Claus Ehrhardt

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Claus Ehrhardt (Universität Urbino, Italien)

Höflichkeit und face work in Diskussionsforen

Innerhalb der internetbasierten Kommunikationsformen nehmen Diskussionsformen in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein: Der kommunikative Austausch ist hier beispielsweise eindeutig asynchron, die Beiträge sind stark themenzentriert und haben eine persuasive Grundausrichtung. Die Autoren kennen von den Lesern höchstens Pseudonyme und wenige automatisch generierte Charakteristika, die sich auf die Häufigkeit der Forennutzung und die Anzahl der veröffentlichten Texte beziehen. Die Kommunikation ist also in weiten Teilen anonym (vgl. Ehrhardt 2009).

Die Teilnehmer von Foren vertreten – zum Teil mit beträchtlichem argumentativem und polemischem Aufwand – ihre Meinung zu einem bestimmten Thema und versuchen, ihre Kommunikationspartner davon zu überzeugen. In vielen Fällen wird dabei zustimmend oder ablehnend auf Beiträge anderer „Foristen“ Bezug genommen. Es entsteht auf der textuellen Ebene Kohärenz zwischen den einzelnen Beiträgen (vgl. Liedtke 2011) und auf der sozialen Ebene konstituiert sich eine offene Gruppe, die sich in erster Linie über das gemeinsame Interesse am jeweiligen Thema identifiziert.

Die Mitglieder haben ein gewisses Interesse daran, diese soziale Struktur aufrecht zu erhalten – andernfalls würde die Diskussion sehr schnell zum Erliegen kommen. Das würde auch passieren, wenn alle Teilnehmer einer Meinung wären. Aus diesem Grund spielt Dissens eine besondere Rolle in Foren: Widerspruch ist in gewisser Weise die präferierte Grundeinstellung und Sprechhandlung als Antwort auf Posts anderer Autoren (vgl. Ehrhardt 2010 und 2011). Die Kommunikationssituation ist insgesamt gekennzeichnet durch Solidarität und Gemeinschaftsgefühl auf der einen und Lust am Widerspruch auf der anderen Seite.

Dieses Spannungsfeld verlangt den Forenautoren großes strategisches Geschick bei der Gestaltung und Modellierung ihrer Texte ab – auch und gerade im Hinblick auf face work und Höflichkeit. Zunächst betrifft dies das eigene Gesicht eines jeden Autoren: Wer in Foren schreibt, nimmt auch eine neue Identität an, seine Äußerungen lassen ihn in einem bestimmten Licht erscheinen, er kreiert sein image. Zu vermeiden sind etwa einander widersprechende Beiträge, die dazu führen würden, dass der Teilnehmer von den anderen nicht mehr erst genommen wird. Die Ausbildung der eigenen Identität ist also verbunden mit der Entwicklung einer inhaltlich kohärenten Position, aber auch mit einer stimmigen Präsentation der eigenen Person. Gruppendynamisch wichtig ist darüber hinaus die Rücksicht auf das face der anderen Forenteilnehmer. Verletzende Äußerungen können zum sofortigen Ausstieg eines Akteurs führen – oder zu metasprachlichen Auseinandersetzungen. Das kann nicht im Interesse der Diskutanten liegen, deswegen ist bei aller Kontroverse und Polemik die Vermeidung von Konventionsübertretungen wünschenswert.

Der vorgeschlagene Beitrag versucht nachzuzeichnen, wie sich die gegebene kommunikative Konstellation auf der Ebene der sprachlichen Strategien niederschlägt. Er wird insbesondere untersuchen, welche sprachlichen Mittel Teilnehmer verwenden, um ihre Äußerungen so zu modellieren, dass sie der Situation und den Partner angemessen erscheinen, um also den Regeln der Höflichkeit zu entsprechen und eine angenehme (oder zumindest akzeptable) Interaktionsatmosphäre zu schaffen. Darüber hinaus soll am Beispiel ausgewählter Sprechhandlungen (Widersprechen, Zustimmung äußern, Komplimente) gefragt werden, ob im Hinblick auf Frequenz, Distribution, Gelingensbedingungen, sprachliche Formen des Vollzugs oder andere Faktoren Unterschiede zur offline-Kommunikation oder zu anderen Kommunikationsformen erkennbar sind.

Literatur (Auswahl)

Ehrhardt, Claus (2009): „Internetforen: Kommunikation und Diskussionskultur oder „Forenbeiträge schreiben ist quasi das fast-Food der Schreiberei“. In: Moraldo, Sandro (Hrsg.), Internet.kom. Neue Sprach- und Kommunikationsformen im WorldWide Web. Roma: Aracne, 109-155.

Ehrhardt, Claus (2010): „Internet-Diskussionsforen: Eine Kommunikationsform im deutsch-italienischen Vergleich“. In: Foschi Albert, Marina, Marianne Hepp, Eva Neuland & Martine Dalmas (Hrsg.): Text und Stil im Kulturvergleich. Pisaner Fachtagung zu interkulturellen Wegen Germanistischer Kooperation. München: iudicium, 170-191.

Ehrhardt, Claus (2011) „Höflichkeitsbegriffe – Am Beispiel von Höflichkeit und Höflichkeitsbewusstsein in Internetforen“. In: Ehrhardt, Claus, Eva Neuland & Hitoshi Yamashita (Hrsg.) Sprachliche Höflichkeit zwischen Etikette und kommunikativer Kompetenz. Frankfurt/M.: Peter Lang, 27-44.

Liedtke, Frank (2011): „Höflichkeit, Medialität und Expressivität.“ In: Ehrhardt, Claus, Eva Neuland & Hitoshi Yamashita (Hrsg.): Sprachliche Höflichkeit zwischen Etikette und kommunikativer Kompetenz. Frankfurt/M.: Peter Lang, 45-63.