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Geschichten machen: Wie Bild und Text zusammen wirken

Friday, 07. October 2016 um 18:34 Uhr

Aktuelles aus der Forschung: Das Bilderbuch ist eines der ersten Medien, das Interesse an Erzählungen wecken kann. Mit welchen Mitteln erzählen Texte und Bilder? Die Professorinnen Irene Pieper und Bettina Uhlig beschäftigen sich seit Jahren in der Forschung mit dem narrativen Potenzial von Bildern und Sprache.

In Hamburg lebt eine außergewöhnliche Maus. In ihrer Welt ist es plötzlich gefährlich geworden, überall lauern Mausefallen und Katzen. Von allen gejagt kommt der kleinen Maus eine rettende Idee: Sie muss das Fliegen lernen. Die kleine Maus erfindet ein Flugobjekt, baut sich Flügel und blickt an einem Morgen schließlich mit ihrer Konstruktion in die Weite des Hamburger Hafens, um abzuheben. Wer die Bilder des Hamburger Illustrators Torben Kuhlmann entdeckt, wird hineingezogen in eine Geschichte. Seine Illustrationen sind detailreich und erzeugen Räumlichkeit, kein Wunder, wollte Kuhlmann doch schon als Kind „verstehen, wie Raum funktioniert“, wie er auf einer Konferenz in Hildesheim berichtet. Erzählen in Bildern, so beschreibt Kuhlmann, was er beruflich macht.

Das Bilderbuch ist eines der ersten Medien, das Interesse an Erzählungen wecken kann. Mit welchen Mitteln erzählen Texte und Bilder? Wie erzeugen sie Reaktionen der Leser und Betrachter? Auf einer Konferenz an der Universität Hildesheim haben Experten aus Kulturwissenschaft, Literatur- und Kunstdidaktik, Anthropologie und Bildungswissenschaften sowie Illustratoren, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher die Schnittstellen, Überlagerungen und Konvergenzen im narrativen Raum zwischen Text und Bild erläutert und sich mit Differenzen zwischen sprachlichem Erzählen und Erzählen im Bild befasst.

Die beiden Hildesheimer Wissenschaftlerinnen Bettina Uhlig, Professorin für Kunstpädagogik, und Irene Pieper, Professorin für Literaturwissenschaft, untersuchen, wie Kinder Bild und Text wahrnehmen. Sie beschäftigen sich seit Jahren in der Forschung mit dem narrativen Potenzial von Bildern und Sprache.

„Das aktive Erzählen ebenso wie das rezeptive Aufnehmen von Erzählungen sind Grundbedürfnisse des Menschen. Durch die Erzählung können raum-zeitliche Daten geordnet und geklärt werden. Die Erzählung ermöglicht es, ein wirkliches oder fiktives Geschehen zu bewältigen“, sagt Uhlig. Die Erzählforschung zeigt, dass die Fähigkeit zum Entwerfen und Verstehen von Erzählungen bereits in der jüngsten Kindheit angelegt ist. „Wir arbeiten mit der Tagung die narrativen Qualitäten von Bildern heraus“, so Uhlig. Dass sich Narrationen mittels gesprochener und geschriebener Sprache vermitteln, sei ganz unbestritten. Dass aber auch ein Bild an sich narrativ konstituiert sein kann, sei durchaus umstritten.

Bestehen Differenzen zwischen sprachlichem Erzählen und Erzählen im Bild? „Das, was in der Sprache erzählend nacheinander entfaltet wird, stellt sich im Bild quasi simultan dar“, sagt Irene Pieper.

Wie lernen Kinder, mit Bilderbüchern umzugehen?

Wie und wo können Kinder lernen, mit Bilderbüchern umzugehen? Die Forschung zu Interaktionen in Kindergärten, etwa zwischen einer Erzieherin und einer Kindergruppe, zeigt zum Beispiel, wie Kinder lernen, Erzählungen zu verstehen, zu rekonstruieren, eigene Deutungen vorzustellen und mit Sprachangeboten umzugehen, so Professorin Pieper.

Bilderbücher werden oft zuerst mit Erwachsenen betrachtet. „In Familien, die gute Bildungsangebote für Kinder anbieten, ist die Rezeption von Bilderbüchern interaktiv strukturiert“, sagt Irene Pieper. Die Familiensituation ist ganz bedeutsam, ergänzt Bettina Uhlig. „Dieses ganz eng nebeneinander sitzen, zusammen auf das Bild und auf das Bilderbuch gucken, vielleicht noch in einer Abendsituation, das hat etwas emotional und atmosphärisch Bedeutsames.“

„Für Kinder ist ein Bilderbuch ein Weg, um Geschichten wahrzunehmen und eigene Geschichten zu erzählen“, ergänzt Anna Root. Sie schließt derzeit an der Universität Hildesheim ihr Lehramtsstudium mit den Fächern Kunst und Deutsch ab und arbeitet parallel an einer Grundschule nahe Springe. In ihrer Masterarbeit untersucht die Studentin, welche Wahrnehmungshilfen beim Betrachten von Bilderbüchern im Unterricht zum Einsatz kommen können. In einer empirischen Untersuchung hat Root mit Kindern einer vierten Klasse zum Beispiel Rahmen verwendet, mit denen Kinder einzelne Bildausschnitte in den Fokus rücken und den Rest eines komplexen, detaillierten Bildes verdecken können. „Was passiert davor, was nach dieser Szene? Die Kinder haben Geschichten gezeichnet. Wir haben zwei Wochen an den Erzählungen gearbeitet. Die Kinder haben mit großer Freude eigene Geschichten entworfen.“

Das Umblättern verlangt Zeit

Was passiert zwischen den Seiten? Im Umblättern, im Vor- und Zurückblättern steckt eine besondere Chance, sagt Professorin Gabriele Scherer, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Koblenz-Landau. Das Umblättern trage dazu bei, das Verstehen zu fördern. „Nicht wischen und klicken auf einem Smartphone – das einfache Blättern mit all der Materialität verlangt Zeit. Man braucht Zeit, um Bilderbücher zu betrachten, man soll auch verweilen.“

Man müsse auch aushalten, dass Bilder nicht eindeutig sind, sagt Gabriele Lieber, Professorin für Ästhetische Bildung an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Mitveranstalterin der internationalen Konferenz. „Kinder interpretieren Bilder, es gibt kein richtig oder falsch, es ist ihre eigene Imagination. Die Geschichte muss nur schlüssig für sie selbst sein.“

Das „produktive Potenzial“ von Bilderbüchern beschreibt Literaturwissenschaftlerin Scherer so: Kinder können erkennen und benennen, sie können beobachten und kombinieren, sie können Figurenperspektiven einnehmen, Leerstellen füllen und interpretieren sowie Bilder in Worte fassen, sprechen, dazu schreiben.

Welche Bilder kann man Kindern zumuten?

Manche Bilderbücher setzen ein Wissen über den Inhalt der Geschichte voraus. „Das schriftlose Märchenbuch funktioniert eigentlich nur, wenn man das Handlungsschema im Kopf hat“, sagt Scherer.  Der spanische Illustrator Adolfo Serra verzichtet in dem Bilderbuch „Rotkäppchen“ vollständig auf Worte. Heranzoomen und weiter wegfahren, ein bisschen wirken die einzelnen Doppelseiten von Serra wie ein Film: In einer Nahaufnahme blickt der Betrachter frontal in die Augen des Wolfes, Rotkäppchen spiegelt sich in den Augen. Die Gefahr ist unglaublich präsent. Ein auf der Bildebene hochkomplexes Buch. Übrigens waren zu Grimms Zeiten die Märchentextsammlungen weitaus beliebter, wenn sie einzelne Bildillustrationen und Kupferstiche enthielten.

Bilderbücher wie jene von Serra führen auch zu der Frage: Welche Bilder kann man Kindern zumuten? Bilderbücher thematisieren nicht nur das Leichte, Schöne, Lustige. Sie wenden sich auch ganz ernsten Themen zu. Bild und Text tragen dazu bei, Emotionalität darzustellen, wie Untersuchungen von Margarete Hopp, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Duisburg-Essen zeigen.

Seit Anfang der 2000er Jahre explodieren die Bücher für Kinder, in denen tatsächlich Tod, Sterben und Trauer thematisiert wird, von gleichaltrigen Freunden aber auch Geschwistern sowie Tod in der Natur und von Tieren, sagt die Hildesheimer Professorin Kathrin Audehm. „Es ist kein Tabu mehr. Ausnahme ist, dass der Moment des Sterbens eines Kindes im Buch thematisiert wird.“ Audehm ist pädagogische Anthropologin und interessiert sich in der Forschung für die szenischen Elemente und „was Bilder machen“ und welche Art von Wissen sie anregen.

Medien, die Bild und Text verbinden sind neben Bilderbüchern auch Graphic Novels, Comics und historische Buchmalereien. Wie das Nebeneinander von Bildern gestaltet ist, untersucht Michael Leibrand, Doktorand am Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft der Universität Hildesheim. „Man nimmt mehr oder weniger wahr, je nachdem wie viel die Seite preisgibt“, sagt Leibbrand über die Comicseite und ihre „Seitenarchitektur“. „Comiclesen ist ein Lernprozess. Ich brauche beides – einen schauenden und einen lesenden Blick.“

Comics verfügen über visuelle und verbale Hinweise, „die es uns erlauben, in die Welt einzutauchen und in die Figuren hineinzuversetzen", ergänzt Felix Griesa, der an der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung der Universität zu Köln über die Geschichte und Theorie der Comics forscht und sich mit der Vielfältigkeit der Erzählinstanzen befasst. „Wir arbeiten in unseren Fachdisziplinen an ähnlichen Fragestellungen. Es ist wichtig, dass wir auf einer Konferenz wie dieser in Hildesheim zusammenkommen.“

Die Forschung geht weiter: Kinder verfügen über spezifische Imaginationsprofile

Die Forschung geht weiter. Derzeit untersucht Bettina Uhlig, wie Kinder Bilder wahrnehmen, produzieren und wie sich dies verändert. Hierfür hat sie auf der Domäne Marienburg ein bilddidaktisches Forschungsstudio eingerichtet. In Kooperation mit Grundschulen und Kindergärten führt sie ein Feldforschungsprojekt durch, das Aufschluss über die anthropologischen und kulturellen Grundlagen der Entwicklung von Bildlichkeit geben soll.

Bisherige Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder über spezifische „Imaginationsprofile“ verfügen. So gibt es Kinder, die in Erzählungen denken, andere wiederum können sich Szenisches oder technische Zusammenhänge besonders gut vorstellen. Je nach Imaginationstyp variiert die bildnerische Praxis und führt bei einer gezielten Begleitung zu unterschiedlich großen Fortschritten in der individuellen Bildpraxis von Kindern. Die Hildesheimer Forschungsergebnisse fließen sowohl in die fachdidaktische Diskussion als auch in die Praxis in Kindergärten und Schulen ein.

Jede Woche kommen Kinder aus umliegenden Grundschulen in die Universität. „Ob ich zu einem Botticelli-Kunstbuch oder ein Bilderbuch von Aljoscha Blau greife – an beiden kann man erklären, wie Bilder gemacht sind, wie sie auf uns wirken und wie sie mit uns kommunizieren“, so Uhlig.

Irene Pieper forscht im Bereich der literarischen Anschlusskommunikation und untersucht Vorlesegespräche zu Bilderbüchern. Im Lehramtsstudium untersuchen Studierende am Institut für deutsche Sprache und Literatur anhand von empirischen Daten, was solche Gespräche in der Schule und im Kindergarten ausmacht. Wann sind solche Gespräche gelungen? Was sind also Qualitätskriterien solcher Gespräche? Es geht darum, nicht alles aufzulösen und zu verraten, sondern Interpretationsräume zu eröffnen und Sprachangebote bereitzuhalten, so Pieper. „Die Bilder enthalten häufig auch Implizites, worüber man nicht so leicht sprechen kann. Wenn man darüber kommunizieren will, muss man einen Rahmen bereitstellen, auch in heterogenen Lerngruppen mit mehrsprachigen Kindern.“

Wer mehr über die Forschung erfahren möchte, kann sich an Prof. Dr. Bettina Uhlig und Prof. Dr. Irene Pieper wenden. Mehr über die Konferenz „Erzählen zwischen Bild und Text“ lesen Sie hier.


Lehramtstudentin Anna Root und Student Sascha Fennekold gehen in Schulen und untersuchen, wie Kinder Bilderbücher wahrnehmen. Das Bilderbuch ist eines der ersten Medien, das Interesse an Erzählungen wecken kann. Die Professorinnen Bettina Uhlig (links) und Irene Pieper untersuchen an der Universität Hildesheim, wie Bilder und Texte Reaktionen bei Lesern und Betrachtern erzeugen. Aktuelle Erkenntnisse haben sie auf einer Konferenz auf der Domäne Marienburg vorgestellt. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim