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Was ist echt? Professor Tholen über Fakten und Fiktionen

Friday, 18. November 2016 um 16:31 Uhr

Mit Fakten und Fiktionen sowie Überlappungen zwischen Wahrheit und Fantasie in Literatur, Theater und Film setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Spanien und Deutschland auseinander. In einem Tagungsbericht gibt Professor Toni Tholen, Literaturwissenschaftler an der Universität Hildesheim, Einblicke in aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung, die während einer binationalen Konferenz in Salamanca vorgestellt wurden. Die Universitäten Hildesheim und Salamanca wollen ihre Zusammenarbeit fortsetzen.

Prof. Dr. Toni Tholen lehrt und forscht am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim.  Gemeinsam mit Professorin Patricia Cifre Wibrow von der Universidad de Salamanca und Professor Arno Gimber von der Universidad Complutense de Madrid hat er die binationale Konferenz „Fakten, Fiktionen und Fact-Fictions“ entwickelt. Die Konferenz fand vom 3. bis 5. Oktober 2016 in Salamanca statt. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) förderte die Konferenz aus Mitteln des Auswärtigen Amtes. An der Konferenz waren mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des kulturwissenschaftlichen Fachbereichs – aus Philosophie, Theater und Literatur – der Universität Hildesheim beteiligt. Die Konferenz bildet den Auftakt für weitere Kooperationen in Forschung und Lehre, Studierendenaustausch und wissenschaftlicher Nachwuchsförderung.

Tagungsbericht von Professor Toni Tholen

Die Erforschung des Verhältnisses von Fakten und Fiktionen in der Literatur und in anderen Künsten der Gegenwart ist eine vordringliche Aufgabe der Literatur- und Kulturwissenschaften. Die Gründe dafür sind vielfältig. Beispielsweise hat die verstärkte Bedeutung etwa von visuellen Medien zu neuen Formaten innerhalb der Literatur geführt: Die Literatur macht die wirklichkeitserzeugende Kraft von Bildern zunehmend für ihre eigenen Zwecke fruchtbar. So entstanden in den letzten Jahrzehnten interessante literarische Foto-Texte, die von den jeweiligen Autorinnen und Autoren zum Zweck der ästhetischen Darstellung ihres eigenen Lebens produziert worden sind. Solche autobiographischen Texte nutzen auf der einen Seite das wirklichkeitsverbürgende Potenzial von Fotos aus der eigenen Kindheit zur Beglaubigung der erzählten Lebensgeschichte, auf der anderen Seite treten die Fotos und andere Bildelemente in ein ästhetisches Spiel mit dem Text ein, wobei längst nicht immer eindeutig ist, ob wir es mit faktualen oder fiktionalen Passagen der erzählten Lebensgeschichte zu tun haben. Die Texte werden auf diese Weise offen und mehrdeutig, das Erzählen des eigenen Lebens wird selbst zum literarischen Experiment – zur „Autofiktion“ –, und die Leserinnen und Leser können sich der Wahrhaftigkeit und Wahrheit des Erzählten nicht länger sicher sein.

Die allgemeine Schwierigkeit, in Erfahrung zu bringen, wie etwas Zurückliegendes wirklich war, was in bestimmten Zeiten, unter bestimmten politischen Verhältnissen wirklich geschehen ist, was man als Kind, als Jugendlicher und Erwachsener wirklich erlebt hat, wird in einer Vielzahl neuerer und neuester literarischer Texte erfahrbar und diskutierbar. Mit gutem Grund kann man solche Texte als Fact-Fictions bezeichnen.

Dabei spannt sich der thematische Fächer weit auf. Im deutschsprachigen Kontext sind es  oftmals Texte, die sich mit der Involvierung von Männern, Frauen und ihren Familien in den Nationalsozialismus, auf der Täter- wie auf der Opferseite, auseinandersetzen und dabei mehr oder weniger authentische, bisweilen sogar gefälschte Erzählungen (wie im Falle Binjamin Wilkomirskis) darbieten. Die Frage nach dem Grad der Wirklichkeitstreue der rekonstruierten bzw. erzählten Geschichte reicht dabei bis in die theoretische Auseinandersetzung um die Darstellbarkeit von Geschichte in der Geschichtswissenschaft selbst, wie Michael Pfeiffer grundsätzlich in einem der ersten Vorträge der Tagung ausführte. Bis heute herrsche dort Uneinigkeit über die Frage, inwiefern die wissenschaftliche Darstellung von Geschichte nicht notwendig auch auf Fiktionalisierungen zurückgreift bzw. um der Anschaulichkeit des Dargestellten willen zurückgreifen muss.

Bei der Konferenz stellte eine Reihe von spanischen und deutschen Referentinnen und Referenten ihre Forschungen auf diesem thematischen Feld vor. So mit Bezug auf den Faschismus, Diktatur und Holocaust Marisa Siguan in ihrem Beitrag über Max Aubs montageartigen Roman „Am Ende der Flucht“ und Hertha Müllers Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“, Patricia Cifre Wibrow in Auseinandersetzung mit dem als Fälschung enttarnten autobiographischen Buch von Binjamin Wilkomirski (alias Bruno Dössekker) mit dem Titel „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“, in dem der Autor sich als Überlebender des Holocaust darstellt – parallel dazu mit Enric Marcos  Fälschung seiner Biographie im Franco-Regime –, M. Loreto Vilar über Angela Rohr, die eigene Erfahrungen in stalinistischen Lagern literarisch in der Erzählung „Der Vogel“ verarbeitet hat, Teresa Vinardell Puig über Peter Henischs Vaterbuch „Die kleine Geschichte meines Vaters“. Im größeren historischen und intergenerationalen Zusammenhang  referierten Dolors Sabaté über die autobiographischen Schriften Kasimir Edschmids, Manuel Maldonado Alemán über Tanja Dückers‘ Familienroman „Himmelskörper“ und Manuel Martín über autobiographische Texte von Walser, Degen und Forte. Versucht wurde darüber hinaus auch, den autobiographisch-autofiktionalen Schreibraum auf spezifische Formen und Text-Bildbeziehungen hin zu erkunden. Toni Tholen führte nach einer theoretischen Erörterung dieses Raums am Beispiel von Roland Barthes‘ Buch „Über mich selbst“ und W.G. Sebalds Text „Die Ringe des Saturn“ die Kategorie der Automelanchographie ein, eine Form des autobiographischen Schreibens zwischen Text und Bild, das sich vor allem auf der Folie einer affektiven Grundbefindlichkeit, der Melancholie, entfaltet. Jennifer Clare nahm den Begriff des autobiographischen Raums in Bezug auf den Schreibprozess bei Peter Weiss auf, indem sie die Wechselbeziehungen des Schreibens von Notizen und die Arbeit am Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ auch unter Aspekten des Lebenswissens und der Identitätsmodellierung untersuchte. Auf die spezifischen ästhetischen Wirkungen der Foto-Text-Montagen ging Anna Montané Forasté in ihrem Vortrag zu Judith Schalanskys „Blau steht dir nicht“ und Angela Krauß‘ „Eine Wiege“ ein. Die einzelnen Vorträge erarbeiteten Verbindungslinien zwischen Autor/innen, die zuvor nicht im Blick gewesen waren, und schärften so den Blick für die Intertexualität und Interkulturalität autofiktionalen Schreibens. Letzteren Aspekt hob insbesondere Ana Ruiz am Beispiel des literarischen Werks von Jorge Semprun hervor.

Aufgenommen wurden Strategien der Autofiktionalisierung noch einmal im weiteren Verlauf der Tagung, und zwar auch in historischer Perspektive. Schon Autorinnen und Autoren der klassisch-romantischen Periode verwenden vor allem in ihren Briefen und Briefwechseln Strategien der literarisierenden Ich-Modellierung. Im Falle Jean Pauls und anderer Autoren der Epoche geschieht dies durch fiktionale Autorsignaturen (Jörg Paulus), im Falle Bettina von Arnims durch das Erschreiben eines weiblichen Ich, das im Anruf des geliebten Goethe sich zur Autorin einer Wirklichkeit sui generis macht (Andrea Hübener), im Falle Goethes durch das  Anlegen einer Ich-Maske (persona), die ihm die Möglichkeit gibt, incognito zu bleiben und damit in faktischen Lebenszusammenhängen eine Identität zu simulieren, die seine Existenz ins Symbolische steigert. Simulierte Identität werde heute, so Christian Schärf in seiner Übertragung der Goetheschen Strategie der Selbstschöpfung auf die Gegenwart, nicht mehr von Einzelnen geleistet, sondern von den Agenturen der Massenkultur und der Massenmedien. Die wirklichkeitserzeugende und -erweiternde Kraft von Simulation und Virtualität erörtete auch Miriam Llamas Ubieto am Phänomen der Netzliteratur.

Ein anderer thematischer Block kreiste um die neue Aktualität des Dokumentartheaters. Stand dieses noch in den 1960er Jahren im Dienst einer Politisierung der Künste sowie im Dienst der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit, woran der Vortrag von Manuel Montesinos Caperos über Günter Weisenborns Drama „Klopfzeichen“ noch einmal erinnerte, so thematisieren zeitgenössische Produktionen zwar auch politisch und gesellschaftlich relevante Themen wie etwa den NSU-Prozess, aber sie tun dies mit ganz neuen ästhetischen Mitteln, Strategien und Performanzen. Sie fördern den Hybridcharakter von theatralen Fact-Fictions deutlich zu Tage  und machen es Publikum wie Akteuren auf der Bühne zur Aufgabe, der Verhandlung von Geschichte, Politik und Lebensprozessen in interkulturellen Kontexten Sinn abzugewinnen und sie vor dem Hintergrund intermedialer und metaästhetischer Inszenierungen in ihrer Aussagekraft zu reflektieren. So widmete sich Jens Roselt der Thematisierung der eigenen Lebensgeschichte und der eigenen Lebenserfahrung von „Expert/innen“, die keine professionellen Schauspieler sind, auf der Bühne unter dem Stichwort des Erzähltheaters. An zeitgenössischen Produktionen wie „Breaking News“ von Rimini-Protokoll entfaltete er die These, dass das Erzählen der eigenen Biographie als Handeln inszeniert und wahrgenommen wird. Arno Gimber schritt in seinen Überlegungen zum zeitgenössischen Dokumentartheater den Zwischenraum von Fakten und Fiktionen weiter ab, indem er auf das Oszillierende, ästhetisch Verdichtete, auf den Als-ob-Charakter des Theaters als Spiel, aber auch als Ermöglichung des Utopischen verwies (den Aspekt des Utopischen hatte Andreas Hetzel am Tag zuvor schon unter dem Stichwort einer kritisch-transformatorischen Ästhetik im Anschluss an einen Roman von Vargas Llosa sowie an Rancière anvisiert). Die Integration von Realitätsfragmenten könne man, so Gimber, auch im Sinne einer neuen Sehnsucht nach dem Authentischen interpretieren. Brigitte Jirku arbeitete am Beispiel des NSU-Prozesses und dessen Verarbeitung in Elfriede Jelineks Stück „Das schweigende Mädchen“ als Metatext eines neuen Dokumentartheaters heraus und zeigte auf, inwiefern das Theater als Inszenierung von Akten des Zum-Sprechen-Bringens, des Beobachtens und des Bezeugens zum Mitspieler im Prozess gesellschaftlicher Auseinandersetzungen wird. Johanna Vollmeyer untersuchte Jelineks Theatertexte auf ihre Plurimedialität hin und verwies auf die Ununterscheidbarkeit zwischen Sein und Schein in den Texten.

Schließlich nahm Volker Pietsch in einem anderen Genre, dem Reportagefilm, einmal mehr den gegenwärtig spürbaren Drang zum Authentischen und Realen auf, um zu zeigen, dass Filmproduktionen wie „Rec“ die Distanzverringerung zum Faktischen mit gleichzeitiger Medienreflexion verbinden. Damit wurde einmal mehr bestätigt, dass Fakten, Reales, Biographien in den Künsten unter dem Vorbehalt bzw. der Rahmenbedingung des Gemachten, des Fiktionalen, des Inszenierten und Performativen verarbeitet werden.  Der Aspekt der medialen Vermitteltheit ist in den ästhetischen Texten und Produktionen stets kopräsent. Man könnte dies übergreifend als eines der zentralen Tagungsergebnisse bezeichnen.

Eine abschließende Diskussion führte zu wichtigen Ergebnissen und Schlüsselbegriffen, die es erlaubten, das Tagungsthema synthetisierend zu betrachten und Aspekte zukünftiger Forschungen zu identifizieren:

  1. Die Zwischenräumlichkeit als Raum-, Zeit- und Handlungsdimension von Fact-Fictions; auch im Sinne von utopischen Möglichkeitsräumen und hybriden Texträumen

  2. Das prozessuale, experimentelle Moment der Fact-Fictions, sowohl auf der Seite der Produktion wie der Rezeption, und unter Einbezug von Aspekten der Performativität, Materialität und Metareflexivität

  3. Die große Dichte autobiographisch-autofiktionaler Texte/Produktionen in den Gegenwartskünsten

  4. Die symmedial zu füllenden Lücken (in) der Wirklichkeit; die Erweiterung der Wirklichkeit im digitalen Raum

  5. Die Versprachlichung (und damit Fiktionalisierung) des Unsagbaren

Weitere Informationen zum Verlauf und zur Nachhaltigkeit der Tagung [PDF]


Eine spanisch-deutsche Konferenz untersucht Fakten und Fiktion in Literatur, Theater und Film. Mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Hildesheim haben Forschungserkenntnisse in Salamanca vorgestellt, unter ihnen Professor Toni Tholen. Konferenzfotos: Clare/Uni Hildesheim, Porträt: Lange/Uni Hildesheim