Migrationspolitik im Fokus der Forschung

Sunday, 05. July 2015 um 20:06 Uhr

Hannes Schammann befasst sich an der Universität Hildesheim mit Migrations- und Flüchtlingspolitik in Deutschland und der EU. In seiner öffentlichen Antrittsvorlesung spricht der Juniorprofessur für Migrationspolitik Anfang Juli zum Thema „Grenzenlos glücklich? Mythen der Migrationspolitik“. Im Gespräch gibt er vorab Einblick in seine Arbeit.

„Land und Kommunen sollten überlegen, wie sie die Wartezeit von Asylsuchenden sinnvoll nutzen können. Langeweile und erzwungene Untätigkeit verursachen Integrationsprobleme, die man später nur noch mühsam beheben kann", sagt Professor Hannes Schammann. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Sie sind an der Universität Hildesheim Juniorprofessor für Migrationspolitik – bundesweit der erste mit dieser Denomination. Womit befassen Sie sich?

Wie wirkt Politik auf Migration und wie wirkt Migration auf Politik? Wer – Kommunen, Bundesländer, EU, Zivilgesellschaft und Unternehmen – meldet sich wie zu Wort? Jeder redet mit, da gilt es genau zuzuhören. In der Lehre möchte ich Kompetenzen zum Leben in einer pluralen Gesellschaft vermitteln. In meinen Kursen diskutieren Studierende mit Flüchtlingen über die Migrationspolitik der EU, am Beispiel der „Pegida“ erörtern sie Fragen der politischen Kultur. Mit Professorin Marianne Kneuer und Professor Thomas Demmelhuber organisiere ich die öffentliche Vorlesungsreihe „Demokratie und Islam“. Da treffen Hildesheimer und Studierende aufeinander und diskutieren intensiv über eines der emotional am stärksten aufgeladenen Themen unserer Zeit.

Wie verändert sich Flüchtlingspolitik? Einige argumentieren mit der Flaute bei den Fachkräften…

Flüchtlinge werden zunehmend mit Blick auf ihren Nutzen auf dem Arbeitsmarkt gesehen. Viele sind aber traumatisiert, können nicht sofort arbeiten. Es wird harte politische Auseinandersetzungen geben, ob das Asylverfahren tatsächlich zu einer Art Rekrutierungsinstrument für Fachkräfte umgebaut werden soll. Vor allem, wenn Kommunen sagen: Wir möchten MINT-Fachleute. Und nicht: Wir möchten eine Familie zusammenbringen, ihr Schutz geben.

„Wir sind nicht genug Menschen hier“, sagt Goslars Bürgermeister. Er lehnt das „Zwischenparken in Sammelunterkünften“ ab. Wie gehen Kommunen damit um?

Sehr unterschiedlich. Am besten fahren Kommunen, die langfristig flexibel denken und Schwankungen der Flüchtlingszahlen einplanen. Flüchtlingsmigration lässt sich kaum steuern. Die Stadt Münster kooperiert etwa mit Wohnungsbaugesellschaften und plant Zwischennutzungen ein. Die Stadt Hildesheim überrascht mich positiv, denkt pragmatisch. Zuerst kommen Flüchtlinge in die Gemeinschaftsunterkunft, dann möglichst schnell in eigene Wohnungen. Das fördert die Integration und ist meist kostengünstiger. Die Stadt kommt im „Arbeitskreis Asyl“ mit Kirchen, Studierenden und ehrenamtlichen Initiativen zusammen.

Studierende engagieren sich, etwa im Bereich Deutsch als Zweitsprache.

Ich beobachte eine große Bereitschaft, sich zu engagieren. Menschen gehen gemeinsam mit Flüchtlingen zur Behörde, lehren die deutsche Sprache. Aber nicht jeder ist qualifiziert, in allen Bereichen zu helfen. Ehrenamt braucht Hauptamt, die Stadt muss das koordinieren und Freiwillige begleiten.

Wo ist Handlungsbedarf?

Land und Kommunen sollten überlegen, wie sie die Wartezeit von Asylsuchenden sinnvoll nutzen können. Langeweile und erzwungene Untätigkeit verursachen Integrationsprobleme, die man später nur noch mühsam beheben kann. Deshalb sollte die Landesregierung weiterhin konsequent mit dem Bund darüber verhandeln, wie man Asylbewerber ab dem ersten Tag für Integrationskurse zulassen kann. Bislang nämlich dürfen Flüchtlinge zumeist erst an den bundesgeförderten Kursen teilnehmen, wenn sie anerkannt sind. Das ist zu spät. Zweitens sollten Land und Kommunen Möglichkeiten schaffen, damit sich Flüchtlinge sinnvoll beschäftigen können. Man kann beispielsweise gezielt studierende Asylsuchende als Gasthörer an Unis zulassen. In Hildesheim gehen wir erste Schritte und merken: Das Schnupperstudium an der Universität gibt Struktur im Tagesablauf, die Studierenden mit Fluchterfahrung nehmen am normalen Uni-Betrieb teil, wie jeder andere Student auch. Viele haben einen ungesicherten Status, aber sie bringen den Mut auf, sind hoch motiviert, zu lernen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Antrittsvorlesung über Migrationspolitik am 8. Juli 2015

Der Migrationsforscher und Politikwissenschaftler Hannes Schammann spricht in seiner öffentlichen Antrittsvorlesung über Migrationspolitik. Die Veranstaltung mit dem Titel „Grenzenlos glücklich? Mythen der Migrationspolitik“ beginnt am Mittwoch, 8. Juli 2015, um 18:15 Uhr im Hörsaal 4 der Universität Hildesheim (Forum, Universitätsplatz 1, 31141 Hildesheim). Interessierte Bürgerinnen und Bürger, Studierende und Lehrende sind herzlich eingeladen. Hannes Schammann hinterfragt in der Vorlesung einige zentrale Thesen der politikwissenschaftlichen Migrationsforschung. Wird Migrationspolitik in westlichen Demokratien wirklich immer liberaler? Hat die Bevölkerung immer etwas dagegen – und ist „Pegida“ typisch für diese restriktiven Tendenzen? Sind unterschiedliche Ansätze der Flüchtlingspolitik nur zwischen Nationalstaaten zu beobachten?

Zur Person

Prof. Dr. Hannes Schammann ist seit Herbst 2014 Juniorprofessor für Migrationspolitik an der Hildesheimer Universität. Vorher arbeitete er mehrere Jahre in der migrations- und integrationspolitischen Praxis: als Projektleiter für Migration und Integration bei der Robert Bosch Stiftung, als Referent für Grundsatzfragen der Integration beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und als Koordinator für Integrationsprojekte bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Ev. Jugendsozialarbeit. Berufsbegleitend promovierte Hannes Schammann an der Universität Passau zu „Ethnomarketing und Integration“. Er arbeitet besonders gerne an der Schnittstelle von Forschung und Praxis. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen auf Migrations- und Flüchtlingspolitik in Deutschland und der EU sowie auf der Frage nach Teilhabe islamischer Organisationen in Deutschland. An der Universität Hildesheim ergeben sich damit zahlreiche Überschneidungen, insbesondere mit dem Zentrum für Bildungsintegration.

Lesen Sie dieses Interview im aktuellen Uni-Magazin ab Seite 21 (zum epaper)

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)


„Land und Kommunen sollten überlegen, wie sie die Wartezeit von Asylsuchenden sinnvoll nutzen können. Langeweile und erzwungene Untätigkeit verursachen Integrationsprobleme, die man später nur noch mühsam beheben kann", sagt Professor Hannes Schammann. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim