erste Frage an. Für Auftaktveranstaltungen unter kooperierenden erwachsenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist es üblich, einen Konferenzraum zu buchen, eine Begrüßungsrede zu halten, sich gegenseitig vorzustellen und über mehrere Stunden wissenschaftlich auszutauschen, um die konkreten Vorgehensweisen der zukünftigen Forschungskooperation im Detail zu planen. Nicht selten werden solche Veranstaltungen von einer Verköstigung begleitet. Partizipativ mit Kindern zu forschen heißt also für uns, sie trotz ihres jungen Alters in genau solche Formen der Veranstaltung einzubinden, die eben kooperatives Forschen kennzeichnen. Das kann nicht genau so ablaufen, wie es unter erwachsenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geschieht. Also bedarf es einer sehr guten Planung im Vorfeld und einer Anpassung an die Interessen der Kinder. Genau deshalb haben wir im Team und zusammen mit unseren studentischen Mitarbeiterinnen Christiane Drozd und Lisa Möller überlegt, wie ein erster Universitätsbesuch, in dem die Kinder unsere Aufgaben an der Universität kennenlernen, am besten arrangiert werden kann.

Florian Eßer: Für uns war klar, dass wir mit den Kindern nicht einfach nur in die Universitätsräume gehen können, ihnen diese zeigen und abschließend noch gemeinsam etwas essen. Ebenso war klar, dass es nicht ausreicht, nur einen Konferenzraum zu buchen, in dem wir uns zwei Stunden unterhalten. Stattdessen haben wir uns eine Art „Rallye“ als einen kindgerechten attraktiven Universitätsbesuch überlegt, in der unsere bekannte Universitätskatze „Fräulein Sinner“ einen zentralen Part hatte. Fräulein Sinner hat Briefe für die Kinder hinterlegt und ihre Pfoten-Spuren hinterlassen. Diesen Spuren sind wir alle gefolgt und die Kinder haben so verschiedene Bereiche des universitären Lebens auf wunderbare Weise kennengelernt. Beispielsweise besuchten wir alle ein Seminar zum Thema „Sind Kinder (keine) Künstler?“. Dort konnten die Kinder erfahren, wie ein Seminar gestaltet wird und was Studierende dort so machen. Zusammen mit den Professorinnen Dr. Meike Baader und Dr. Bettina Uhlig sowie den Studierenden wurden sogar Bilder betrachtet und gemeinsam interpretiert. Besonders interessant fanden die Kinder natürlich den Besuch bei unserem Präsidenten in seinem Büro. Der freundliche Empfang und die Unterhaltung mit Prof. Dr. Wolfgang-Uwe Friedrich hat scheinbar einen nachhaltigen positiven Eindruck hinterlassen. Denn die Kinder können sich nun durchaus vorstellen, auch einmal Präsident zu werden.

Miriam Sitter: Und wir haben gemeinsam die Bibliothek besucht, um den Kindern zu zeigen, auf wie viele verschiedene Bücher man dort als Forscherin oder Forscher zugreifen kann. Und selbstverständlich haben wir uns zum Abschluss gemütlich in einem kleinen Konferenzraum zusammengesetzt, uns an einem bestellten Buffet gemeinsam gestärkt und unterhalten.

Kinder haben schnell eine andere Lösung parat

Ich vermute, Kinder forschen anders als Erwachsene – die das ja als Profis über Jahre gelernt haben. Was sind Unterschiede, was sind Gemeinsamkeiten? 

Miriam Sitter: Ja, natürlich. Sie forschen durchaus anders. Und genau dies macht die partizipative Forschung mit ihnen so fruchtbar und erkenntnisreich. Wobei wir uns immer fragen müssen – und das haben Sie ja durch Ihre Frage schon angedeutet – ob der Unterschied tatsächlich in der generationalen Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen besteht oder vielleicht auch darin, dass wir Wissenschaft als Beruf betreiben und die Kinder eher als Laien. Unterschiede finden sich einerseits in ihren empirischen Zugängen. Sie haben noch keine Erfahrung darin, wie man ein qualitatives Interview führt. Ebenso wissen sie auch noch nicht, wie diese Interviews ausgewertet werden können. Andererseits finden sich Unterschiede in der Aufmerksamkeitsspanne. Uns Erwachsenen fällt es einfach leichter, eine halbe Stunde auf dem Stuhl zu sitzen und sich in einem Gespräch der Forschungsfrage zu widmen. Genau solche Aspekte müssen wir nicht nur im Hinblick auf den empirischen Forschungsprozess, sondern vor allem auch hinsichtlich ethischer Aspekte berücksichtigen. Also müssen wir Kinder als Co-Forscherinnen und Co-Forscher wertschätzen und ihnen je nach ihren Anliegen und Bedürfnissen stets respektvoll begegnen.

Florian Eßer: Und es ist ja auch gar nicht nötig, dass alle am Prozess Beteiligten alles gleich gut können: Daten analysieren ist unser Job als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und wir wollen dieses Know-how natürlich auch einbringen. Zugleich haben die Kinder eine Perspektive auf bestimmte Dinge, die wir einfach nicht mehr haben und die entscheidend ist für eine Forschung, die ja auch Kindern in sozialpädagogischen Einrichtungen wieder zugutekommen soll. Gemeinsam sind uns dann die gewissen Momente des Aushandelns, in denen wir alle merken, dass das, was wir uns gerade überlegt haben, irgendwie nicht so richtig funktioniert. Und natürlich stellen genau diese Aushandlungen auch Momente der Freude und des Lachens darüber bereit, warum das Ganze gerade nicht funktioniert hat. Kinder sind in solchen Dingen sehr kreativ und sie haben schnell eine andere Idee und Lösung parat. Wir teilen also mit den Kindern die Vorfreude darüber, dass wir beim nächsten Mal einfach was Neues ausprobieren.

Wie tragen Kinder dazu bei, zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen?

Florian Eßer: Sie tragen dazu bei, indem sie uns forschend zeigen, was für ihre Lebenswelt von Bedeutung ist. Forschen für Kinder bedeutet, sich nach draußen zu begeben, und Passanten zu befragen, die sie nicht kennen. Wir sind der Ansicht, dass gemeinsames Forschen mit Kindern zu neuen Erkenntnissen führen kann, die in einer alleinigen Forschung unter Erwachsenen höchstwahrscheinlich nicht in der Art und Weise sichtbar geworden wären.

Miriam Sitter: Mit Kindern zu forschen trägt also dazu bei, ihre Bedürfnisse zu erkunden und daher auch die Lebenssituation von Kindern zu verbessern. Wir sind deshalb der Ansicht – und auch mit Blick auf die Kinderrechtskonvention – dass Kinder nicht nur vermehrt angehört werden müssen, sondern, im Sinne einer partizipativen Forschung, ihnen vermehrt mehr Entscheidungsräume zugeteilt werden sollten.

Zum Schluss: Ihre Botschaft an die Erwachsenen.

Florian Eßer: Mit Blick auf die Forschung können wir also nur dazu raten, mehr Partizipation zu wagen – auch wenn es natürlich mitunter anstrengend ist. Weil wir herausgefordert sind, unsere lieb gewonnen Instrumente und routinierten Praktiken noch einmal darauf hin zu befragen, inwiefern sie geeignet sind, Kinder aktiv in den Forschungsprozess mit einzubinden. Aber letztlich handelt es sich hierbei um eine Frage, die jede Forschung betrifft und die sich durch die generationale Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen lediglich noch einmal in besonderer Weise zuspitzt: Welche Beziehung wollen wir zu denen pflegen, die von unserer Forschung betroffen sind und denen sie zugutekommen soll?

Miriam Sitter: Und hier geht der Trend – glücklicher Weise – langsam weg von der alleinigen Expertokratie der Forschung und hin zu Ansätzen, die Forschung als einen gemeinsamen Prozess begreifen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

By: Pressestelle, Isa Lange

Florian Eßer und Miriam Sitter forschen am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik in Hildesheim gemeinsam mit Kindern über kindliche Lebenswelten. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim