Fakten und Fiktionen in den Künsten

Monday, 09. July 2018  / Age: 42 Tage

Mit Fakten und Fiktionen sowie Überlappungen zwischen Wahrheit und Fantasie in Literatur, Theater und Film setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Spanien und Deutschland auseinander. Im Interview spricht der Literaturwissenschaftler Professor Toni Tholen über Fakten und Fiktionen in den Künsten und über die „Kultur der Wahrheit und Verlässlichkeit“ in der Gesellschaft.

Toni Tholen forscht und lehrt seit 2008 als Professor für Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Professor Toni Tholen lehrt und forscht am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim. In Hildesheim kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Hildesheim, Madrid (Complutense) und Salamanca zusammen und stellen Forschungserkenntnisse zu Fakten und Fiktionen in den Künsten vor. Der Deutsche Akademische Austauschdienst unterstützt die Fachleute aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

Interview mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Toni Tholen

Herr Professor Tholen, wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftlich stark über Fiktion und Fakten etwa in Zusammenhang mit politisch-gesellschaftlichen Ereignissen debattiert wird. Die Literaturwissenschaft kennt Fakten und Fiktionen seit jeher. Wie blickt ein Literaturwissenschaftler denn auf gesellschaftliche Debatten rund um Fake News?

Im Rahmen literaturwissenschaftlicher Analyse ästhetischer Phänomene blicke ich neugierig auf Fact-Fictions, das heißt auf bisweilen uneindeutige, kaum entwirrbare Mischungen von Fakten und Fiktionen in der Literatur und in anderen künstlerischen Medien. Natürlich kann es sich dabei auch um als Fakten ausgegebene Fiktionen handeln. Diese sind übrigens längst nicht immer als Fake News im gegenwärtig in der Öffentlichkeit intensiv diskutierten Sinne zu verstehen, denn sie haben in den allermeisten Fällen keine schädigende Wirkung. Das ist bei Fake News, die durch die sozialen Medien verbreitet werden, in Bezug auf Personen oder Institutionen anders. Ihre sich offenbar rasant vermehrende Verbreitung zu manipulativen Zwecken, zur Denunziation oder zur Steuerung politischer Ziele ist hochgefährlich und macht mich sehr besorgt. Sie trägt zu einer umfassenden Vertrauenskrise in der Öffentlichkeit bei. Nicht umsonst gehen viele Medien nun in die Offensive und ergreifen Maßnahmen, die die Unterscheidbarkeit von Fakten und Fiktionen (im Sinne von Unwahrheit und bloßer Erfindung) sichern, auch dadurch, dass sie sich mithilfe von Anzeigen und Kampagnen gegen die massenhafte Verbreitung falscher Informationen und Nachrichten wenden und im Gegenzug etwa für einen seriösen Journalismus eintreten. Das ist dringend nötig. Es geht hier, kurz gesagt, um eine ernsthafte Verteidigung einer Kultur der Wahrheit und Verlässlichkeit, völlig unabhängig davon, was in den Künsten ausprobiert wird.

Sie veranstalten erneut eine spanisch-deutsche Tagung zum Thema „Fakten und Fiktionen im Zwischenraum. Autoästhetische Praktiken im 21. Jahrhundert“. Wen möchten Sie erreichen?

Zunächst einmal handelt es sich um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Tagung mit Expertinnen und Experten, die sich in der Literatur, im Theater oder auch in Bildmedien sehr gut auskennen. Sie findet im Rahmen einer Forschungs- und Lehrkooperation deutscher und spanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern statt. Die Vorträge, die sich überwiegend mit der Literatur und dem Theater der Gegenwart auseinandersetzen, werden jeweils im Anschluss an die Präsentation von den Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmern diskutiert. Allerdings ist die Tagung offen für ein fachübergreifendes wissenschaftliches Auditorium, in erster Linie für Lehrende und Studierende der Universität.

Wie ist denn das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktionen in der Literatur? Und: Können Sie das an einem Beispiel aus Ihrer Forschung einmal erläutern?

Komplex und kompliziert zugleich. Ich will gleich mal ein Beispiel anführen. Wie ist es zu bewerten, wenn auf dem Buchdeckel ein Roman, also eine Fiktion, angekündigt wird, aber zwischen den Buchdeckeln, also in der erzählten Geschichte ständig der Name der Romanautorin auftaucht? Normalerweise sind realer Autor und Protagonist der Erzählung sowie ihr Erzähler in Autobiographien identisch. Es handelt sich bei Autobiographien gattungstheoretisch allerdings zunächst einmal um faktuale Texte. Also fragt sich die Literaturwissenschaft, mit was für einer Mischung von Fakt und Fiktion wir es in solch einem Roman zu tun haben. Zum Beispiel annoncieren Karl Ove Knausgård und Hanns-Josef Ortheil ihre autobiographischen Bücher als Romane. Man hat für solche Mischformen den Begriff der Autofiktion zur Verfügung. Und davon gibt es in der Gegenwartsliteratur unzählig viele Beispiele, auch ein Text wie Hoppe von Felicitas Hoppe zählt dazu. Die Frage ist: Warum sind eigentlich gegenwärtig solche Autofiktionen so prominent? Durch welche kulturellen Rahmungen lassen sich solche oder andere Hybridformen erklären und einordnen?

Fakten und Fiktionen erforschen: Was ist eine zentrale Erkenntnis, zu der Sie gelangt sind?

Mit was wir rechnen müssen, ist, dass es immer schwieriger wird, Gattungen und Formen klar voneinander abgrenzen zu können. Es ist nötig, ein Sensorium und ein begriffliches Instrumentarium dafür zu entwickeln, Mischformen, Hybride, mit denen wir geradezu umstellt sind, zu erkennen, sie einordnen zu können und mit Uneindeutigkeiten, Ambiguitäten produktiv umgehen zu lernen. Vielleicht im Sinne einer gesteigerten Aufmerksamkeit für die Frage nach dem, was faktisch gegeben und was erfunden ist, was echt und was gefälscht, schließlich was wahrhaftig und was bloß vorgetäuscht ist.

Wie Sie zu Beginn bereits ausgeführt haben, ist für den Journalismus die Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktionen zentral. Welche Rolle spielt hingegen das Mischverhältnis von Fakten und Fiktionen etwa auf der Bühne oder im Film, wenn Fakten und Fiktionen gemeinsam auftreten?

Keine grundsätzlich andere als in der Literatur. Neueste Filme und Theaterinszenierungen geben etwa vor, nah an der Wirklichkeit zu sein, Wirklichkeit dokumentarisch wiederzugeben. Sie verführen geradezu dazu, das, was man auf der Bühne oder im Kino sieht und hört, als wirklich aufzufassen. Gleichzeitig wird klar, dass das scheinbar Reale, Echte und wirklich Erlebte Produkt komplexer intermedialer Inszenierungen, Simulationen und Konstruktionen ist. Wir werden als Publikum somit ständig aufgefordert, situativ in Aushandlungsprozesse über das, was faktual und was fiktional ist, einzutreten. Denken Sie etwa an die theatralen Inszenierungen von Rimini Protokoll.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Internationale Konferenz

Der Literaturwissenschaftler Professor Toni Tholen und die promovierte Literaturwissenschaftlerin Jennifer Clare richten in Hildesheim die binationale Konferenz „Fakten und Fiktionen im Zwischenraum. Autoästhetische Praktiken im 21. Jahrhundert“ gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Hildesheim, Madrid (Complutense) und Salamanca aus.

Die Konferenz findet vom 20. bis 22. Juni 2018 auf dem Kulturcampus in Hildesheim statt (Programm). Der Hildesheimer Theaterwissenschaftler Professor Jens Roselt spricht über Selbstinszenierungen im autobiografischen Theater, Professor Arno Gimber aus Madrid setzt sich mit fiktionalen Provokationen im postdramatischen Dokumentartheater auseinander. Professorin Maria Loreto Vilar Panella aus Barcelona hält den Vortrag „Can you describe this? Zwischen erlebter und erfundener Gulag-Realität in zwei Romanen von Susanne Schädlich und Monika Zgustova“. Professorin Miriam Llamas Ubieto aus Madrird diskutiert über „Das virtuelle Ich im postdigitalen Zeitalter“. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) fördert die Konferenz aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

By: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 20.06.2018, aktualisiert 23.07.2018]

Toni Tholen forscht und lehrt seit 2008 als Professor für Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim