Pfingstseminar

Bis 2019 wurde in jedem Wintersemester ein Wochenendseminar im St. Jakobushaus Goslar angeboten, das sich der intensiven gemeinsamen Lektüre eines wichtigen philosophischen Werks widmet. Seit dem Sommersemester 2021 findet dieses Seminar jeweils am Pfingstwochenende an der Domäne Marienburg statt. Diese Seminarform mit langjähriger Tradition hat sich bei Studierenden und Lehrenden als eine gelungene Abwechslung zum gewöhnlichen Studienalltag bewährt, weil sie Raum und Zeit für Diskussionen bietet, die in den wöchentlich stattfindenden Seminaren oft keinen Platz finden. Daher werden sowohl im Winter- als auch im Sommersemester nach Möglichkeit noch weitere Blockveranstaltungen angeboten, um den Austausch und das Gespräch zwischen Studierenden und Lehrenden zu fördern.

 

SoSe2021: Into the wild. Philosophien der Wildnis bei David Henry Thoreau, Aldo Leopold und Gary Snyder

Ort: Domäne Marienburg, Literaturgarten
Zeit: 18.06.21-20.06.21
Durchführend: Prof. Dr. Andreas Hetzel

„Vor allem, daß man schone
Der Wildnis, göttlich gebaut
Im reinen Gesetz.“

                         Hölderlin

„Alles Gute ist wild und frei.“

                         Thoreau

Die europäische Philosophie thematisierte die Wildnis lange Zeit nur als etwas, das es zu überwinden, zu zivilisieren und zu kultivieren gilt. Auch Philosoph*innen beteiligten sich (und beteiligen sich teilweise bis heute) an einem Kampf um Klarheit und Ordnung, der sich vor allem gegen das Wilde und die Wilden richtet.

In dem Maße, in dem gesellschaftliche Modernisierung, Urbanisierung und Industrialisierung die letzten Reste einer wirklichen Wildnis aus unseren Landschaften verdrängt haben, wird die Wildnis von Philosoph*innen allerdings auch als Ort der Sehnsucht und des Widerstands gegen das neuzeitliche Projekt der Naturbeherrschung wiederentdeckt. Seit Rousseau und den Romantikern wird erkannt, dass sich das Projekt der neuzeitlichen Naturbeherrschung zunehmend gegen den Menschen selbst richtet. Damit beginnt die Tradition eines genuin philosophischen Nature-Writings oder Wildnis-Denkens.

Im Seminar folgen wir den Spuren einer besonders einflussreichen amerikanischen Tradition des Wildnis-Denkens, die von Henry D. Thoreau über Aldo Leopold bis zu Gary Snyder reicht.

Seit Thoreau werden Formen des Gehens in die Wildnis als philosophische Praxisform praktiziert, die sich mit einer civil disobedience verbindet, einem Widerstand gegen ein Leben unter dem Joch von politischer Herrschaft, Erwerbsarbeit und sozialer Kontrolle. Im Seminar lesen wir Schlüsseltexte der amerikanischen Philosophie der Wildnis, entwickeln und erkunden darüber hinaus aber auch mögliche philosophische Praxis-Formate, die uns einer Wildnis näherbringen können, sie in uns selbst realisieren lassen. Diese Praxis-Formate werden u.a. im Master-Kolloquium vorbereitet.


Goslarseminare 2019/20 - 1998/99 

WiSe 2019/20: Deleuze über die Kontrollgesellschaften 

Wille, K. / Voß, D.

In welcher Gesellschaft leben wir? Deleuze knüpft an Foucaults Überlegungen zur Disziplinargesellschaft an und entwickelt diese kritisch weiter. In seinen beiden Texten “Kontrolle und Werden” und
“Postskriptum über die Kontrollgesellschaften” entwirft er die Konzeption eines Kontrollregimes. Dies ist gekennzeichnet durch die Unsichtbarkeit und allgegenwärtige Wirksamkeit der Macht und zeigt sich
in der freiwilligen Unterwerfung unter die Forderungen des Marketing (Selbstvermarktung, unternehmerisches Selbst, maximale Flexibilisierung und Evaluation, Selbstoptimierung).
Im Blockseminar setzen wir uns mit dieser Gesellschaftskritik in theoretischer und anwendungsbezogener Weise auseinander: In einem ersten Schritt diskutieren wir die Begriffe des Disziplinarregimes und Kontrollregimes anhand von Texten von Foucault und Deleuze; im zweiten Schritt prüfen wir die diagnostische Kraft dieser Modelle, indem wir sie durch kritische Reflexion auf unsere Studienrealität anwenden (ECTS-Punkte, Evaluation, Exzellenz, Employability, etc.). Abschließend setzen wir uns mit der Fragestellung auseinander, ob und inwiefern der Foucault’sche und Deleuze’sche Machtbegriff Spielräume zur Kritik zulassen.
Das Seminar richtet sich an Masterstudierende und DoktorandInnen des Instituts für Philosophie.

 

WiSe 2018/19: "Linguistische Phänomenologie" nach John L. Austin 

 Leeten, L.

John L. Austin ist vor allem als Begründer der sogenannten "Sprechakttheorie" bekannt, wie sie insbesondere von John Searle systematisch weitergeführt wurde. Ob Austin selbst mit diesem Bild von ihm glücklich gewesen wäre, darf allerdings als strittig gelten. In diesem Seminar wollen wir uns seine Sprachphilosophie von einer anderen Seite her erschließen: In dem selten gelesenen Text "A Plea for Excuses" (dt. "Ein Plädoyer für Entschuldigungen") von 1956 entwirft Austin Grundlinien einer sprachphilosophischen Methode, für die er selbst den Namen "Linguistische Phänomenologie" vorschlägt. Der Fall des Sich-Entschuldigens wird dabei zum Modell eines Philosophierens, das sich um die Frage dreht, "was wir wann sagen würden", welche Ausdrucksweisen wir also in welchen Situationen wirklich für passend halten. Austin geht es dabei keineswegs nur um eine "Philosophie der Sprache", sondern letztlich darum, neue Möglichkeiten der Reflexion unseres Weltbezugs und Selbstverständnisses zu gewinnen. In diesem Seminar wollen wir diese selten erprobte sprachphilosophische Methode durch gemeinsame Lektüre rekonstruieren, intensiv diskutieren und praktisch erkunden.

 

WiSe 2013/14: Platon „Symposium“ 

Borsche, T. / Leeten, L. / Elberfeld, R.

Der Tragödiendichter Agathon lädt seine athenischen Freunde zu einem Gastmahl. Man beschließt, reihum Lobreden auf den Gott Eros zu halten. Es folgen sieben Reden, die Eros darstellen: preisend und differenzierend, medizinisch und mythisch, literarisch und philosophisch. Die große Rede des Sokrates, die vorletzte in der Reihe, lässt eine Göttin das Verhältnis von Schönheit und Wissen von Liebe und Erkenntnis durch die Doppelgestalt des Eros deuten, bevor der betrunkene Alkibiades in die Runde einbricht und uns seine vergebliche Liebe zu Sokrates offenbart. Wir erleben ein meisterhaft komponiertes Feuerwerk subtiler Argumentationskunst. Die Darstellung ist individualisiert bis in die Physiognomik der Teilnehmer und in die athenische Tagespolitik hinein, und doch spricht aus ihr eine zeitlose Kraft. Was lernen wir hier über Liebe und Wissen: philo-sophia?

 

WiSe 2011/12: Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen 

Borsche, T. / Elberfeld, R. / Ortland, E.

Die "Oratio de dignitate hominis" (Rede über die Würde des Menschen, verfasst 1486) ist das genialische Werk eines vierundzwanzigjährigen Universalgelehrten. Mit dieser Rede wollte Pico einen 'Weltkongress' eröffnen, zu dem er nach Rom eingeladen hatte, um hier im spirituellen Zentrum der Alten Welt seine zuvor publizierten "900 Thesen" (Conclusiones nonagentae in omni genere scientiarum) öffentlich zu diskutieren. Aufgrund der Zensur der Kirche konnte der Kongress nicht stattfinden. Die Rede wurde nicht gehalten, sie wurde erst 1496 nach dem frühen Tod des Autors gedruckt und erlangte sofort Berühmtheit. Die kühnen Thesen Picos stellen einen literarischen Kulminationspunkt des Humanismus der Renaissance dar: Der Mensch sieht sich in den Mittelpunkt des Universums gesetzt; er ist nach allen Seiten offen, nach oben wie nach unten, offen für Transformationen seiner selbst.

 

WiSe 2010/11: Zhuangzi 

Bernardy, J. / Borsche, T. / Elberfeld, R. / Jäger, H. / Ortland, E.

Nach bewährter Institutstradition ist das Goslar-Seminar einem philosophischen Werk gewidmet, das in gemeinsamer Textarbeit erschlossen werden soll. Auf zwei vierstündige Vorbereitungssitzungen zu Autor und Gesamtwerk während des Semesters folgt ein Wochenendseminar zur gemeinsamen Lektüre des Textes im St. Jakobushaus in Goslar. 

Neben dem "Daodejing" des Laozi ist das Buch "Zhuangzi" einer der beiden Grundtexte des philosophischen Daoismus. Dieses Buch hat viele Generationen chinesischer Gelehrter wegen seiner Schönheit begeistert. Sie waren von der kreativen, paradoxen Weisheit und der literarischen Qualität des Textes beeindruckt. Es wird dem legendären Meister Zhuang zugeschrieben, der etwa von 369 bis 286 v.u.Z. im südchinesischen Staat Song gelebt haben soll. Wir werden das Buch gemeinsam mit dem Zhuangzi-Übersetzer Henrik Jäger lesen und diskutieren.

 

WiSe 2009/10: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra 

Bernardy, J. / Borsche, T. / Elberfeld, R. / Ortland, E.

Nach bewährter Institutstradition ist das Goslar-Seminar einem philosophischen Werk gewidmet, das in gemeinsamer Textarbeit erschlossen werden soll. Auf zwei vierstündige Vorbereitungssitzungen zu Autor und Gesamtwerk während des Semesters folgt ein Wochenendseminar zur gemeinsamen Lektüre des Textes im St. Jakobushaus in Goslar. 

"Also sprach Zarathustra" (1883-85) trägt den treffenden Untertitel "Ein Buch für Alle und Keinen". Es gehört zu den besonders umstrittenen Werken Nietzsches. Im poetischen Gewand einsamer Lehrreden eines Vorzeitpropheten werden philosophische Aphorismen für gegenwärtige Leser vorgetragen, die vor allem anderen bestreiten, lehren zu wollen. Wer spricht hier zu wem? Was sagt und was zeigt der Text? Der Leser kann sich kaum neutral zu ihm verhalten. Die literarische Form und der philosophische Inhalt sind unauflösbar miteinander verknüpft. Die These wäre, dass es sich immer - mit allen Worten - so verhalte.

 

WiSe 2008/2009: Kitaro Nishida, Studie über das Gute (Zen no kenkyu)

Borsche, T. / Elberfeld, R. / Ortland, E.

Wie üblich ist das Goslar-Seminar einem philosophischen Werk gewidmet, das in gemeinsamer Textarbeit erschlossen werden soll. Zum ersten Mal soll ein Grundlagenwerk der modernen japanischen Philosophie gelesen werden. Die "Studie über das Gute" (1911) gilt als Gründungsurkunde moderner japanischer Philosophie mit eigenständigem philosophischem Anspruch. In den Diskussionen soll geprüft werden, ob dieser Anspruch berechtigt ist und wie der Ansatz sich auf andere Positionen der modernen westlichen Philosophie beziehen lässt.

 

WiSe 2007/08: Hegel: Phänomenologie des Geistes, Vorrede

Borsche, T. / Elberfed, R. / Ortland, E.

Nach verschiedenen Systementwürfen der frühen Jahre, in denen er sich mit Kant und Fichte auseinandersetzt, legt Hegel mit der "Phänomenologie des Geistes" den ersten umfassenden Entwurf eines philosophischen Systems vor, das die Geschichtlichkeit der Grundbegriffe des Denkens und des Systemgedankens selbst expliziert und reflektiert. Die fünfzig Seiten der Vorrede enthalten eine hellsichtige Ortsbestimmung und zugleich Kritik des philosophischen Denkens der Zeit. Die gemeinsame Lektüre und Interpretation soll einen Zugang zum Projekt Hegel eröffnen, dessen Potential auch heute bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist.

 

WiSe 2006/07: Martin Heidegger: Sein undZeit (WS)

 Bertram, G. / Borsche, T.

"Sein und Zeit" ist eines der wichtigsten philosophischen Bücher der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Heidegger entfaltet in dem Text Grundsätze eines hermeneutischen Verständnisses des Menschen und der Welt. Dabei wird besonders die Dimension der Zeitlichkeit betont. Im Rahmen des Wochenendseminars sollen der erste Teil und ausgewählte Passagen des zweiten Teils von Heideggers Text gemeinsam erarbeitet und intensiv diskutiert werden.

 

WiSe 2004/05: Judith Butler 

Borsche, T. / Kalb, C. / Bertram, G.

Judith Butler ist eine herausragende Autorin innerhalb der Gender Studies der 90er Jahre und der Gegenwart. Ihre Werke haben dadurch Anstoß erregt, dass sie in besonders markanter Art und Weise die Kategorie des biologischen Geschlechts mit Blick auf unsere sozialen Wirklichkeiten in Frage stellen. Sie verbleiben aber nicht allein auf der Ebene einer Rekonstruktion der sexuellen Kodierung dieser Wirklichkeit, sondern bemühen sich stets, die subjektiven Spielräume kritischen Verhaltens mit Blick auf diese Kodierung auszuloten. Judith Butler gilt in diesem Sinn auch als eine Begründerin der Queer Theory.
Das Seminar will mit zentralen Elementen der Theorien von Judith Butler vertraut machen. Anhand ausgewählter Texte soll diese Theorie gemeinsam erarbeitet und intensiv diskutiert werden. Dazu bietet die Atmosphäre des Jakobus-Hauses in Goslar einen besonders geeigneten Rahmen.

 

WiSe 2003/04: Die Kulturkritik Jean-Jacques Rousseaus 

Bertram, G.

Jean-Jacques Rousseau wurde berühmt mit einer Arbeit, die er auf eine Preisfrage hin verfasste. Die Preisfrage lautete »Hat die Erneuerung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu verbessern?« Rousseau antwortete im Kern mit »Nein« und begründete damit eine Position, die als Kulturkritik bekannt geworden ist. Die Kulturkritik ist mit vielen interessanten Fragen verknüpft. Dazu gehört unter anderem das Problem, dass die Kritik oftmals im Namen kultureller Standards vorgetragen wird.
In dem Wochenendseminar soll der Text Rousseaus intensiv studiert werden. Zudem will das Seminar in systematischer Weise in die Probleme der Kulturkritik einführen.

 

WiSe 2002/03: Philosophisches Wochenende: Luhmann über Liebe (WS/KS)

Borsche, T. / Kalb, C. / N.N.

Die Systemtheorie Luhmanns untersucht Liebe als einen symbolischen Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann. Aus der Perspektive des lieblosen Beobachters eröffnet sie überraschende und erhellende Einblicke in die verschiedenen Funktionen und kulturellen Ausformungen der Verhaltensweisen, die wir Liebe nennen. Am Beispiel eines auf den ersten Blick theorieresistent erscheinenden Gegenstands sollen auch die Stärken und Schwächen der systemtheoretischen Methode in den Kulturwissenschaften erörtert werden.

 

WiSe 2001/02: ​​​​​Philosophisches Wochenende Michel de Montaigne, Essais (KS)
Borsche, T. / Kalb, C. / Köhler, J.

Die Essais von Michel de Montaigne stellen eine neue Literaturgattung dar und leiten ein neues Denken ein. Ihre Textur ist komplex, überaus gelehrt, voraussetzungs- und anspielungsreich, aber außerordentlich unkonventionell und in vielen Details überraschend aktuell. Außerdem sind sie sehr umfangreich. Wir wollen unsere gemeinsame Lektüre daher auf einen oder einige wenige der auf drei Bücher verteilten 107 `Kapitel´ konzentrieren. Alle Teilnehmer sind aufgefordert, ihre persönlichen Essai-Themenwünsche einzureichen. Konzertierte Wünsche haben bessere Chancen auf Annahme! Eingabeschluss ist der 01.11.2001.

 

WiSe 2000/01: Philosophisches Wochenende, Thomas von Aquin: Über das Seiende und das Wesen (De ente essentia)

Bartig, H.-F. / Borsche, T. / Kalb, C. / Köhler, J.

Mit seiner Erstlingsschrift "Über das Seiende und das Wesen" rezipiert Thomas in großartiger Weise die aristotelische Metaphysik für die christliche (mittelalterliche) Ontologie. Die ontologischen Bestimmungen von Sein und Wesen, Materie und Form, Möglichkeit und Wirklichkeit führen nicht nur in antikes-mittelalterliches Denken ein, sondern eröffnen auch Fragestellungen der neuzeitlichen Philosophie.

 

WiSe 1999/2000: Philosophisches Wochenende „Systemprogramm des deutschen Idealismus

Bartig, H.-F. / Borsche, T. / Kalb, C. / Köhler, J.

 

WiSe 1998/99: Philosophisches Wochenende, Thema: Ludwig Feuerbach, Grundsätze der Philosophie der Zukunft (1843)

Bartig, H.-F. / Köhler, J. / Strub, C.