Leitfadengestütze qualitative Interviews als Erhebungsmethode

Interviewform und Durchführung:

Beim qualitativen Interview handelt es sich um eine spezielle Form der wissenschaftlichen Befragung. Anders als in quantitativen Fragebögen, die dazu dienen, Statistiken zu erstellen, geht es im qualitativen Interview darum, im Detail zu erfahren, was Menschen antreibt, was Ihnen im Leben bedeutsam erscheint und welche Erfahrungen Sie im Leben gemacht haben. Uns interessiert Ihre ganz persönliche und subjektive Sichtweise auf die Dinge. Von Ihnen werden dabei keine besonderen Kenntnisse oder Kompetenzen erwartet. Lediglich zwei Dinge sollten beachtet werden: wir wünschen uns, dass Sie so ausführlich antworten, wie Sie es für nötig halten – es geht also keineswegs darum, möglichst knappe und eindeutige Antworten zu formulieren. Zweitens sollten Sie immer aus Ihrer Perspektive antworten und keine Rücksicht darauf nehmen, was Sie glauben, dass wir hören wollen. Wir als Interviewführende werten dabei weder noch urteilen wir. Wir werden uns im Interview auch zurückhalten und vor allem auf das Fragen beschränken. Dabei werden wir aber nicht nur von einem Blatt Papier ablesen, sondern Ihnen auch immer wieder spontane Nachfragen stellen, wenn wir etwas nicht ganz genau verstanden haben oder zu einem Thema gerne mehr erfahren würden. Wundern Sie sich daher auch nicht, wenn einige der Fragen naiv oder selbsterklärend erscheinen – solche Fragen gehören zum Inventar und dienen dazu, bestimmte Themen und Aspekte möglichst genau zu erfassen. Sie sind dabei während des ganzen Interviews immer in Kontrolle – Sie können eine Frage, die Ihnen unangenehm ist, die sie nicht beantworten wollen oder die sie nicht beantworten können, jederzeit überspringen. Ebenso können Sie jederzeit ohne Grund das Interview abbrechen, falls Sie sich dabei nicht mehr wohl fühlen sollten. Auch über Ihre Anonymität brauchen Sie sich keine Sorgen machen – alle Angaben werden streng vertraulich behandelt und natürlich keine personenbezogenen Daten herausgegeben.

Neben den Erkenntnissen, die wir als Wissenschaftler aus solchen Interviews gewinnen, hat sich gezeigt, dass in der Regel auch die Befragten vom Interview profitieren und dabei Spaß haben. Sie werden durch die Fragen zum Nachdenken angeregt, reflektieren Aspekte des Lebens, die sie bislang kaum beachtet haben und sehen andere Dinge in einem neuen Licht. Für die meisten ist ein qualitatives Interview eine besondere, wenigstens aber immer eine interessante Erfahrung. Wir würden uns daher freuen, Sie für unser Anliegen und ein solches Interview gewinnen zu können und freuen uns auf das Gespräch mit Ihnen.

Das gesamte Interview wird online stattfinden über den Konferenzdienst des Deutschen Forschungsnetzes und wird aufgezeichnet werden. Sie werden von uns hierzu einen Link erhalten. Eine Anmeldung oder Registrierung ist nicht erforderlich. Die Daten werden dort auf einem sicheren Server verwaltet und nicht an Dritte weitergegeben. Bei Interesse oder Fragen wenden Sie sich jederzeit gerne über die folgende Mail-Adresse an uns: generationcorona@uni-hildesheim.de

 

Wissenschaftlich-methodischer Kontext zum Verfahren:

Qualitative Interviews zeichnen sich nach Hollstein und Ullrich (2003: 34) dadurch aus, dass sie das Sinnverstehen in den Mittelpunkt rücken. Es handelt sich um eine Reihe unstandardisierter Interviewformen, bei denen die subjektiven Sichtweisen, Deutungsmuster und Orientierungen der Befragten im Vordergrund stehen (vgl. Helfferich 2011: 21). In unserer Untersuchung greifen wir dabei auf die Form des episodischen, leitfadenbasierten Interviews zurück.  Hierbei werden „mehr oder weniger offen formulierte Fragen in Form eines Leitfadens in die Interviewsituation ‚mitgebracht‘ […], auf die der Interviewte frei antworten soll“ (Flick 1995: 112). Die Reihenfolge der Fragen ist dabei nicht festgelegt, auch können und sollten je nach Gesprächsverlauf gezielte immanente Nachfragen gestellt werden. Im Zentrum des episodischen Interviews steht nach Flick weiterhin „die Annahme, daß Erfahrungen der Subjekte hinsichtlich eines bestimmten Gegenstandbereichs in Form narrativ-episodischen Wissens und in Form semantischen Wissens abgespeichert und erinnert werden“ (1995: 124). Die biographischen Elemente müssen dabei als eine Art sinnhafte Selektion verstanden werden: Sie stellen Ausschnitte der Wirklichkeit dar, die von den Befragten als bedeutungsvoll markiert wurden (vgl. Hahn 1987). Dadurch, dass die Interviewpartner und -partnerinnen Themen, Struktur und Verlauf des Gesprächs mitbestimmen können, sollen narrative Strukturen freigelegt werden, die auf spezifische Wirklichkeitskonzepte verweisen. Die Erzählungen sollten also jene Punkte offenbaren, die aus Sicht der Interviewten von besonderer Relevanz für das besprochene Themenfeld sind. Nicht zuletzt gestattet diese Form der Interviewführung auch einen offenen und lockeren Gesprächsverlauf.

 

Flick, U. (2005): Qualitative Methoden. Theorie, Methoden und Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaft, 3. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Hahn, A. (1987): Identität und Selbstthematisierung, in: Hahn, A. und V. Kapp (1987) (Hsg.): Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Geständnis, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Helfferich, C. (2011): Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews, Wiesbaden: VS.

Hollstein, B. und C. G. Ullrich (2003): Einheit trotz Vielfalt? Zum konstitutiven Kern qualitativer Sozialforschung, in: Soziologie 32 (4) (2003), Frankfurt a. M. / New York: Campus, S. 29-43.

Misoch, S. (2019): Qualitative Interview, 2. Aufl., Oldenbourg: DeGruyter.