Die Zeit danach: Wie Fukushima unser Denken verändert

Wednesday, 11. March 2015 um 13:17 Uhr

Die Philosophen Professor Tilman Borsche (Universität Hildesheim) und Professor Kazuhiko Yamaki (Waseda-Universität Tokyo) äußern sich über Ursachen der Katastrophe von Fukushima und deuten die Atompolitik Japans und Deutschland nach der Katastrophe.

Schon Worte deuten unterschiedliche Auffassungen an: Fukushima, ein Unfall? Eine Katastrophe? „Die atomare Katastrophe ereignet sich in Japan – Deutschland reagiert. Japan reagiert auch, aber anders als Deutschland. Für Japan war Fukushima ein Unfall, ausgelöst durch ein Erdbeben. Die Gefahr von Erdbeben gehört zum japanischen Alltag. Sie kommen unangekündigt und sind unvermeidlich“, sagt Tilman Borsche, Professor für Philosophie an der Universität Hildesheim. Man wolle die Gefahr ähnlicher Unfälle vermeiden, aber im Grunde sei es wie bei Autounfällen: „Man konstruiert bessere Autos mit mehr Sicherheitsvorkehrungen, zum Beispiel Airbags, man baut bessere Straßen und führt strengere Verkehrsregeln ein – aber man fährt weiter.“

Anders in Deutschland, wo der Blick von den ersten Tagen an auf die Folgen eines Reaktorunfalls gerichtet wurde. „Japaner nennen das deutsche ‚Angst‘. Für deutsche Zuschauer war Fukushima kein Unfall, sondern eine Katastrophe. Ein Ereignis, das die Ordnung verkehrt und nachhaltig zerstört. Katastrophen verursachen Schäden, die irreparabel sind“, so Borsche, der an die Erfahrungen nach Tschernobyl 1986 erinnert, das „gewissermaßen vor der Haustür liegt“. „Es war und ist dieses kollektive Gefühl – über alle politischen Parteigrenzen hinweg –, das die Reaktion auf die Ereignisse von Fukushima in Deutschland bestimmte. Dieses Gefühl war und ist so mächtig, dass eine radikale politische  Wende unumgänglich wurde. Nicht eine Wende innerhalb der Atompolitik, sondern eine Wende der Energiepolitik.“ Atomkraftwerke wurden aus dem Konzept der Energieversorgung gestrichen, so Borsche. „Radikal, komplett und möglichst bald.“

Mit Blick auf den Reaktorunfall in Fukushima vor vier Jahren äußert sich etwa die Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesen Tagen (7. März 2015 und 9. März 2015): Deutschland habe damals sehr mitgefühlt und „weitreichende Entscheidungen getroffen, nämlich schneller aus der Kernenergie auszusteigen". Deutschland setze jetzt sehr auf erneuerbare Energien, und sie glaube, „Japan sollte auch diesen Weg gehen – und geht ihn ja auch". Vielleicht seien die Wege etwas unterschiedlich, was die Kernenergie anbelange. „Aber ich", sagt Merkel, „kann nur aus der Erfahrung von Fukushima sagen: Sicherheit ist das oberste Gebot."

Über das Wesen und die Folgen der Katastrophe von Fukushima haben die Philosophen Tilman Borsche und Kazuhiko Yamaki publiziert und ihre Ansichten in öffentlichen Vorträgen in Japan und Deutschland diskutiert. Ihre Aufsätze „Ursachen der Katastrophe von Fukushima – eine philosophische Überlegung“ (Kazuhiko Yamaki) und „Ein seinsgeschichtlicher Deutungsversuch der Atompolitik Japans und Deutschlands nach Fukushima“ (Tilman Borsche) erschienen in der „Coincidentia. Zeitschrift für europäische Geistesgeschichte“ (Beiheft 3, Schwerpunkt „Problembeispiel Fukushima“, 2014), herausgegeben von Wolfgang Christian Schneider. Im gleichen Band geht Karl-Heinz Brodbeck, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Betriebstechnik und Kreativitätstechnik der Fachhochschule Magdeburg, auf die „Philosophie der Katastrophe“ ein. Die Zeitschrift möchte bedeutsame Fragestellungen für Kultur, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft erarbeiten und Ideen für Handlungsperspektiven entwickeln. Zuvor erschienen Schwerpunkte zu Interkulturalität und Interreligiosität.

Was wir als Katastrophe erfahren, fordere uns zum Umdenken auf. Statt „Was können wir?“ (Können wir sichere Atomkraftwerke bauen?) verschiebe sich die Frage zu: „Was wollen wir?“. „Die technische Sicht der Dinge ist nicht falsch, aber sie ist nicht die ganze Wahrheit, denn sie ist nicht die einzig mögliche Sicht. Es gehört wesentlich zur Technik, dass sie neue Risiken schafft. Welches Risiko sind wir bereit einzugehen, um die Vorzüge einer bestimmten Technik genießen zu können?“, fragt Tilman Borsche. Die Tatsache, dass in Japan, im „Hort der Spitzentechnik“ ein Reaktorunfall geschehen konnte, führte in Deutschland zu der bedingungslosen Entscheidung: Wir steigen aus. In Japan hingegen herrsche ein „strenger, traditionell tief verankerter Autoritätsglaube“. Langsame und zögerliche Enthüllungen über Fukushima haben „bei vielen Japanern das Vertrauen in die Obrigkeit ins Wanken gebracht“. Borsche erinnert sich an Gespräche mit japanischen Kollegen, als er 2013 zum mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in Tokyo war. Sie nahmen ihn zu einem Sumo-Ringkampf mit, in der Pause wurden Snacks, Obst und Gemüse angeboten und der Gast aus Deutschland fragte vorsichtig, ob man denn wisse, ob das Gemüse nicht aus der Nähe von Fukushima komme. Tokyo liegt etwa 250 Kilometer entfernt von dem Unglücksort. „Ich erhielt die Antwort: ‚Das kommt von da. Das müssen wir kaufen, um die Bauern dort zu unterstützen.‘ Die Informationspolitik der Regierung ist so effektiv, dass viele Bürger im Irrglauben gehalten werden und sich nicht kritisch etwa mit gesundheitsgefährdenden, belasteten Lebensmitteln auseinandersetzen“, so Tilman Borsche, der in Gesprächen mit japanischen Wissenschaftskollegen auch sehr viele Menschen traf, die gegen die Atomkraft sind. Kritische Stimmen gegen Atompolitik werden allerdings schon seit Jahrzehnten systematisch unterdrückt, kritisiert er und verweist auf die historische Dokumentation seines Kollegen Yamaki von der Waseda-Universität in Tokyo.

So arbeiten Künstler, die sich kritisch mit der Atomtechnologie auseinandersetzen anonym. Etwa Kazuto Tatsuta (Künstlername), der seine Erlebnisse aus dem Strahlengebiet als Arbeiter auf dem Gelände des Atomkraftwerks in Bildergeschichten „Ichi-efu“ festhält, eine Art Arbeitstagebuch. Er dokumentiert die Arbeit in den Ruinen des Atomkraftwerks, beschreibt die Männer und den Umgang mit Strahlenbelastung, hält die Trümmer und das Ausmaß der Katastrophe in Bildern fest. Seine Mangas – japanische Comics – werden im Magazin „Morning“ in einer Auflage von wöchentlich 500.000 Exemplaren gedruckt „Die Japaner lecken sich nach seinen Geschichten die Finger. Denn sie liefern ein Bild aus dem Epizentrum der nationalen Angst, das von Politik, Zeitungen und Fernsehen oft kleingeredet wird. Ausgerechnet ein Mangaka ist da zum Aufklärer geworden“, schreibt Felix Lill in einem Porträt über Tatsuta in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 9. März 2015. „Keiner weiß, wer dieser Mensch ist, er muss anonym zeichnen. Manga sind sehr verbreitet und werden zu einer der wenigen Informationsquellen über die Arbeitsbedingungen und die Lage in Fukushima“, sagt Tilman Borsche.

Auf die Informationspolitik Japans geht der japanische Philosoph Kazuhiko Yamaki ein. „Die Entwicklung der Atomkraft in Japan wurde sehr stark vom Staat initiiert, in dem Sinne ist sie eine politische Richtlinie des Staates“, so Professor Yamaki, der das Geschehen seit den 50er Jahren beobachtet. Der Atomindustriekomplex Japans betonte, etwa nach Tschernobyl, „dass das menschliche Element bei den Unfällen eine große Rolle spielte. Aber da japanische Ingenieure in diesem Bereich sehr gut geschult seien, würden sie keinen ähnlichen Unfall verursachen“, äußert sich Yamaki über Unterschiede in der japanischen und deutschen Atompolitik. Der japanische Atomindustriekomplex versucht „zu vermeiden, seine Niederlage einzugestehen“. „Wir sollten uns ethisch globalisieren, so dass wir unsere eigene Verantwortung für die Katastrophe übernehmen, indem wir so schnell wie möglich aus der Atomtechnologie aussteigen, wie es gerade in Deutschland geschieht“, appelliert Yamaki. Er wolle „den letzten Tag der Kernenergie“ sehen und sich mit seinen philosophischen Überlegungen „um diesen letzten Tag selbst bemühen“.

Wissenschaftsbeziehungen zwischen Japan und Hildesheim

Professor Tilman Borsche hat sich an der Universität in Hildesheim für eine Professur mit einem Schwerpunkt in ostasiatischer Philosophie eingesetzt, die Professor Rolf Elberfeld seit 2008 inne hat. Regelmäßig begrüßen die Hildesheimer Philosophen Gastprofessoren, so waren etwa der japanische Gegenwartsphilosoph Professor Ryosuke Ohashi zu Forschungsaufenthalten in Hildesheim. Auf einer Cusanus-Tagung im vorigen Jahr sprach Kazuhiko Yamaki in Hildesheim.

Von: Pressestelle, Isa Lange