Orientalismus in populärer Musik

Thursday, 31. October 2013 um 11:46 Uhr

In der Literaturwissenschaft, in politischen Debatten, Musikkritiken – Edward Said hat Spuren hinterlassen. Zehn Jahre nach seinem Tod befassen sich Musikwissenschaftler an der Universität Hildesheim auf einer Konferenz mit dem Wirken Saids. In Vorträgen und Live-Performances geht es um die Frage, wie Musik das „kulturell Andere“ schafft.

1935 in Palästina geboren, dort und in Ägypten aufgewachsen. Kein Muslim, sondern Christ. In den USA ein anerkannter Forscher in Princeton, Harvard und zuletzt an der Columbia-Universität aber als Araber gesehen. „Edward W. Said konnte und wollte nicht platznehmen auf den ihm zugewiesenen Stühlen. Das lernen wir aus seinen Schriften, auch aus seinen Vorstellungen über Musik. Es geht nicht darum, Identitäten zu produzieren sondern eher um ein Stadium der Desorientierung und des Dazwischen“, sagt Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt, Musiksoziologe an der Universität Hildesheim. „Ohne Ort zu sein, dieses Gefühl scheint ihn geprägt zu haben. Das reizt uns an Saids Theorie. Wir haben keinen Kern.“

Schulerfahrungen – vor allem Fremdheitserfahrungen – haben Said beschäftigt. „Ich hatte zu tun mit Lehrern, die eine andere Sprache sprachen, für die Zu Hause etwas anderes bedeutete als für mich. In meiner ersten Schule sagten sie: 'Wir gehen über den Sommer nach Hause.‘ Und ich fragte mich, was das eigentlich bedeutete, wohin sie gehen. Ich bin hier nicht wirklich zu Hause. Ich bin kein Ägypter. Wo ist dann eigentlich mein Zu Hause?“, sagte Said kurz vor seinem Tod in einem Interview.

Edward Saids viel rezipiertes Buch Orientalism (1978) gilt als ein Gründungsdokument Postkolonialer Theorie. Mit dem Dirigenten Daniel Barenboim gründete der Kulturtheoretiker das West-Eastern Divan Orchestra. In Hildesheim untersuchen die Forscher, wie Welt und Kulturen in populärer Musik „vorgestellt“ und exotistische Weltvorstellungen produziert werden. Welche Formen kennt die populäre Musik für Mehrdeutigkeit und Ambivalenz?

Das Symposium „Popular Orientalism(s). In Erinnerung an Edward Said als Musikkritiker“ befasst sich vom 7. bis 9. November 2013 an der Universität Hildesheim mit zeitgenössischer populärer Musik und Fragen nationaler oder kultureller Repräsentation. „Subtile Vorstellungen und Klischees des ‚Orients' tauchen im deutschsprachigen Schlager, in Rock- und Pop-Musik und in sogenannter Weltmusik auf“, sagt Johannes Ismaiel-Wendt, der die Konferenz leitet. Brit Pop, Latin Jazz, Afro Beat – in Hildesheim befasst er sich mit den Raumverweisen, die in populärer Musik auffallen. Ob die Bangles mit „Walk like an Egyptian“ oder barfuß tanzende Sängerinnen mit „arabischem Blut“ wie Shakira und Loreen – sie spielen mit dem „kulturell Anderen“. „Musik hat die Kraft, auf unsere Bilder von ‚Anderen‘ einzuwirken, sie zu konstruieren. Das kommt in Wohnzimmern und Clubs bei Hörern an“, so der Kulturwissenschaftler Ismaiel-Wendt.

Beyoncé und Shakira: Orientalismus in der Popmusik

Die Musikindustrie im Blick hat Markus Henrik Wyrwich, der mit dem Buch „Orientalismus in der Popmusik“ (September 2013) 35 Jahre nach Erscheinen des Schlüsselwerkes „Orientalism“ zeigt, wie beliebt orientalistische Phänomene in der Popmusik heute sind und welche soziokulturelle Brisanz von ihnen ausgeht. So hat Madonna mithilfe von Orientalismen Image-Veränderungen eingeleitet, 50 Cent reichert Musikvideos mit sexuellen Haremsfantasien an und Eminem löst Angstkitzel mit Anspielungen auf islamistisch-terroristische Bedrohungen aus. In Hildesheim analysiert Wyrwich den Song „Beautiful Liar“ von Beyoncé und Shakira.

Barbara Hornberger und Matthias Müller stellen Orientalismen in Schlagern und Popsongs vom frühen 20. bis ins 21. Jahrhundert vor. Susanne Binas-Preisendörfer zeigt „Fundstücke orientalischen Begehrens“. Jay Ruthledge und Raimund Vogels diskutieren über „Musiktraditionen zwischen Plattenmarkt und Museum“. Julio Mendívil spricht über „Orientalismus andersrum“ und zeigt, wie Forschung auch exotisiert, da „Mainstream“ wie Schlagercommunities weniger untersucht werden. Alexander Weheliye aus Chicago zeigt in einem Vortrag, wie elektronische Musik als „weiße Musik“ präsentiert wird. So übertönt die Düsseldorfer Gruppe „Kraftwerk“ häufig die Bedeutung der DJs aus der Bronx und Chicago.

Elektronische Musik schafft Desorientierung

„Neue Wege findet die elektronische Tanzmusik. Musiker wie Saam Schlamminger (aka Chronomad) zeigen, welche neuen Möglichkeiten Musik selbst bietet, um einer kartierten Welt zu entfliehen oder in eine Schublade eingeordnet zu werden“, sagt Johannes Ismaiel-Wendt. So erfinden sie „heimatlose Klänge, Sounds und Melodien, die an Aliens erinnern“. Zwischen den Vorträgen der Hildesheimer Konferenz sind intensive Live-Performances eingebaut. So streuen Saam Schlamminger und der Produzent Burnt Friedman in das Tohuwabohu der Sound-Installation „Repetition:Takes:Place in Actuality“ kulturelle Pattern. Im Burgtheater auf der Domäne inszenieren sie in einer Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin unmögliche Resonanzräume. Ursprünge dafür sind Trommeln, Flöten und Echos. Sie irritieren –,  eine E-Gitarre klingt da wie eine indische Sitar.

„Je nachdem von welchem Standpunkt aus ich höre, höre ich unterschiedlich“, berichtet Ismaiel-Wendt und weist auf eine weitere Performance mit dem Titel „Desorientierung in ferner Nähe“ hin. „Simone Ayivi, Katharina Kellermann und Juliane Kremberg zeigen, wie der Orient in Bildern und in unseren Wohnzimmern auftaucht, die täglichen Bilder, die wir von Arabern zu sehen bekommen. Sie stellen die Frage: Was bedeutet Arbeit am eigenen exotisierenden Blick?“

All die klischeehaften Bilder seien „sehr wirksam“, so der Musiksoziologe. „Walt Disneys Filme sind Schätze, für Bilder, die wir vom Orient haben. Da ist Aladin, der Meisterdieb, der klaut, ein dunkelhäutiger Junge mit weiten Hosen um Diebesgut zu verstauen.“

Wie der Alltag in Schulen auf Einwanderung reagiert, ist ungeklärt

Ismaiel-Wendt hat daher zur Konferenz Erziehungswissenschaftler eingeladen, fragt nach zeitgenössischer postkolonialer Bildung und hofft, dass auch Musiklehrer aus der Region teilnehmen. Viola Georgi, Professorin für Diversity Education an der Universität Hildesheim ist Gastgeberin für eine besondere Lecture-Performance von Mark Campbell (aka DJ Grumps). Der Pädagoge und Künstler aus Toronto wird den „Remix“ hörbar machen. „Deutschland ist ein Einwanderungsland, aber wie der Alltag in Schulen darauf reagiert ist ungeklärt“, sagt Ismaiel-Wendt und warnt vor ethnisierenden Zuschreibungen. „Integrieren wir jetzt türkische Tonleitern in den Musikunterricht, weil türkische Schüler im Klassenzimmer sitzen? Und was ist, wenn diese Kinder diese Klänge nicht kennen, weil sie mit Rock und Pop aus Großbritannien aufgewachsen sind?“

Das Symposium führt musikwissenschaftliche und musikethnologische Abteilungen der niedersächsischen Universitäten Göttingen, Hannover, Oldenburg und Hildesheim sowie internationale Experten zusammen. Audio-Installationen werden in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt, Berlin, entwickelt. Bereits vom 31. Oktober bis 2. November 2013 fragen Wissenschaftler aus der arabischen Welt, den USA, Lateinamerika und Asien auf einem Symposium im Haus der Kulturen der Welt nach dem wissenschaftlichen und politischen Erbe Saids im Hinblick auf die aktuellen Transformationsprozesse in der arabischen Welt.

Die Konferenz ist kostenfrei und öffentlich. Interessierte sind herzlich eingeladen. Veranstaltungsort ist am 7. November der Kulturcampus Domäne Marienburg, am 8. und 9. November das Center for World Music in Hildesheim. Veranstalter sind das Institut für Musik und Musikwissenschaft und das „Herder-Kolleg. Zentrum für transdisziplinäre Kulturforschung“ der Universität Hildesheim. In Kooperation mit dem Center for World Music und dem Zentrum für Bildungsintegration der Universität Hildesheim und dem Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Die Sparkasse Hildesheim unterstützt das Symposium.


Zwischen den Vorträgen über Orientalismus in der Popmusik sind Live-Performances eingebaut. „Klischees des ‚Orients' tauchen im Schlager, in Rock- und Pop-Musik auf. Die elektronische Tanzmusik geht neue Wege“, sagt Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt. Foto: Lange/Uni Hildesheim

Zwischen den Vorträgen über Orientalismus in der Popmusik sind Live-Performances eingebaut. „Klischees des ‚Orients' tauchen im Schlager, in Rock- und Pop-Musik auf. Die elektronische Tanzmusik geht neue Wege“, sagt Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt. Foto: Zwischen den Vorträgen über Orientalismus in der Popmusik sind Live-Performances eingebaut. „Klischees des ‚Orients' tauchen im Schlager, in Rock- und Pop-Musik auf. Die elektronische Tanzmusik geht neue Wege“, sagt Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt. Foto: Lange/Uni Hildesheim