Filmdreh: So wenig Technik wie möglich

Thursday, 24. September 2015 um 18:51 Uhr

Gummibänder halten ein Smartphone fest, damit das Bild nicht verwackelt – auch mit geringsten technischen Mitteln entstehen spannende Kurzfilme. Von A wie Audio bis Z wie Zeit: 50 Studierende kombinieren Erkenntnisse aus Medien, Literatur und Pädagogik. Einblicke in die „Summer School Filmbildung" auf dem Kulturcampus der Universität Hildesheim.

Ein Tisch, zwei Stühle, im Erker des alten Pächterhauses: Ein junger Mann sitzt, sie steht und greift zur weißen Kaffeekanne. Zwei Studierende beobachten die Szene mit zwei Kameras, keine teuren Profistücke, sondern: Smartphones. Mit Gummibändern haben sie die Mobiltelefone – die heute jeder in der Hosentasche mit sich tragen kann – auf Stativen befestigt. Ein Klick, die Aufnahme läuft. Psst.

Die Szene ist Teil der einwöchigen „Summer School Filmbildung“ auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg der Universität Hildesheim. Etwa 50 Studierende drehen in Kleingruppen Kurzfilme. Am letzten Seminartag werden sie ihre Filme auf der Leinwand präsentieren – bis zu dieser Premiere steht einige Arbeit bevor. Und das unter erschwerten Bedingungen: die Technik wurde auf das Nötigste reduziert. „Die technischen Mittel, die zum Einsatz kommen, sind möglichst gering“, sagt Volker Pietsch. Es gibt eine weitere Vorgabe, erzählt der Hildesheimer Dozent, während er sich auf den Weg zur nächsten Gruppe macht: Im Film müssen drei Personen am selben Ort auftauchen und eine von ihnen soll früher oder später tot sein.

Während im Pächterhaus noch gedreht wird, startet ein studentisches Kamerateam im Hohen Haus bereits  mit dem Schnitt. „Ein Smartphone ist allgegenwärtig und schneller zur Hand als ein ganzes Drehequipment mit Kamera, Tonangel und Licht“, sagt Annette Warnecke, die sich im Studium mit der Frage befasst, wie Filme gemacht werden – auch mit sehr einfachen Mitteln. Sie studiert seit zwei Jahren Philosophie, Künste, Medien an der Universität Hildesheim. Eine kleine Mobilkamera ist zwar handlich, hat aber ihre Tücken. Dass sie einfache technische Mittel verwenden, beeinflusst also die Drehentscheidungen, bei einer Außenaufnahme mit starkem Wind kann sie den Ton nicht gut regeln, das Rascheln der Laubbäume übertönt die Stimme, berichtet Warnecke. Und dennoch: Ob man nun mit einer Profi-Kamera oder mit dem Smartphone dreht – die Herausforderungen sind doch überlappend, ähnlich, etwa wenn man eine Decke verschiebt und dadurch ein Fehler im Bild entsteht.

Annette Warnecke hat in weiteren Seminaren – zum Beispiel „Digitale Filmpraxis“ und „Inszenierung einer Filmszene“ – praktische Filmerfahrungen gesammelt, mit professionellem Filmequipment am Filmset und Rollenverteilung. „Ich war für das Licht zuständig, jeder hat seinen Part beim Aufbau der Filmszene und denkt mit.“

Filmdreh ist eine Teamleistung, sagt Warnecke. Damit Schülerinnen und Schüler ein Gespür dafür bekommen, wie ein Film aufgebaut ist, holt Karina Erdmann den Filmdreh ins Klassenzimmer. Sie studiert in Hildesheim Lehramt mit den Fächern Deutsch und Kunst und startet demnächst in das Referendariat. In einer Praxisphase im Masterstudium hat sie an einer Grundschule in Harsum Filme gedreht. „Die Erfahrung fehlt mir noch. Ich weiß nicht: Können das die Kinder? Kann eine zweite Lehrkraft den Dreh unterstützen? Wir haben kurze Szenen gedreht, 15 Sekunden“, sagt die Studentin, die sich mit der Frage beschäftigt, wie man mit Kindern und Jugendlichen in der Filmvermittlung zusammenarbeiten kann. In ihrem Fall standen Begegnungen im Fokus: Wie kann man Begegnungen darstellen – der klassische Handschlag etwa. Aber auch gegen eine Tür zu laufen, sei eine Begegnung, oder im Fußball einen Pass abzugeben, ermöglicht Begegnung – wie können Kinder das im Bild dokumentieren?

„Ich habe positive Erfahrungen sammeln können“, sagt Karina Erdmann. In der „Summer School Filmbildung“ setzt sie sich nun stärker mit Kameraeinstellungen und Bildbearbeitungsprogrammen auseinander, sie schätzt den Austausch mit den Studierenden aus den Kulturwissenschaften. „Das regt zum Nachdenken an.“

Und genau das ist das Ziel des Teams, das hinter dem Seminar zu Filmvermittlung steckt: Professorin Stefanie Diekmann und Volker Wortmann (Medienwissenschaft) Stefanie Hundt (Anglistik), Volker Pietsch (Fach Deutsch) und Torsten Scheid (Fach Kunst). Mitgeplant haben auch die Professorinnen Bettina Uhlig (Kunst), Stefani Brusberg-Kiermeier (Anglistik) und Irene Pieper (Deutsch) sowie Professor Toni Tholen  (Deutsch). Ziel dieser Kooperation sei, so Stefanie Diekmann, Professorin für Medienkulturwissenschaft an der Universität Hildesheim, die „fachspezifischen Zugänge zum Medium Film produktiv aufeinander zu beziehen.“ Filme sind aus so vielen verschiedenen Codes zusammengesetzt – man kann dem Film eigentlich nur gerecht werden, wenn man die vielfältigen Perspektiven berücksichtigt.

An der Summer School, die bereits zum zweiten Mal stattfindet (mehr Infos: Bericht aus 2014) und fortgeführt werden soll, wirken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Kulturwissenschaften, Anglistik, Literaturwissenschaften und Lehramt mit. Studierende aus höheren Semestern betreuen die Drehs in Kleingruppen, helfen mit Ratschlägen und Tipps zu Kameraeinstellungen und Videoschnitt. Eingebettet ist der Dreh in ein dichtes Programm mit Vorträgen und Übungen und einer Filmpremiere am letzten Tag, unterstützt mit Snacks von der Back-Factory. Zwar bleibt so weniger Zeit, um zu filmen, sagt Karina Erdmann. „Dafür nutzen wir die Zeit, um zu diskutieren und profitieren von den wertvollen Erfahrungen der Profis.“ Unter den Fachleuten aus dem Medien- und Filmbereich sind zum Beispiel Ines Müller-Hansen von der Hochschule Karlsruhe, der Filmdidaktiker Michael Steiger und die Filmwissenschaftlerin Petra Löffler von der Universität Weimar. Dazwischen geht es zu Kinovorstellungen – große Leinwand, toller Ton – und Diskussion mit den Regisseuren Philipp Döring und Aron Lehmann. Lehmanns Film „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ handelt von einem Filmteam, dem mitten in der Literaturverfilmung die Produktionsgelder ausfallen.

Warum die Studierenden mit einfachen technischen Mitteln arbeiten, hat einen Grund: Neben Kulturwissenschaftsstudierenden nehmen angehende Lehrerinnen und Lehrer an dem Seminar teil und erproben den Filmdreh. Was geht kostengünstig auch im Unterricht? „In der Schule hat sich in den vergangenen 15 Jahren sehr viel getan. Einige Lehrerinnen und Lehrer sind sehr enthusiastisch“, sagt Volker Pietsch. Am Institut für deutsche Sprache und Literatur befasst er sich mit Mediendidaktik und den Beziehungen zwischen Literatur und anderen Künsten, etwa Film. Wie funktioniert ein Film anders als Literatur? „Gedanken hinter den Gesichtern bekommen wir im Film selten zu hören, meist müssen wir sie aus indirekten Informationen in Bild und Ton ableiten. Der Film regt hier also oft stärker die Phantasie an. Literatur kann Gedanken schneller und konzentrierter ausformulieren. Dafür ist Literatur in der Darstellung von Äußerlichkeiten langsamer. Sie kann auch verschiedene Perspektiven nur nacheinander bieten; im Film dagegen können sich Bild und Ton im selben Augenblick  auch widersprechen“, so Pietsch.

Wer fühlt sich für die Filmvermittlung an Schulen verantwortlich? Die Vorgaben für „Medienkompetenz“ im Unterricht an Grund- und weiterführenden Schulen bleiben recht vage, sagt Pietsch. „Das ist auch eine Chance, bringt eine Offenheit mit sich. Aber damit muss man umgehen können – das geht nur, wenn man damit in der Lehrerausbildung in Kontakt kam. Deshalb holen wir das Thema Filmvermittlung in die Lehrerausbildung. Denn ansonsten laufen diese Vorgaben darauf hinaus, dass man das Bekannte unreflektiert wiederholt oder immer wieder aufs Neue „Die Welle“ oder abgefilmtes Theater aus den 50er Jahren abspielt.“

Wenn audio-visuelle Medien im Schulalltag auftauchen, dann entweder auf den Handys der Jugendlichen auf dem Pausenhof, als Belohnung in einer Unterrichtsstunde oder als Anlass, um sich kritisch mit Medien auseinanderzusetzen. Via Facebook, Twitter und youtube werden Texte, Bilder und Filme veröffentlicht. Problemlos können Videodateien verschickt, Ereignisse in Live-Tweets dokumentiert und kommentiert werden. Sie zeigen Momente, Ausschnitte. Wer hat das gedreht, wo war das? Die Mediendidaktik fokussiert sich, so Pietsch, in der Schule traditionell stark auf die Frage, wie Jugendliche lernen können, kritisch mit Bildern umzugehen, wie sie lernen „sich von audio-visuellen Medien nicht manipulieren zu lassen“.

Aber, sagt Volker Pietsch, die Auseinandersetzung mit audio-visuellen Medien sollte man in der Schule nicht auf medienkritische Rezeption beschränken. „Jugendliche sollten teilhaben und lernen, sich der Medien zu bedienen, nicht nur technisch.“ Es gehe darum, eigene Sehgewohnheiten zu hinterfragen und selbst andere Bilder zu entwickeln. „Ob Dokumentarfilm oder Spielfilm: Oft konzentriert man sich sehr stark auf die Handlung, man vergleicht die Filmstory mit einer literarischen Vorlage oder mit einem gesellschaftlichen Problem. Man beschränkt den Film darauf. Der Film wird dann nur als Anlass genommen, um über das Thema zu sprechen. Aber im Unterricht wird kaum thematisiert, wie der Film das eigentlich umsetzt. Schlimmstenfalls wird Film ein Appetizer oder eine Belohnung und einfach abgespielt.“

Im Gespräch über Film könne man reflektieren, was ein Film alles mitbringt, aber auch, was man selbst alles hinzufügt. „Man bekommt selbst bei den einfachsten Bildern nicht alle Puzzleteile und Einflüsse zusammen“, so Pietsch. In der Summer School befassen sich die Studierenden zum Beispiel mit großen Gesichtern und kleinsten Details, mit Farblichkeit, mit Schärfeverhältnissen und Kameraperspektiven, Beleuchtung und mit Musik – oder ihrer Abwesenheit.  „Die Zusammenarbeit der Fachbereiche in der Summer School Filmbildung macht es möglich, das flüchtige Gesicht des Films aus all diesen Perspektiven einzufangen“, sagt Pietsch.


Kamera 1, Kamera 2 – Gummibänder halten die Smartphones am Stativ fest. Die Studierenden am Filmset. Das handliche Gerät ist allgegenwärtig, auch Filmdreh ist möglich, sagt die Medien-Studentin Annette Warnecke (li). Die Lehramtsstudentin Karina Erdmann hat mit Grundschülern im Schulpraktikum den Dreh von kurzen Filmsequenzen erprobt. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Kamera 1, Kamera 2 – Gummibänder halten die Smartphones am Stativ fest. Die Studierenden am Filmset. Das handliche Gerät ist allgegenwärtig, auch Filmdreh ist möglich, sagt die Medien-Studentin Annette Warnecke (li). Die Lehramtsstudentin Karina Erdmann hat mit Grundschülern im Schulpraktikum den Dreh von kurzen Filmsequenzen erprobt. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim