ECoCs 2015-2019
Aus den Höhlen hinaus in eine offene Zukunft
Die Kulturhauptstadt Matera 2019 will mehr sein als nur malerisch

Matera, la vergogna nazionale, die nationale Schande. So bezeichnete der Generalsekretär der kommunistischen Partei Italiens, Palmiro Togliatti, im Jahr 1948 die süditalienische Stadt in der Region Basilicata. Damals lebten in der Altstadt noch 15.000 Menschen in den „Sassi“, den Steinhöhlen, ohne Wasser und Strom, zusammen mit ihren Schafen, Ziegen und einer Kindersterblichkeit von fast 50%. Und jetzt: Kulturhauptstadt Europas 2019, das heißt Triumph über die 20 (!) unterlegenen Mitbewerberstädte (darunter Cagliari, Siena und Venedig), europaweite Aufmerksamkeit und viele Touristen. Vom Elendsort zum place to be. In dieses Horn stoßen zahlreiche Medien, die im Vorfeld über Matera, das den Titel der Kulturhauptstadt Europas  2019 zusammen mit dem bulgarischen Plowdiw trägt, berichten. Doch dies ist eine sehr verkürzte Darstellung. Denn die Sassi, deren Bewohner Anfang der 1950er Jahre in neugebaute Wohnungen umgesiedelt wurden, haben längst eine neue und erfolgreiche Bestimmung gefunden. Seit den 1980er Jahren wurden die faszinierenden Höhlen, in denen schon seit 9.000 Jahren Menschen gelebt haben, von Künstlern zurückerobert. Seit 1993 gehören die Sassi zum UNESCO-Weltkulturerbe. Damit verbunden ist jetzt schon eine stattliche Anzahl von Touristen, die im Kulturhauptstadtjahr auf 800.000 Besucher gesteigert werden soll. Man möchte dem nur 60.000 Einwohner zählenden Matera wünschen, bei seiner favorisierten Zielgruppe den Unterschied zwischen Masse und Klasse nicht aus den Augen zu verlieren.

Dieser Herausforderung begegnen die Programmverantwortlichen mit einem besonderen Konzept für den Zugang zu den kulturellen Aktivitäten in diesem Jahr: Besucher erwerben für 19 Euro einen „Pass“ und damit eine „kulturelle Staatsbürgerschaft“, und können damit alle Veranstaltungen im Kulturhauptstadtjahr besuchen. Sie sollen gerade nicht nur konsumierende Touristen sein, sondern im Gegenteil temporäre Bürger der Stadt, die sich aktiv einbringen, um den Zielen der Kulturhauptstadt näher zu kommen. Dazu gehören fünf konkrete thematische Säulen (siehe https://www.matera-basilicata2019.it/en/programme/themes.html), aber auch abstrakte Vorhaben wie capacity builiding (Kapazitätsaufbau / „Hilfe zur Selbsthilfe“) in den Bereichen kreatives Unternehmertum und kulturelle Nachhaltigkeit. Sehr großspurig beschreibt die Broschüre „Open future“, benannt nach dem Motto der Kulturhauptstadt, die Voraussetzungen für die Agenda: in Matera „one becomes aware of the fundamentals of the cosmos and the fragility of existence, of the cycles of life and death and natural processes“.

 

Die Herausforderung ist, die Begeisterung aufrechtzuerhalten

Das Programm „Kulturhauptstadt Europas“ hat sich im Laufe seiner über 30jährigen Geschichte zu einem Instrument professionalisiert, das als „Katalysator“ oder „Stipendium“, wie es im Diskurs häufig genannt wird, Anlass, Rahmen und Motivation bieten kann, um auch langfristige Ziele zu erreichen. Bekannte titeltragende Städte der Vergangenheit wie RUHR.2010 und Marseille-Provence 2013 hatten sich dies auf die Fahnen geschrieben und dabei teilweise beachtenswerte und beispielgebende Resultate erzielt. Dabei ist es gerade für die mittel- bis langfristigen Projekte die Herausforderung, die beschlossene kulturelle Entwicklungsstrategie und ihr Mit-Tragen durch die Bevölkerung über die Jahre aufrecht zu erhalten. Als Matera 2014 den Titel der Kulturhauptstadt erhielt, war die Freude in der Stadtbevölkerung unbändig. Wie jede mit dem Titel ausgezeichnete Stadt hatte Matera nach der Ernennung fünf Jahre Zeit, um sein Programm auf den Weg zu bringen. In diese Zeit fiel die Abwahl des Bürgermeisters Salvatore Adduce, der sich zuvor vehement für die Kulturhauptstadtbewerbung eingesetzt hatte. Sein Nachfolger hatte hierbei weniger Ehrgeiz, und so mussten sich nach Adduces Amtszeit die Vorbereitungen für 2019 neu organisieren. Wäre in der Vorbereitungszeit alles optimal gelaufen, so wären Infrastrukturprobleme wie die schlechte Anbindung Materas an das Eisenbahnnetz oder eine fehlende Aufführungsstätte für die darstellenden Künste angegangen worden. Auch für das capacity building-Programm hätte die Vorlaufzeit besser genutzt werden können – es startete erst 2017.

Obwohl einige Vorhaben also noch auf ihre Umsetzung in der Zukunft warten, wurden doch kulturpolitisch relevante Neuerungen realisiert. Dazu zählen die Open Design School (ODS) und das Instituto Demo-Etno-Antropologica (I-DEA), die beide als interdisziplinäre Ausbildungsstätte bzw. als Werkstatt-Archiv die zukunftsgerichteten Ideen der Kulturhauptstadt fördern, institutionalisieren und damit verstetigen sollen.

Matera 2019 versteht sich darüber hinaus als „Zukunftslabor für ganz Süditalien und Südeuropa“, erklärt Ariane Bieou, eine der Managerinnen des Kulturhauptstadt-Teams. Der abgehängte Mezzogiorno solle Impulse für ein neues Selbstbewusstsein und eine neue Selbstverortung erhalten. „Ist das immer nur eine Geldfrage? Oder hat es auch etwas mit uns und unserer eigenen Haltung zu tun?“, fragt Adduce, der jetzt zwar nicht mehr als Bürgermeister, aber nunmehr als Präsident der Stiftung Matera-Basilicata 2019 für die Kulturhauptstadt zuständig ist. Die positiven Seiten des Südens, Bescheidenheit, Gastlichkeit und die Fähigkeit, das Leben stressfrei anzugehen, sollen neu ausgelotet werden – als Gegenentwurf eines Europas, das sonst eher von nord-westlichen Werten dominiert ist und auf den Süden herabblickt. Spannend wäre hierzu eine mögliche Fortsetzung im Jahr 2021, wenn erstmalig drei Städte, die alle in Südosteuropa liegen, gleichzeitig Kulturhauptstädte Europas werden.

 

 

Kristina Jacobsen ist Mitbegründerin des ECoC LAB am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim

 

Große Pläne.
Plovdiv ist Kulturhauptstadt Europas 2019

Manchmal kommt eben doch alles anders. Plovdiv, die zweitgrößte Stadt Bulgariens, die sich in diesem Jahr den Titel der Kulturhauptstadt Europas mit dem italienischen Matera teilt, hatte sich mit dem übergeordneten Motto „together“ um die die Auszeichnung beworben. „Together“ bezog sich in der Bewerbungsschrift besonders auf den Austausch mit den in Plovdiv lebenden Roma, die ca. 20% der Stadtbevölkerung ausmachen und vorwiegend in einem eigenen Stadtbezirk sehr abgetrennt leben. Man kann förmlich in die Köpfe der EU-Auswahljury gucken, die sich farbenfrohe und temperamentvolle Kulturaustauschprojekte mit der Roma-Community vorgestellt haben mag, als sie Plovdiv den Zuschlag erteilte. Doch sind die Gegensätze zwischen Stolipinovo, dem mit 80.000 Einwohnern größten Roma-„Ghetto“ Europas, und dem Rest der Stadt gigantisch: Mehren sich etwa im Stadtteil Kapana die Bars, in denen man, auf umstrickten Palettenmöbeln sitzend, von stylischen jungen Männern mit gestutzten Vollbärten auf Englisch politisch korrektes Essen serviert bekommt, so sieht man in Stolipinovo neben viel Müll am Straßenrand tatsächlich noch Pferde als Transportmittel für Menschen und Waren.

Was kann ein Kulturhauptstadtprogramm, zumal mit engen finanziellen Möglichkeiten, bei diesen gesellschaftlichen Unterschieden ausrichten? Es waren künstlerische Begegnungen und viele kulturpädagogische Projekte geplant, von denen ein großer Teil jedoch aus praktischen Gründen abgesagt werden musste - obwohl der Austausch mit den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Stadt eigentlich das Herz der Bewerbung Plovdivs ausgemacht hatte. Infrastrukturprojekte wie der Bau neuer Kulturorte, wie es etwa in Aarhus oder Pilsen zum Kulturhauptstadtprogramm gehörte, waren nicht vorgesehen. Entsprechend genervt reagiert das Kulturhauptstadtteam, wenn Journalisten immer wieder fragen, warum denn die zentralen Kulturstätten zum Programmjahr nicht fertig geworden sind. Denn in seiner Verantwortung lag es nicht, dass der Hauptplatz noch immer eine Baustelle ist, die größte Konzerthalle der Stadt derzeit nicht genutzt werden kann, und auch im Kino Kosmos, das in der Sowjetzeit als größtes Kino Bulgariens mit 900 Plätzen errichtet wurde, noch immer eine große Renovierung ansteht.

 

Kulturelles Erbe und aktuelle Aufgaben

Ein vielfältiges Kulturhauptstadtprogramm gibt es dennoch. Es fügt sich in die kulturhistorisch ohnehin sehr spannende, knapp 350.000 Einwohner zählende Stadt ein. Hier hinterließen Thraker, Griechen, Römer, Osmanen, Armenier, Juden und Russen ihre Spuren, die ältesten Siedlungsspuren stammen aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. Ein römisches Stadion wurde in der Fußgängerzone eindrucksvoll freigelegt, und in dem großen Amphitheater in der Altstadt finden Aufführungen und Events des Kulturhauptstadtprogramms statt. Überall in der Stadt sind Überbleibsel von Epochen, Kulturen und Ethnien wahrnehmbar, auch die Synagoge und das Minarett der Dschumaja Moschee gehören dazu. Doch merkwürdig ist in Plovdiv wie in vielen anderen Städten, dass Einwanderung und die Durchmischung der Bevölkerung im Rückblick als Bereicherung dargestellt und in Bezug auf die Gegenwart ganz anders aufgefasst werden. Dies erinnert an Wrocław, Kulturhauptstadt Europas 2016, das nach dem Zweiten Weltkrieg einen kompletten Bevölkerungsaustausch erlebt hat und dessen heutige Bewohner somit fast ausschließlich Flüchtlinge und Vertriebene bzw. deren Nachkommen sind. Eklatanterweise wurde in Wrocław die Chance verpasst, der Flüchtlingsthematik im Kulturhauptstadtprogramm einen angemessenen Raum zu geben, obgleich die EU-Regularien doch aktuelle Bezüge zum „besseren gegenseitigen Verstehens der europäischen Bürger“ vorschreiben.

„Für Bulgarien ist Migration nicht so ein großes Thema. Flüchtlinge erreichen die EU zwar oft an der bulgarischen Außengrenze, aber sie wollen hier ja eh nicht bleiben, sondern nach Nord- und Westeuropa weiterziehen“, erläutert Svetlana Kujumdzhieva, die künstlerische Direktorin von Plovdiv 2019. So kann man es offensichtlich auch sehen.

 

Kooperationen der (Bewerber-)Städte

Plovdiv ist die erste Kulturhauptstadt Europas, die in Bulgarien stattfindet. In den kommenden Jahren wird es diverse Kulturhauptstädte in Südosteuropa geben (Rijeka, Novi Sad, Eleusis und Timișoara) und man darf gespannt sein, welche inhaltlichen Schwerpunkte die jetzt schon miteinander vernetzten Städte in der Kulturhauptstadtreihe setzen werden. Auch ist es die erste Kulturhauptstadt mit kyrillischer Schrift, was Bulgariens besondere Lage „zwischen“ der EU und Russland vor Augen führt. Stolz ist man in Plovdiv darauf, sich im Wettbewerb gegen sieben bulgarische Bewerberstädte, darunter die Hauptstadt Sofia, durchgesetzt zu haben. Wie das erreicht wurde, ist auch für die deutschen Städte, die sich für den Kulturhauptstadttitel für das Jahr 2025 bewerben, von besonderem Interesse. Die deutschen Kandidatenstädte müssen ihre Bewerbungsschriften bis Ende September (2019) einreichen. Mehrere Delegationen aus verschiedenen Bewerberstädten sind schon nach Plovdiv gereist, um sich nach ihrem jahrelangen Bewerbungsprozess die jüngsten Entwicklungen der Initiative nicht zu entgehen lassen.

 

Nachhaltig, nur anders als geplant

Was wird von der Kulturhauptstadt Plovdiv 2019 bleiben? Offenbar nicht wie ursprünglich geplant die interkulturellen Begegnungen mit der größten Minderheit der Stadt, den Roma. Vielleicht werden es doch die städtebaulichen Neuerungen sein, die im Kontext der Kulturhauptstadt stehen, auch wenn dies ursprünglich gar nicht so konzipiert worden war. Denn positiv gedeutet ist es ja auch eine Art Nachhaltigkeit, dass über das Programmjahr hinaus an Vorhaben gearbeitet wird. So werden sicher in den nächsten Jahren neue oder neu gestaltete Kulturstätten entstehen, etwa wird das Kosmos Kino zu einem Veranstaltungssaal mit Bibliothek umgebaut. Auch das Flussufer der Mariza soll zu einem neuen Begegnungsort werden. Wunderbar, wenn dies alles gelänge.

Das größte Verdienst des Kulturhauptstadtteams für die Stadt ist sein Einsatz für den Denkmalschutz. Das betrifft in erster Linie die imposanten Warenhäuser, die aus der Hochzeit der Tabakindustrie stammen und nach dem Ende der Sowjetunion privatisiert wurden. Viele der Besitzer würden sie gern abreißen, um die großen Grundstücke mit modernen Gebäuden rentabler zu bewirtschaften. Nachdem der Abriss verboten wurde, sollen einige der Eigentümer verschiedene Tricks angewandt haben, um doch noch zum Ziel zu gelangen: Teilweise wurden Feuer gelegt, oder die Dächer wurden abgetragen, damit der Regen den Abriss übernimmt. Die Kulturhauptstadt-Verantwortlichen mobilisierten die Bevölkerung, um auf den Umgang mit den Gebäuden der Tabakstadt, so der Name des Viertels, aufmerksam zu machen. Mit Erfolg: Sie erreichten zunächst ein Verkaufsverbot der historischen Warenhäuser und später eine Präzisierung des Denkmalschutzes. Auch wenn derzeit noch offen ist, inwieweit die Kulturhauptstadtorganisation nach 2019 überhaupt weiter bestehen wird, so hat sie mindestens dem Stadtbild Plovdivs hierbei schon einen großen Dienst erwiesen.

erschienen in der Zeitung "Politik und Kultur 09/2019"

Ein Jahr der „Festa“ auf Malta - Valletta präsentiert sich als fragwürdige „Kulturhauptstadt Europas 2018“

Kristina Jacobsen

Von Valletta 2018 (V18), der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, ist hierzulande wenig zu hören. Seitdem das Interesse am Thema “Kulturhauptstadt” in Deutschland aufgrund des laufenden Bewerbungsverfahrens um den Titel virulent geworden ist, werden zwar die aktuellen Kulturhauptstädte eifrig von deutschen Delegationen besucht; aber das niederländische Leeuwarden, das dieses Jahr ebenfalls die Auszeichnung trägt, ist eben als im Nachbarland gelegen unkomplizierter zu bereisen.

Valletta ist die kleinste Hauptstadt der EU, in deren kleinstem Mitgliedstaat Malta, und sie ist mit knapp 6.000 Einwohnern gleichzeitig die kleinste Kulturhauptstadt Europas in der 33jährigen Geschichte der Initiative. Allerdings werden die gesamten maltesischen Inseln in das Programm miteinbezogen, die insgesamt bislang eher wegen ihrer attraktiven Landschaft, aber auch wegen ihrer kulturhistorischen Schätze (UNESCO-Welterbe) als touristische Destination bekannt sind.

Viel ist derzeit in der deutschen Medienlandschaft zu lesen, was eine „Kulturhauptstadt Europas“ alles kann und soll. Neun Städte hat hierzulande der Ehrgeiz gepackt (und vielleicht werden es noch mehr), sich für den Titel zu bewerben, der im Jahr 2025 das nächste Mal in Deutschland verliehen wird. Viele Hoffnungen werden damit verbunden – so soll das Kulturhauptstadtprogramm insgesamt zum Motor für die Stadtentwicklung werden und Politikfelder wie Kunst und Kultur, Tourismus, Kreativwirtschaft oder auch das Image der Stadt zum Blühen bringen. Aber auch aktuelle oder historische gesellschaftliche Probleme können in der Agenda einer Kulturhauptstadt eine Rolle spielen – dies wird von der europäischen Auswahljury umso mehr goutiert, wenn die Umsetzung über eine europaweite „Modellhaftigkeit“ verfügt.

Was sind also die allgemeinen Ziele der Kulturhauptstadt V18, welche Probleme möchte sie angehen und was ist ihr kulturpolitischer Beitrag? Nicht wahrnehmbar wird zumindest das Thema, mit dem Malta in den letzten Monaten international in den Medien präsent ist, im Kulturhauptstadtprogramm behandelt, nämlich das Eintreffen von Flüchtlingsbooten auf der Mittelmeerinsel. Dies war auch schon vor zwei Jahren in der damaligen Kulturhauptstadt Wrocław 2016 zu bemängeln: Eine Stadt, deren Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu komplett ausgetauscht wurde, die also quasi nur aus Flüchtlingen besteht, widmet sich als EU-Kulturhauptstadt offiziell dem Auftrag, aktuelle und (inter-)kulturelle Themen, die für ganz Europa relevant sind, zu behandeln – und lässt Fragen zum Umgang mit geflüchteten Menschen größtenteils außen vor. Erstaunlich.

Kulturhauptstadt als Whitewashing-Programm?

Auch an anderen Stellen wird deutlich, dass das Kulturhauptstadtprogramm von Valletta nicht den Mut aufweist, sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen auseinander zu setzen. Der Umgang mit der im Oktober 2017 ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia, die korrupten und mafiösen Strukturen im Staatsapparat auf der Spur war, gehört dazu. Das Mahnmal des Mordopfers wurde neun Mal wegen Aktivitäten des Kulturhauptstadtprogramms geräumt, und der Leiter der V18-Foundation, die das Programmjahr verantwortet, Jason Micallef, rief öffentlich zu dessen Boykott auf. Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik? Hier nicht. Ulrich Fuchs, der Leiter der EU-Jury, die Valletta den Zuschlag erteilt hat, nennt es einen Skandal, „dass es ganz offensichtlich ein politisch missbrauchtes Projekt ist, das nicht mehr Kunst und Kultur und den europäischen Gedanken in den Vordergrund stellt, sondern den Schutz nationaler Interessen“. In der Geschichte der Initiative, die es seit 1985 gibt, sei dies „ein einzigartiger Fall, dass eine Jury, die für die Auswahl und Begleitung dieses Projekts verantwortlich war, das Projekt boykottiert.“ Die „Festa“, wie das Motto von V18 in Anlehnung an die pompösen kirchlichen Feste auf Malta heißt, soll offensichtlich von den politischen Problemen des Landes ablenken und stattdessen für gute Stimmung sorgen.

Dass das kulturpolitische Instrument der Kulturhauptstadt durchaus den Anstoß geben kann, auch in gesellschaftliche Bereiche vorzudringen, die wehtun, bewies zuletzt die Kulturhauptstadt Donostia – San Sebastián 2016. Sie machte die Spaltung der baskischen Bevölkerung in Anhänger und Gegner bzw. Opfer der blutigen separatistischen Bewegung in den 1960er und 1970er Jahren (und darüber hinaus) zu ihrem Hauptthema.

Schade, dass nun die Gelegenheit nicht genutzt wurde, einen offenen Diskurs mit der Bevölkerung zu wagen, wie man in Zukunft miteinander leben möchte. Dies versucht die aktuelle Kulturhauptstadt Europas Leeuwarden („Iepen Mienskip“), ebenso wie viele der vergangenen Kulturhauptstädte, was nicht zuletzt an ihrem jeweiligen Motto ablesbar war (z.B. „Open up!“ bei Plzeň 2015 oder „Let’s Rethink“ bei Aarhus 2017).

Ein polymorphes und umfangreiches Kulturprogramm gibt es in V18 dennoch. Auch wurde wie bei anderen Kulturhauptstädten (z.B. Weimar 1999 oder Istanbul 2010) der Zeitraum zwischen Ernennung zur Kulturhauptstadt und dem tatsächlichen Programmjahr dafür genutzt, kulturelle Institutionen und bedeutende Bauten zu sanieren. Mehr als 50 Millionen Euro wurden seit 2013 in Valletta investiert, davon 10 Millionen im Kulturbereich - die größten Investitionen seit Maltas Unabhängigkeit vom Vereinten Königreich 1964. Die sichtbarsten Beispiele dafür sind der Umbau des alten National Museum of Fine Arts zum Kunstmuseum MUŻA und die Wiederbelebung der Strait Street (Strada Stretta). Einst pulsierende, dreckig-bunte Amüsiermeile für Matrosen, war das wilde Leben dort in den 1980er Jahren eingeschlafen. Im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms soll ihr durch Künstler und Kreative neues Leben eingehaucht werden.

Bemerkenswert ist weiter, dass die V18-Foundation ein Forschungs- und Evaluierungsprogramm eingesetzt hat. Dies kann einen wichtigen Baustein liefern zur Forschung über Kulturhauptstädte und zum Wissenstransfer, was bislang von der EU-Kommission viel zu stiefmütterlich behandelt wurde. Es ist zu hoffen, dass Ansätze der „Behübschung einer Situation, die zum kritischen Reflektieren Anlass böte“ (Fuchs) von der Wissenschaft aufgegriffen und eingehend untersucht werden.

Iepen Mienskip und wilde Kartoffeln in Leeuwarden-Fryslân 2018

Stephanie Koch

Iepen Mienskip (Offene Gemeinschaft) ist das jahresumspannende Motto von Leeuwarden-Fryslân 2018 - eine der beiden aktuellen Kulturhauptstädte Europas neben Valletta (Malta). Wechselseitige kulturelle Beziehungen und Zusammenhalt, Sprachenreichtum, Naturverbundenheit und Bewusstsein für Artenvielfalt, sowie nachhaltige Lebensgestaltung sind nur einige der Themen, welche die inhaltliche Richtschnur für dieses besondere Jahr in der Provinz Friesland bilden. Es geht ums Träumen, Anpacken und Anderssein – diese Trias soll die Basis für die Gestaltung der friesischen Zukunft sein und in Form unterschiedlicher Aktivitäten im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres grenzüberschreitende Ausstrahlungskraft entfalten.

Als am 06. September 2013 verkündet wurde, dass sich Leeuwarden-Fryslân gegen die noch verbliebenen Mitbewerberstädte, Eindhoven und Maastricht mit der Euregio Maas-Rhein, behaupten konnte, mussten sich die Programmverantwortlichen, wie Oeds Westerhof (Direktor für Network & Legacy Leeuwarden-Fryslân 2018, LF2018), die Frage stellen: Wie beginnen wir nun mit der Umsetzung des theoretischen Plans?

Wenn es möglich wäre, die Zeit noch einmal bis zu diesem Zeitpunkt zurückzudrehen, dann würde Oeds Westerhof zunächst einmal ein Jahr lang warten, Ruhe bewahren („Keep calm!“) und dann mit der Planung der praktischen Umsetzung des Kulturhauptstadtjahres beginnen. Dies berichtete er einer Gruppe von Studierenden der Universität Hildesheim während einer Präsentation mit anschließender Diskussionsrunde im Sitzungssaal des Provinciehuus Leeuwarden im Juni. Neben ihm sprachen außerdem Sjoerd Feitsma (Ratsherr für Finanzen und Kultur LF2018) , Nienk Hoepmann (Programmmanager LF 2018), sowie Rudolf Simons (Manager European Capital of Culture 2018 Monitoring & Evaluation) über die Herausforderungen, Potentiale und Erfolgsgeschichten, die ihnen auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas 2018 bereits begegnet sind und an denen sie weiterhin arbeiten müssen.

Im Zeitraum vom 28. Juni bis zum 01. Juli 2018 begleitete das ECoC LAB eine Gruppe von 13 Studierenden der Kulturwissenschaften und Kulturvermittlung, sowie zwei Dozent_innen des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim bei ihrer Exkursion in die aktuelle niederländische Kulturhauptstadt Europas 2018. Innerhalb des Exkursionsseminars zum Thema „Kulturpolitik für ländliche Räume. Kulturhauptstadt Leeuwarden- Fryslân 2018“ beschäftigten sich die Studierenden intensiv mit der Kulturlandschaft Leeuwardens im urbanen und vor allem im ruralen Raum. Wie wird der ländliche Raum in das Programm der Kulturhauptstadt mit einbezogen? Welche Form von Partizipation erhält die Bevölkerung der angrenzenden Kleinstädte und Dörfer bei der Gestaltung des Kulturhauptstadtjahres? Wie kommen die Menschen von A nach B, um das reichhaltige kulturelle Angebot nutzen zu können? Fragen wie diese konnten die Studierenden den Gesprächspartner_innen stellen, auf die sie im Laufe der Exkursion trafen.

Kristina Jacobsen und Stephanie Koch vom ECoC LAB waren einerseits für die inhaltliche Begleitung der Exkursion mitverantwortlich, wobei sie fachlichen Input zur Arbeit des ECoC LAB und zur Entstehungsgeschichte der Kulturhauptstadt Europas gaben, sowie über die Rechtsgrundlagen zum Einbezug des ländlichen Raums in die Kulturhauptstadt referierten. Andererseits nutzten sie das Exkursionsprogramm für den Besuch verschiedener ECoC-Orte und -Initiativen und konnten Fachgespräche, sowie Interviews mit unterschiedlichen Protagonist_innen aus Politik, Kultur und Bevölkerung der Kulturhauptstadt Europas 2018 führen.

Die Exkursionsgruppe lernte während ihres Aufenthaltes verschiedene beispielhafte Projekte und Institutionen des umfangreichen LF2018-Programms kennen, darunter die Initiative der regionalen Stadtbibliotheken Leen een Fries („Leihe einen Friesen“). Dies ist ein Konzept für alternative Stadtführungen, die von „Locals“ mit individuellen inhaltlichen und geografischen Schwerpunkten angeboten werden. Ausgehend vom Prinzip des Ausleihens von Informationsmedien in Bibliotheken entwickelten die Stadtbibliotheken in Leeuwarden-Fryslân das Angebot der Ausleihe von freiwillig registrierten Personen mit einer besonderen Geschichte, einem interessanten Hobby oder ganz speziellem Wissen, das sie mit Einzelpersonen oder Gruppen teilen wollen. Ein Organisationsteam der jeweiligen Stadtbibliotheken verwaltet die sogenannte „Kollektion“ der ausleihbaren Friesen und ist bestrebt, dieses Projekt auch über das Kulturhauptstadtjahr hinaus anbieten zu können (https://leeneenfries.nl/de/).

Ausgehend von der Existenz zweier Amtssprachen in Friesland - Niederländisch und (West)Friesisch - als Besonderheit der Region wurde das internationale Projekt Lân fan taal (Land der Sprachen) anlässlich des Kulturhauptstadtprogramms initiiert. Die ungemeine Vielfalt und Grenzenlosigkeit der Sprachen auf der ganzen Welt sollen im Land der Sprachen herausgestellt, erfahrbar gemacht und gefeiert werden. Lân fan taalist in Form von Ausstellungen, künstlerischen Interventionen im Innen- und Außenraum, dem neugebauten Besucherzentrum OBE - das zugleich als „Sprach-Erlebniszentrum“ dienen soll - und durch diverse öffentliche Veranstaltungen rund um den zentral gelegenen Oldehoofsterkerkhof, dem Tresoar („Schatzkammer der Friesen“) und im historischen Zentrum von Leeuwarden zu erleben (https://lanfantaal.de/).

Der Besuch der Ausstellung Places of Hope, welche die niederländischen Pioniere einer „neuen Zukunft“ und die Lebensraumgestaltung im Sinne der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt rückt, ist ein weiteres Projekt, das für LF2018 realisiert worden ist. Places of Hope wurde von den beiden Kuratoren Maarten Hajer und Michiel van Iersel gestaltet. Die multisensorische Ausstellung fungiert zugleich als interaktiver Forschungsort und lädt die Besucher_innen durch Ateliers, Gespräche und Workshops dazu ein, sich gemeinsam auf die Suche nach dem „guten Leben von Morgen“ zu begeben – letztlich auch über die niederländischen Grenzen hinaus. Das Ausstellungsprojekt wurde der Exkursionsgruppe von Jesse Hoffmanns vorgestellt, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Urban Futures Studio der Universität Utrecht. Er ist einer der interdisziplinären Mitarbeiter_innen von Places of Hope (https://placesofhope.nl/en/).

Mit Joop Mulder, dem Creative Director des Kunstprojektes Sense of Place, diskutierten die Exkursionsteilnehmenden intensiv über den Einbezug des ländlichen Raums in das Konzept der Kulturhauptstadt Europas 2018. Sense of Place steht für die Entstehung kultureller Landschaftsprojekte entlang der gesamten niederländischen Wattenmeerküste. Bereits jetzt und im Laufe der nächsten Jahre soll durch diese künstlerischen, teilweise gemeinsam mit den Bewohner_innen dieser Region entwickelten Interventionen auf die Einzigartigkeit der lokalen Natur, insbesondere auf die Kulturgeschichte des Wattemeeres hingewiesen werden und ein Gefühl für den Ort („Sense of Place“) geschaffen bzw. betont werden (https://www.sense-of-place.eu/de/). Die Projekte Potaties go Wild und Fruchtbere Grond in Sint Annaparochie wurden exemplarisch für die kulturellen Aktivitäten im ländlichen Raum von den Studierenenden aufgesucht – inklusive eigenhändiger Kartoffelernte auf dem Feld.

Die regionale Spannweite des Kulturhauptstadtjahres 2018 ist auch an der 11-Städte und Dörfer-Route zu erkennen und lässt sich physisch per pedes, mit dem Fahrrad oder motorisiert erleben. In diesen Orten lassen sich zudem elf Springbrunnen finden, die von international renommierten, aus elf unterschiedlichen Ländern stammenden Künstler_innen gestaltet wurden. Symbolisch steht das Projekt 11 Fountains für die Verbindung der elf Städte durch das Wasser – ein Sujet, das sich durch das gesamte LF2018-Programm zieht. Dieses Kunstprojekt polarisiert die friesische Bevölkerung. Einerseits gibt es die überzeugten Befürworter_innen des Projektes – die Programmverantwortlichen positionierten sich in den geführten Gesprächen mit der Exkursionsgruppe klar zu dieser Seite und verschwiegen in diesem Zuge nicht die Bedeutung des Kunstprojektes für die erhoffte Tourismussteigerung. Andererseits wurden auch einige kritische Stimmen laut, vorrangig aus der Bevölkerung und seitens der lokalen Kulturschaffenden, die sich fragen, warum nicht die lokalen Künstler_innen mit dieser Aufgabe betraut und dadurch gefördert werden. Gegenüber des Leeuwardener Hauptbahnhofs befindet sich das Informationszentrum der Kulturhauptstadt Europas 2018. Direkt davor steht unübersehbar einer der elf Springbrunnen in Form von zwei sieben Meter hohen, weißen Skulpturen eines perspektivisch verzerrten Mädchen- und Jungengesichts, die mit geschlossenen Augen einander zugewandt und von einer Nebelwolke aus Wasser umgeben sind. Dieser Springbrunnen trägt den Titel Love und wurde von dem aus Katalonien stammenden Bildhauer Jaume Plensa entworfen. Der skulpturale Springbrunnen steht laut Plensa für das Träumen und Hoffen auf eine positive Zukunft. 11 Fountains ist ebenfalls eines der Projekte, das über das Kulturhauptstadtjahr 2018 hinaus Bestand haben soll.

Viele Visionen sind bereits in der Kulturhauptstadt Europas 2018 Leeuwarden-Fryslân realisiert worden, einige Projekte sind noch im Prozess des Werdens begriffen und werden teilweise erst in einigen Jahren fertiggestellt und sichtbar sein. Leeuwarden-Fryslân 2018 lehrt uns, dass der Weg durchaus auch mitten im Kulturhauptstadtjahr das Ziel sein kann, und dass es sich lohnt, von einer Iepen Mienskip europaweit zu träumen, den Gedanken anzupacken und das Anderssein zu zelebrieren.

Ein lehrreicher Blick gen Norden. Aarhus ist Kulturhauptstadt Europas 2017

Kristina Jacobsen

„Let’s rethink“ – so kurz und knackig ist das Motto der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt Aarhus. Die zweitgrößte dänische Stadt, die sich 2017 den Titel mit den zypriotischen Pafos teilt, nimmt das Kulturhauptstadtjahr zum Anlass, verschiedene Aspekte ihrer Kommunalpolitik zu überdenken. Im kulturpolitischen Bereich betrifft das die Beziehungen des städtischen Kulturlebens zu anderen Politikbereichen wie Wirtschaft, Tourismus, Bildung, Marketing und die Gestaltung des öffentlichen Raums. Im Rahmen dieses „Überdenkens“ oder „Neu-Denkens“ sollen so auch kommunale Aufgaben angegangen werden, die auf den ersten Blick gar nichts mit Kultur zu tun haben, etwa das Problem der Präkarisierung von Bezirken im Westteil der Stadt oder das Verhältnis der Kommune zur umliegenden Region.

Letzteres wurde bereits in der knapp zehnjährigen Vorbereitungsphase vorbildlich organisiert. So wurden inhaltlich und finanziell formalisierte Kooperationen mit den 19 Kommunen der 1,3 Mio. Einwohner zählenden Region Midtjylland (Mitteljütland) vereinbart. Dies war möglich, weil alle Bürgermeister der Kommunen von der Kulturhauptstadt überzeugt waren, schon seit Beginn der Bewerbungsphase ab Ende 2007 und erst recht nach der Titelvergabe 2012. Die tragfähigen Kooperationen gaben auch den Ausschlag bei der Auswahl als Kulturhauptstadt. Sønderborg (Sonderburg), der einzige Mitbewerber, verlor gegen Aarhus, trotz seiner für europäische Vorzeigeprojekte besonders geeigneten Grenznähe zum Nachbarland.

Von den neuen regionalen Netzwerken erhofft man sich nachhaltige Synergieeffekte. Aus Konkurrenten sollen Kooperationspartner werden, so das Credo, um sich insgesamt als Kulturlandschaft besser aufzustellen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Die sieben Todsünden“, das sieben Museen der Region umfasst, die zuvor noch nie zusammengearbeitet haben. In ihnen präsentieren Künstler aus der ganzen Welt drei Monate lang ihre Werke, die „Die sieben Todsünden“ interpretieren – ein Beispiel von Kunst als Medium für eine Wertediskussion im interkulturellen Kontext. Daneben gibt es im Begleitprogramm die „Sündhaften Sonntage“, Diskussionsveranstaltungen (u.a. mit Bezügen zum Luther-Jubiläum) und kulinarisch-kulturelle Veranstaltungen. Das Kooperationsnetzwerk besteht schon seit 2010 und soll auch über das Kulturhauptstadtjahr hinaus weiter bestehen bleiben. Ein anderes Beispiel für nachhaltige Effekte einer Kulturhauptstadt ist das Personal der Kulturhauptstadt Aarhus, das zu 50% von den beteiligten Kommunen bzw. Kulturinstitutionen entsandt wurde. Gerade in einer (aus deutscher Sicht) mittelgroßen Stadt – Aarhus zählt 320.000 Einwohner – wird dadurch zur Verstetigung von Netzwerken beigetragen.

Für die theoretische Dimension sorgt vor Ort die Universität Aarhus durch Evaluationen und Forschungsberichte. Auch hieran kann man exemplarisch ablesen, wie sich das Programm „Europäische Kulturhauptstadt“ in seiner über 30jährigen Laufzeit professionalisiert hat. Die Kooperation mit der Universität führte die letzte Kulturhauptstadt in Deutschland, RUHR.2010, erstmalig ein, auch einige der nachfolgenden Kulturhaupt(-bewerber-) städte suchten eine Anbindung an Universitäten. Darüber hinaus streckte Aarhus 2017 im Vorfeld erfolgreich seine Fühler aus, um von vergangenen Kulturhauptstädten zu lernen. So gab es neben RUHR.2010 Austausch mit den skandinavischen Kulturhauptstädten Stavanger (2008) und Umeå (2014) oder auch Kulturhauptstädten wie Mons (2015) und Liverpool (2008), die sich besonders mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt hatten. Insgesamt hängt ein ergiebiges Voneinander-Lernen (-Können) zwischen den Kulturhauptstädten jedoch sehr von den Kapazitäten und Kontakten der jeweiligen Standorte ab. Das ist bedauerlich, denn natürlich bleibt manches Potential ungenutzt, wenn jede Stadt bei ihrer Kulturhauptstadtplanung immer wieder komplett von vorne anfangen muss, ohne auf vorhandene Erfahrungen vergangener Städte der Initiative aufbauen zu können. Bei aller Grundverschiedenheit der teilnehmenden Städte hinsichtlich ihrer Größe, finanziellen Möglichkeiten oder kulturpolitischen Etabliertheit: Für das mittlerweile erreichten Niveau und den Umfang der Ausgestaltung moderner Kulturhauptstädte bedarf es längst einer übergeordneten Dokumentations- und Informationsstelle. Die EU-Kommission sieht, dass das Programm auch ohne ihr Zutun erfolgreich läuft und hält sich diesbezüglich zurück. So ist es wohl an den teilnehmenden Städten selbst, eine solche Instanz dauerhaft einzurichten. Auch die deutschen Städte, die derzeit eine Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025 vorbereiten, können vieles von Aarhus lernen, etwa beim Thema Partizipation. In den mehrjährigen Vorbereitungsprozess für Aarhus 2017 wurden laut Angaben der Veranstalter ca. 10.000 Einwohner aus Stadt und Region einbezogen, und schon Jahre vor der Titelvergabe gab es intensive Auseinandersetzungen zwischen Kulturinstitutionen, Unternehmen, Künstlern, Stadtverwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Es wurden Soll-Ist-Kartierungen der kulturellen Infrastruktur vorgenommen, bei denen die zentralen Fragen lauteten: Wofür möchten wir den Titel als Kulturhauptstadt benutzen? Was sind unsere genuinen Herausforderungen und Potentiale dabei? Und welche Strukturen müssen dafür eingerichtet oder verbessert werden? Das breite Ausgestaltungen ermöglichende Motto „Let’s rethink“ ist also als kulturpolitischer Anstoß durchaus übertragbar auf die Kulturhauptstadt-Bewerberstädte hierzulande.

Ein lehrreicher Blick gen Norden. Die Europäische Kulturhauptstadt Aarhus 2017 setzt Impulse für deutsche Bewerberstädte, in: Politik und Kultur 2/2017

Let´s Rethink – Kulturhauptstadt Europas als Katalysator für kulturelle Stadtentwicklung

Prof. Dr. Birgit Mandel

Let´s Rethink, so das ambitionierte Ziel von Aarhus 2017. Die Stadt in Dänemark hat den Titel des Kulturhauptstadtjahres in den vergangenen ca. acht Jahren seit Bewerbungsbeginn offensiv genutzt, um das Potential von Kunst und Kultur als Katalysator für die Bearbeitung von Zukunftsproblemen der Gesellschaft auszuloten, jenseits bisheriger Gewissheiten und Gewohnheiten, um die Kulturlandschaft und das Zusammenleben in der eigenen Stadt ebenso wie Politik- und Verwaltungsstrukturen zu hinterfragen und neue, nachhaltige Kooperationen und Governance Konzepte zu entwickeln.

In Aarhus wurden im Zuge des Bewerbungsprozesses und mithilfe des Titel vielfältige, öffentliche Orte und Treffpunkte für alle Bürger/innen geschaffen: so etwa das Kulturzentrum Godsbanen, das zugleich kreative Volkshochschulangebote, Ateliers und Workshops für Künstler und Cultural Entrepreneurs, ebenso wie Theater, Kinos und Raum für diverse Veranstaltungen von Profis und Laien bietet, oder das Dok 1, ein kostenlos zugängliches Gebäude für alle Bürger/innen inmitten der Stadt am alten Hafen, eine Mischung aus Bibliothek, Bürgeramt, Abenteuerspielplatz, Treffpunkt für unterschiedliche Gruppen.

Der von Melina Mercouri 1985 initiierten Titel „Kulturhauptstadt Europas“ wurde zu Beginn an die europäischen Metropolen vergeben, die ohnehin über ein breites kulturelles Angebot verfügen. Seit Mitte der 90er Jahre werden dagegen eher kleinere Städte aus der zweiten Reihe ausgewählt, die den Titel offensiv für ihre Weiter-Entwicklung nutzen können und sollen.  Vor allem durch das Beispiel Glasgow, das die Kulturhauptstadt-Auszeichnung sehr erfolgreich für eine umfassende Neu-Positionierungs vom Industriestandort zum lebendigen Standort der Creative Industries einsetzte mit der Umnutzung seiner Industriebauten, wurde das Potential des Titel als Katalysator für Stadtentwicklung deutlich.

Seit 2005 hat die EU zudem die Kriterien für die Bewerberstädte geschärft.

Zentrale Zielvorgaben sind seitdem:

– Unterstützung und Verankerung auf allen politischen Ebenen

– einen Beitrag zur nachhaltigen Kulturentwicklung der Stadt und Region leisten

– herausragende kulturelle Inhalte entwickeln

– große Reichweite in die Bewohnerschaft hinein

– europäischen Austausch initiieren

– Partizipation der Bevölkerung

– Nachhaltigkeit in Bezug auf Infrastruktur, Programme, Kooperationsbeziehungen.

Deutsche Kulturhauptstädte waren nach West-Berlin 1988, Weimar 1999 und zuletzt das Ruhrgebiet 2010, die ganz unterschiedliche Ziele und Strategien v.a. in den Bereichen Infrastrukturentwicklung, Kultur-Kooperationen, touristische Positionierung mit dieser Auszeichnung verbunden haben.

Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass bereits der Prozess der Bewerbung, der in der Regel mehrere Jahre dauert, vielfältige Impulse für die Stadtentwicklung durch Aufbau von Kooperationen und Verständigung über gemeinsame Ziele birgt.

Und so haben sich für die nächste Runde einer deutschen Kulturhauptstadt 2025 schon jetzt gut 10 Städte in Position gebracht, die sich erstmalig am 22./23. Juni diesen Jahres zu einem gemeinsamen Symposium des Instituts für Kulturpolitik der Uni Hildesheim und der Kulturpolitischen Gesellschaft getroffen haben.

Unter den Bewerbern um den Titel ist auch die Stadt Hildesheim. Der Rat der Stadt hat einstimmig für die Bewerbung votiert, trotz der beträchtlichen finanziellen Belastungen, die damit einhergehen: So investierte z. B. das Ruhrgebiet in den gesamten Prozess zur Kulturhauptstadt insgesamt 80 Millionen Euro, von der EU gibt es im Falle eines Zuschlags nur die symbolische Summe von 1,5 Millionen Euro.

Hildesheim als Kulturhauptstadt Europas? Das scheint vermutlich für die meisten der  Absolvent/innen, die nie warm geworden sind mit der Stadt und die Hildesheim mehrheitlich  sofort  nach ihrem Studium wieder verlassen, höchst  unrealistisch.

Scheint doch Hildesheim, abgesehen davon, dass es über zwei mittelalterliche Kirchendenkmäler unter Unesco Weltkulturerbeschutz und ein Museum mit einer renommierten kulturhistorischen Sammlung verfügt, in kultureller Hinsicht wenig zu bieten, was Potential für eine Europäische Kulturhauptstadt verspricht ,  –  sieht man von den stark unterfinanzierten soziokulturellen Einrichtungen wie der Kulturfabrik Löseke oder dem Theaterhaus für die Freie Szene einmal ab.  Auch das Stadtbild ist nach dem Bombenangriff 1945, der die gesamte Innenstadt zerstört hat, vorwiegend von aus heutiger Sicht unattraktiven Bauten der 50er bis 70er Jahre geprägt.  Mehr noch scheint in der Stadt ein breites, öffentliches Leben zu fehlen, scheint sich die Stadt ihren jungen Neu-Bürgern aus studentischem Umfeld geradezu zu verweigern.

Hildesheims Bewerbung könnte trotz oder sogar wegen dieser Defizite dann sinnvoll sein, wenn die Stadt genau diese Problem einer fehlenden diversen kulturellen Öffentlichkeit und mangelnden Anschlussfähigkeit zwischen den deutschlandweit renommierten kulturwissenschaftlichen, künstlerischen und gestalterischen Studiengängen an Uni und FH und den städtischen Institutionen und Initiativen offensiv in den Blick nehmen würde. Warum gibt es so wenig Verbindungen? Warum scheint die Stadt vor allem jüngeren Menschen und Kulturschaffenden so unwirtlich? Warum gibt es so wenig von jungen Menschen initiierte gastronomische und kulturelle Infrastruktur? Was hat das alles mit der Geschichte der Stadt zu tun? Und wie könnte das Sich Verorten als europäische und internationale Stadt neue Ideen für die Zukunft eröffnen?

Diese Fragen würden in der Bewerbungsphase viele Gesprächsrunden mit Vertretern unterschiedlicher kulturell engagierter Gruppen bedeuten, die über ihre sehr heterogenen Verständnisse und Qualitätskriterien von Kunst und Kultur und ihre Ziele und Visionen von städtischem Kulturleben miteinander ins Gespräch kommen müssten.

Ein solcher Prozess braucht Zeit und Raum für unvorhergesehene Verbindungslinien, gemeinsame Ideen und Kooperationsbeziehungen. Er braucht aber auch erste große künstlerische und kulturelle Aktionen mit hoher Symbolkraft, mit denen es gelingt, neue temporäre Gemeinschaften zu stiften über gemeinsame ästhetische Erfahrungen und die Lust machen auf die gemeinsame Stadtentwicklung.

Dann könnte der Hildesheimer Bewerbungsprozess auch unseren kulturwissenschaftlichen Studiengängen nutzen, die angesichts zunehmender Konkurrenz durch eine Fülle neu eingerichteter ähnlicher Studiengänge unter abnehmenden Bewerberzahlen leiden, was gemäß erster Analysen vor allem mit dem „Standort-Nachteil Hildesheim“ zu tun hat.

Prof. Dr. Birgit Mandel leitet den Studienbereich Kulturvermittlung und Kulturmanagement im Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim sowie den Masterstudiengang Kulturvermittlung.

Innovation durch Kunst und Kultur – Exkursion zur europäischen Kulturhauptstadt Aarhus

Hannah Kattner

Mit Kunst und Kultur die Welt retten? In Aarhus wird es probiert. Die zweitgrößte Stadt Dänemarks trägt 2017 den Titel der europäischen Kulturhauptstadt und hat sich das Ziel gesteckt, mithilfe von Kultur Herausforderungen wie soziale Ausgrenzung, Urbanisierung, wachsende Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Migration, Klimawandel und Verknappung von Ressourcen zu überdenken unter dem Motto: „Let´s rethink“. 18 Studierende des Master-Studiengangs „Kulturvermittlung“ reisten mit der Studiengangsleitung Birgit Mandel in die diesjährige Kulturhauptstadt in Dänemark, trafen das Organisationsteam des Kulturhauptstadtjahres, besuchten die Universität, zentrale Orte des Kulturhauptstadtjahres und nahmen das ambitionierte Vorhaben der Dänen genauer unter die Lupe.

Der asphaltierte Fußweg führt am Meer entlang. Genutzt wird er von Joggern, Radfahrern und Touristen. Gesäumt wird der Weg mit Blick auf die Ostsee von Bäumen. Doch ein Baum sticht heraus. Fußgänger bleiben stehen. Radfahrer steigen von ihren Rädern. Staunend werden Fotos gemacht. Der Baum ist in pinke Farbe getaucht. Die Vegetation dahinter ist ebenfalls rosa gefärbt, als wäre eine pinke Flut den Hügel hinuntergelaufen. Was auf den ersten Blick wie eine Umweltkatastrophe aussieht, ist in Wirklichkeit eine Kunstinstallation der deutschen Künstlerin Katharina Grosse. Das farbenfrohe Kunstwerk ist Teil der Ausstellung „The Garden – The Future“, die das ARoS Aarhus Kunstmuseum im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres entlang der Küste aufgestellt hat. Kunst im öffentlichen Raum, die den Umgang mit der Natur thematisiert und zum Nachdenken anregen soll. Ganz im Sinne des Oberthemas „Let´s rethink“ – Lass uns umdenken, das sich durch das gesamte Programm der europäischen Kulturhauptstadt Aarhus 2017 zieht.

Aarhus überzeugt die Jury durch gute Planung, Bürgereinbindung und Innovation

Seit 1985 vergibt die EU-Kommission den Titel Kulturhauptstadt Europa, den 2017 das griechische Paphos sowie das dänische Aarhus tragen. Bereits 2008 fasste die Stadtverwaltung Aarhus den Entschluss, sich für den Titel zu bewerben. Bis 2010 befragten sie 10.000 Bewohner auf dem dänischen Festaland, welche Herausforderungen sie für die Zukunft sehen. Die Ergebnisse dieser Befragung flossen in die weitere Planung des Kulturhauptstadtjahres ein, um das sich Aarhus 2011 final bewarb. Das Ziel: künftige Herausforderungen wie soziale Ausgrenzung, Urbanisierung, wachsende Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Migration, Klimawandel und Verknappung von Ressourcen, durch Kultur zu überdenken und neue kreative Lösungen zu finden. Außerdem soll der Titel der europäischen Kulturhauptstadt dafür genutzt werden, das 330.000 einwohnerstarke Aarhus  als Kulturstadt neben Kopenhagen touristisch zu etablieren.

Doch schließlich überzeugten nicht nur das ambitionierte Ziel die EU-Kommission, sondern vor allem die durchdachten, gut strukturierten Pläne zur Umsetzung des Kulturhauptstadtjahres, wie die EU-Kommission in einem Statement begründet. Ausschlaggebend für die Ernennung Aarhus war ebenfalls die Einbindung der Bürger aus der gesamten Region in das Programm sowie das Schaffen neuer kultureller Zentren.

The same for everybody – Das Gleiche für jeden

In Leuchtschrift steht vor der Kulisse des Rathauses in Aarhus „The same for everybody“ – Das Gleiche für jeden. Eine Kunstinstallation des Künstlers Nathan Coley, die abwechselnd an mehreren Standorten in Dänemark zu sehen ist und das Prinzip von Aarhus 2017 auf den Punkt bringt. Das Kulturhauptstadtjahr soll jeden ansprechen.  Das Programm umfasst Kunstsparten wie Film, Musik, Klangkunst, Theater, Tanz, Literatur, Architektur und Design, aber auch Veranstaltungen zu den Themen Essen und Sport. Herausgekommen ist ein 500-Seitenstarkes Programmheft, das besonders für Touristen etwas unübersichtlich wirkt.

Am eindrucksvollsten zeigt sich der partizipative Gedanke der Kulturhauptstadt am Freiwilligen-Programm, bei dem bis jetzt rund 3.500 Freiwillige teilnahmen und so die Umsetzung des Kulturhauptstadtjahres unterstützten. Beispielsweise in dem sie an einem Infostand am Aarhuser Hauptbahnhof Broschüren an ankommende Touristen verteilen.

Auch Kultur im öffentlichen Raum gehört zum Teilhabe-Gedanken von Aarhus 2017. Die Ausstellung „The Garden – The Future“, die vom ARoS Aarhus Kunstmuseum kuratiert wird, zeigt Installationen entlang eines kilometerlangen Fußweges an der Küste von Aarhus. Der Gedanke dahinter ist es,  Kunst aus den Institutionen in den öffentlichen Raum holen, um auch Menschen zu erreichen, die keine Kunstinstitution besuchen würden, erklärt Lene Øster, Regional-Managerin von Aarhus 2017.

Kulturelle Stadtentwicklung – Öffentliche  Aufenthaltsorte

Vor allem um neue Orte und eine kulturelle Stadtentwicklung geht es in Aarhus. Öffentliche Orte sollen die Stadt beleben und das kulturelle Leben der Bürgerinnen und Bürger bereichern. Einer dieser Orte ist das „Dokk1“, die 2015 fertiggestellte Stadtbibliothek mit Blick auf den Hafen. Doch der futuristische Neubau beherbergt nicht nur Bücher, sondern ebenso Spielplätze und das Bürgercenter der Stadt und ist kostenlos zugänglich für alle Bürger der Stadt. Das Besondere ist die Durchlässigkeit der verschiedenen Bereiche. Studenten arbeiten an ihren Laptops, daneben spielen Kinder in einer Verkleidungsecke oder an einer Videospielkonsole, während eine Rentnerin am Schalter nebenan ihren Personalausweis verlängern lässt. Eine ungewöhnliche Vermischung von Orten, die jedoch trotz der Verschiedenheit der Aktivitäten funktioniert und eine angenehme Atmosphäre schafft. Das Dokk1 ist ein öffentlicher, frei-zugänglicher Ort für jeden, der viele Zielgruppen anspricht und so ein neuer Begegnungsort für Bürgerinnen und Bürger ist.

Ein ebenfalls neu geschaffener Ort ist das Kulturzentrum „Godsbanen“, das sich ebenfalls im Hafenviertel der Stadt befindet. Auf dem Gelände eines alten Güterbahnhofs hat sich die Kulturverwaltung der Stadt, die Filmhochschule, das Literatur-Center neben Töpfer-, Schreiner- und Nähwerkestätten, einem Copy-Shop, ein Fotolabor, Ateliers und Büroräumen für Kreativ-Unternehmen und Probenräumen für Theatergruppen angesiedelt. Das Prinzip: die Räume sollen von Professionellen und Laien gleichermaßen genutzt werden, um eine wechselseitig-fruchtbare Beziehung herzustellen. “This is a place where everyone can go with their creative project“ – ein Ort, an den jeder mit seinen kreativen Projekten gehen kann, erklärt Trine Sørensen von der Pressestelle des Kulturzentrums. Auf der Grünfläche hinter dem Godsbanen findet sich dann auch die wilde Kunstszene Aarhus. Das sogenannte „Institut of X“ ist ein Dorf in der Stadt. In Baucontainern und selbstgebauten Häusern bespielt die Aarhuser Subkultur-Szene das brachliegende Gelände. Ein Freiraum für die freie Szene mit dem Charme einer urbanen Kommune, Marke Eigenbau. Ein gewollter Wildwuchs, der noch im Entstehen ist und von der etablierten Kunst- und Kulturszene im angrenzenden Godsbanen toleriert und unterstützt wird.

Erfolgreich? Das wird die Zukunft zeigen

Das Programm und die Ziele von Aarhus 2017 sind ebenso innovativ, wie ambitioniert. Aus der Sicht eines Außenstehenden, wirkt das Kulturhauptstadtjahrwie ein Erfolg. Die Stadt Aarhus ist durchzogen von Kunst und Kultur. Die kulturellen Zentren der Stadt wirken innovativ und belebt. Doch vieles befindet sich noch im Aufbau. Nicht nur im Stadtbild ist das zu sehen, sondern auch die Experten halten sich noch mit einer euphorischen Bewertung des Jahres zurück. Die Einschätzung der Beteiligten bisher: “The real work will start in 2018. When there is no umbrella of the capital culture year”, wie Rina Valeur Simonsen, Leiterin der Strategie und Verwaltung von Aarhus 2017, stellvertretend für die Stakeholder des Kulturhauptstadtjahres sagt. Obwohl das Kulturhauptstadtjahr noch ein halbes Jahr läuft gibt es bereits eine „Legacy Strategie“ dafür, wie die vielen Neuerungen Kooperationsbeziehungen nachhaltig in allen kommunalen Bereichen etabliert werden sollen. Das Kulturhauptstadtjahr hat viele Prozesse angestoßen, die nun in den folgenden Jahren ihre Langfristigkeit zeigen müssen.

Hannah Kattner ist Studentin des Masterstudiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim.

Let’s rethink: Lernen von AARHUS 2017

Yasemin Akkoyun und Marie Koch

Mit einem fulminanten Start begeistern.

Die Eröffnung von Aarhus 2017 war ein großer Erfolg: Die Integration zahlreicher Ehrenamtlicher hat in der Bevölkerung ein Gefühl der Zugehörigkeit erzeugt. Das niedrigschwellige, durch partizipative Elemente einladende und liebevoll gestaltete Event hat die gesamte Stadt positiv auf das kommende Jahr eingestimmt. Somit konnte sich Aarhus 2017 mit Schwung auf der Welle dieses ersten Erfolges fortbewegen.

Die Bevölkerung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres werden die geläufigen Begriffe “Partizipation” und “Nachfrageorientierung” auf allen Ebenen konsequent umgesetzt: Das Ziel, etwas für die Bevölkerung zu machen und diese zeitgleich zu integrieren (We asked the people: What do youwant?“), wird neben der inhaltlichen Programmgestaltung durch die bottom-up“-Herangehensweise realisiert, welche z.B. Abstimmungen über Bauvorhaben oder eine gemeinsame Gestaltung von Orten vorsieht.

Ein breites Verständnis von Kunst und Kultur.

Um die Antworten auf die Frage nach den individuellen Bedürfnissen der Bevölkerung zufriedenstellend aufnehmen bzw. umsetzen zu können, vertritt Aarhus 2017 ein breites Kulturverständnis und scheut sich zudem nicht vor einer Nutzung von Kunst und Kultur für gemeinwohlorientierte, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Zwecke und Ziele.

Einbezug aller Beteiligten von Beginn an.

Indem auf inhaltlicher, organisatorischer und politischer Ebene die Gemeinden und die Bevölkerung der gesamten Region sowie die beteiligten Kulturschaffenden gemäß des bottom-up“-Prinzips von Beginn an integriert werden, stellt Aarhus 2017 sicher, dass unterschiedliche Interessen und Vorstellungen im Kulturhauptstadtjahr vertreten sind. Dies spiegelt sich in der dezentralen Programmstruktur sowie den politischen und strategischen Vorgehensweisen wider. Folglich entsteht jedoch die Schwierigkeit, das vielfältige Programm übersichtlich und verständlich in der Öffentlichkeit zu kommunizieren.

Die Schaffung von öffentlichen Gemeinschaftsorten.

Aarhus 2017 bemisst dem öffentlichen Raum einen zentralen Stellenwert zu. Um dem Kunstverständnis nicht nur einer Interessensgruppe zu entsprechen, werden dabei stets andere Aspekte integriert und miteinander verbunden: Natur, Architektur, Spielplatz, Aufenthaltsort usw. Diese niedrigschwelligen und zugleich oft nicht kommerziellen Aufenthaltsorte entsprechen dem breiten Verständnis von Kunst und Kultur und fokussieren neben der ästhetischen Erfahrung das Zusammenkommen und Kennenlernen.

Identitätsstiftendes Community Building.

Für das Erreichen und die nachhaltige Implementierung der Zwecke und Ziele von Aarhus 2017 ist die Identifikation der Bevölkerung mit dem Titel des Kulturhauptstadtjahres von signifikanter Bedeutung. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit wird geschaffen, indem partizipative, öffnende und integrierende Maßnahmen umgesetzt werden. Die erfolgreiche Aktivierung, Beteiligung und Engagementförderung von Bürger*innen wird exemplarisch am ehrenamtlichen Programm sichtbar: Insgesamt 3.500 Ehrenamtliche arbeiten im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres. Nichtsdestotrotz stellt sich die Herausforderung, in sogenannten Problem“-Stadtteilen einen breiteren Anteil der Menschen mit einzubeziehen. Eine noch konsequentere Orientierung an individuellen Bedürfnissen könnte dabei eine bessere Zugänglichkeit gewährleisten.

Die ECOC als Katalysator denken und nicht als Produkt.

Die Zusammenstellung des Teams von Aarhus 2017, dessen Arbeitsweisen und -strukturen gründen auf einer zentralen Zielsetzung: Durch die Vorbereitung und Durchführung des ECOC und die Nutzung von Kunst und Kultur sollen Aarhus und die Region nachhaltig transformiert werden. Aarhus 2017 ist eingewoben in eine umfassende Kulturentwicklungsplanung und folgt dementsprechend nicht einem Selbstzweck, der mit dem Ende des Jahres eingelöst sein wird, sondern dient als Katalysator für eine nachhaltige, kulturelle Stadtentwicklung. 

Die Region einbeziehen.

Aarhus 2017 denkt die gesamte Region mit: Die Kommunen und ihre Behörden wurden zur Zusammenarbeit angeregt und auch kleinere Kommunen wurden durch entsprechende Kulturentwicklungspläne aktiviert. Die Zusammenarbeit im Bereich der Kultur, des Tourismus und der Stadtplanung hat ein produktives Miteinander zwischen den Kommunen geschaffen. Durch diese neuen Partnerschaften und Netzwerke wird ein kollaboratives Denken ermöglicht, das sich auch auf zukünftige (kultur)politische Entwicklungen auswirken wird.

Bestehende Strukturen neu denken.

Die Organisation von Aarhus 2017 ist geprägt durch eine pointierte Planung in Form eines strategischen Managements und einer gleichzeitigen geistigen Offenheit. Durch Aarhus 2017 wurden unterschiedlichste Institutionen, Sektoren, Disziplinen und Kommunen zur Zusammenarbeit angeregt, die ohne diesen Motor nicht zusammengekommen wären. So wurden Partnerschaften zwischen Tourismus, Wirtschaft, Politik, Bildungs- und Mediensektor auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene initiiert, die Synergieeffekte durch interdisziplinäre Ansätze ermöglichen. 

Die lokale Infrastruktur in den Fokus rücken.

80% der Projekte von Aarhus 2017 werden durch externe Partner aus Aarhus und der Region durchgeführt. Somit wird sichergestellt, dass die Projekte in der lokalen Infrastruktur integriert sind und infolgedessen nachhaltige Effekte bewirken können. Die lokalen Kultureinrichtungen werden im Rahmen des ECOC dazu befähigt und motiviert Neues zu probieren. 

Personal fördern und Kompetenzen stärken.

Das Wissens- und Kompetenzförderungsprogramm Soft City“ ermöglicht es Künstler*innen, Kulturschaffenden sowie im Bildungssektor und Verwaltungen Beschäftigten sich innerhalb der Projekte neues Wissen und Fertigkeiten für eine erfolgreiche Beschäftigung im Kulturfeld anzueignen. 40% der Projekte von Aarhus 2017 haben die Weiterbildung aller Beteiligten zum Ziel. Außerdem werden durch ein Network Model” Mitarbeiter*innen der Behörden für den Zeitraum von Aarhus 2017 von ihrem gewohnten Arbeitsbereich befreit und zur Mitarbeit an der ECOC entsandt. Dieses Konzept ist mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden; dennoch wird es umgesetzt, um den Angestellten diese besondere Weiterbildungschance zu bieten und einen anschließenden Wissenstransfer zurück in die Behörden zu gewährleisten. 

Konsequent nachhaltig arbeiten.

Nachhaltigkeit durchzieht als Kernwert das gesamte Konzept von Aarhus 2017: So werden alle Aktivitäten dokumentiert und evaluiert, um Erkenntnisse im Sinne eines nachhaltigen Lernprozesses öffentlich zugänglich und transparent zu machen. Die durch Aarhus 2017 geschaffenen Kollaborationen und Netzwerke sollen nach Ende des Kulturhauptstadtjahres fortgeführt werden und auch die Mitarbeiter*innen profitieren von diesem konsequenten Nachhaltigkeitsanspruch: Für ihre Neubesetzung für die Zeit nach Aarhus 2017 wird schon jetzt gesorgt.

Yasemin Akkoyun und Marie Koch sind Studentinnen des Masterstudiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim.

„Let´s Rethink“ Aarhus 2017 – die europäische Kulturhauptstadt lädt ein zum Andersdenken

Eine Exkursion des Masterstudiengangs Kulturvermittlung

Sarah Potrafke und Jessica Dietz

„Let’s Rethink“ – dies ist das Motto der zweitgrößten Stadt Dänemarks, die in diesem Jahr gemeinsam mit dem zyprischen Paphos zur europäischen Kulturhauptstadt auserkoren wurde. Gemeinsam besuchten Masterstudierende der Kulturvermittlung der Universität Hildesheim im Rahmen des Seminars „Aarhus, Kulturhauptstadt Europas 2017“ unter der Leitung von Prof. Dr. Birgit Mandel die dänische Hafenstadt an der Ostküste von Jütland, um sich selbst ein Bild davon zu verschaffen, wie diese Vision umgesetzt wurde.

„A year in which we examine our past to better shape and understand our future“ so formulierte die englische Kulturhauptstadtchefin Rebecca Matthews die Mission. Es gehe Aarhus darum, die Bevölkerung und die Besucher_innen anzuregen, anders über Kunst und Kultur, die Stadt und ihre Zukunft und auch über ihren eigenen Beitrag zur nachhaltigen Gestaltung der Kulturgesellschaft nachzudenken.

Aarhus stelle mit den Mitteln der Kunst die Fragen, die Europa aktuell bewegen; Fragen nach Diversität, Demokratie und Nachhaltigkeit. „Our vision to use art and culture to precipitate change will see us rethinking the challenges of tomorrow, challenges we share with our European fellowship […]”, so Matthews.

Aarhus möchte einladen, künstlerische Experimente zu wagen und sich auf neue ästhetische Pfade zu begeben. Die Stadt möchte sich neu erfinden und sich in der Region neben dem allgegenwärtigen Riesen Kopenhagen, jedoch auch im europäischen Kontext platzieren. Sie möchte Fragen nach der eigenen Identität und dem Zusammenleben in der Stadt aufwerfen.

“A year for everyone” – Teilhabe als Leitmotiv von Aarhus 2017

Aarhus 2017, „a year for everyone – young and old, city and countryside“, bietet ein großes und weitflächig angelegtes Programm. 19 Kommunen präsentieren für 365 Tage insgesamt über 350 Projekte aus den Bereichen Bildende Kunst, Theater, Tanz, Musik, Literatur sowie handwerkliches Können in Gastronomie, Architektur und Design. Neben vielen Gesprächen mit Macher_innen des Kulturhauptstadtjahres und Vermittlungsleitungen in Institutionen, erkundete die Hildesheimer Gruppe auch mit dem Fahrrad im strömenden Regen mithilfe eines Stadtführers die „Sights“ der Kulturhauptstadt 2017. Auch die kunstferneren Bürger_innen möchte Aarhus 2017 erreichen: “Taking the culture out of the institutions on the streets. So people who do not go there will see it in public”, sagt Lene Øster, Regional-Managerin von Aarhus 2017. Dieser Leitgedanke findet konsequent Anwendung in der unmittelbar in das Stadtbild integrierten Ausstellung des ARoS-Museums mit dem Titel „The Garden“, welche sich über eine Strecke von vier Kilometern am Hafen und Strand entlang erstreckt. Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und stellt das wechselseitige Verhältnis von Mensch und Natur über die Zeit dar. Daneben finden sich am Hafen zahlreiche Plätze zum Verweilen als „gift for the people who live in Aarhus“, die sich in Befragungen im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres solche öffentlichen Orte gewünscht hatten.

Der Gedanke der gesamtgesellschaftlichen Teilhabe spiegelt sich auch in der hohen Zahl der Freiwilligen mit insgesamt 3500 wider, die sich für Aarhus 2017 engagiert haben und das Kulturhauptstadtjahr wesentlich mittragen und von einer Stiftung professionell angeleitet werden – auch mit dem Ziel, dass sie über 2017 hinaus sich ehrenamtlich für die Stadt engagieren. Diese Einbindung der Bürger_innen war auch mit ausschlaggebend für die sehr geglückte und für den Erfolg von Aarhus 2017 enorm wichtige Auftaktveranstaltung des Kulturhauptstadtjahres mit einer großen partizipativen Inszenierung im Hafen, bei der rund 80.000 Menschen auf den Straßen gemeinsam feierten.

Auch die Museen der Stadt setzen konsequent auf Zugänglichkeit für Menschen aller Milieus und Generationen und zeigen, wie strategische Kulturvermittlung auf den verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen ineinandergreifenden Maßnahmen wirkungsvoll umgesetzt werden kann. So werden etwa im ARoS die Grenzen zwischen Kunst, Künstler_innen und Publikum aufgelöst. Im ARoS Public, dem Vermittlungs-Center, lässt sich mit eye-tracking-Bildschirmen, auf denen Kunstwerke präsentiert werden, nachvollziehen, wie jede_r einzelne Kunst tatsächlich betrachtet: Worauf schaue ich bei einem Kunstwerk zuerst? An welchen Details im Bild bleibt dein Blick am längsten hängen? Bei den eye-tracking-Bildschirmen handelt es sich nur um eines der zahlreichen spielerischen Vermittlungswerkzeuge, die zu einem regen Austausch unter den Besucher_innen des Museums führen und Kunst zum Erlebnis werden lassen. „Art is like a friend, you have to invest time to build a relationship to it“, fasst Marianne Grymer Bargeman, Leiterin der Kulturvermittlung des ARoS, zusammen. Darüber hinaus verfügt der „Kunstspielplatz“ des Museums über Künstler_innenateliers mit entsprechenden Residenzprogrammen, einen Hörsaal, in dem unter anderem Videoarbeiten gezeigt und Lectures zu Themen der aktuellen Ausstellung gehalten werden, Studios für Kinder und Jugendliche sowie einen Salon, der als Treffpunkt und als Arbeitsbereich für unterschiedliche Gruppen kostenlos zur Verfügung steht. Mit „It is not our place, it is Aarhus‘ place.“ unterstreicht Grymer Bargeman noch einmal, für wen hier Kunst gedacht werden soll.

Aarhus 2017 schafft Raum für Begegnungen

In Aarhus gibt es auffällig viele Orte, die zum Verweilen einladen – ob arbeitend am Laptop, zur Entspannung mit einem Buch oder als Aufenthaltsort und Spielplatz für Familien –  das Dokk1 vereint all diese Tätigkeiten. Direkt an der neuen Hafenfront von Aarhus liegend, beherbergt das Dokk1 eine Bibliothek, die neben Büchern auch digitale Fußballfelder, analoge Spielhäuser und Spielkonsolen für Kinder enthält. Anstatt auf Lesestoff, liegt hier der Fokus auf den Bürger_innen und deren Bedürfnissen. Es geht um Gemeinschaft, Unterhaltung und „Borgerservice“, wobei dieser im Dokk1 nicht nur Buchausleihe, sondern auch Passwesen und Wohnanmeldung bedeutet, denn hier befindet sich auch das Bürgeramt von Aarhus. Regelmäßig finden Veranstaltungen und Kurse für Erwachsene und Kinder statt wie zum Beispiel Chorgesang, Schachabende oder Malkurse. So wird die Bibliothek hier umdefiniert zu einem Community Center für Groß und Klein.

Ausschlaggebend für die Wahl von Aarhus zur Kulturhauptstadt 2017 war für die Jury nicht zuletzt „Godsbanen“. Dieser alte Güterbahnhof in der Skovgaardsgade fungiert nun als kulturelles Zentrum, Volkshochschule und Kreativwirtschaftszentrum in einem, wo Kunst und Kultur interdisziplinär produziert und präsentiert werden. Das Zentrum ist offen für alle – neben der einzigartigen Architektur des alten Güterbahnhof-Hauptgebäudes lockt es mit Workshops in den Näh-, Töpfer- und Schreinerwerkstätten, in denen sich Kunstschaffende sowie -interessierte treffen. Es gibt ein Fotolabor, ein Literaturcenter, Filmschulen, Ateliers, Büroräume für Start-Ups sowie zahlreiche Projekt- und Probenräume. Regelmäßig finden Workshops statt, bei denen Künstler_innen ihr Wissen mit Laien teilen. Auch die städtische Kulturverwaltung hat hier ihren Sitz. Das „Institut for (X)“ schließt sich als „cultural backyard“ in Form von umgestalteten Containern, selbst gebauten Behausungen, Gardening und Graffiti an das Godsbanengebäude an und repräsentiert eine autonome und selbstverwaltete Plattform, wo sich die freie Szene und Subkultur von Aarhus trifft.

Was kommt nach 2017?

Mit großer Professionalität werden sämtliche Prozesse des Kulturhauptstadtjahres von rethinkIMPACTS 2017, einer Partnerschaft zwischen Aarhus 2017 und der Universität Aarhus, dokumentiert und evaluiert. Die Hildesheimer Masterstudierenden der Kulturvermittlung besuchten das dafür zuständige Institut mit der Projekt- und Research-Managerin von rethinkIMPACTS 2017, Louise Ejgod Hansen, um mehr über den Evaluationsprozess, die Ziele und die damit einhergehenden Herausforderungen zu erfahren. Aarhus möchte aus Fehlern lernen, seine Erfahrungen teilen und die Erfolge von morgen auf die Kulturhauptstadt zurückführen. So steht für das Kulturhauptstadt-Team fest: „The real work starts in 2018.“ Das Team hat bereits  einen Bericht zur Weiterführung der Erfahrungen und Erkenntnisse des Kulturhauptstadtjahres erstellt (http://projects.au.dk/aarhus2017/publications/). Bis zum Ende des diesjährigen sollen dauerhafte Strukturen sowohl in der Stadt als auch in der Region geschaffen werden, um nach 2017 nicht wieder alles zu verlieren. Es gehe darum, nachhaltige Kollaborationen unter den einzelnen Kommunen zu implementieren, die ihre Früchte dann auch nach 2017 tragen können, wenn der offizielle Hype vorbei ist.

Die Masterstudierenden konnten während der Exkursion erfahren, wie Kulturvermittlung auf allen Ebenen strategisch angelegt und für die Bürger_innen unterschiedlicher sozialer Gruppen konzipiert und umgesetzt wird, was es heißt, ein niedrigschwelliges, aber dennoch nicht unterforderndes Angebot hierfür zu präsentieren und wie wertvoll dies für die Gemeinschaftsbildung in einer Stadt sein kann.

Im Rahmen der Exkursion ist ein Film entstanden, der unter folgenden Links zu finden ist:
https://www.facebook.com/Kulturpraxis/videos/1545819048770470/
 (kurze Version)
https://www.facebook.com/Kulturpraxis/videos/1543008522384856/
 (lange Version)

Sarah Potrafke und Jessica Dietz sind Studentinnen des Masterstudiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim.

Spannend und eine Reise wert: Wrocław, Kulturhauptstadt Europas 2016

Kristina Jacobsen

Allem sich breit machenden Europa-Skeptizismus zum Trotz: Das EU-Projekt „Kulturhauptstadt Europas“ läuft imposant, ist wirksam und wird immer erfolgreicher. Man kann daran ablesen, welche Reichweite das kleine Feld der europäischen Kulturpolitik erzielt, das sonst eher wenig Beachtung findet. Denn obwohl die EU aufgrund des Subsidiaritätsprinzips keine große Gestaltungsmacht im Bereich Kulturpolitik besitzt, schuf sie mit der „Kulturhauptstadt Europas“ ein Förderinstrument, durch das jedes Jahr hunderttausende Europäer an interkulturellen Veranstaltungen in der jeweils titeltragenden Stadt teilnehmen. Durch die nicht mehr wachsende, sondern nunmehr schrumpfende EU wird bei der „Kulturhauptstadt Europas“ erkannt, wie eminent wichtig der interkulturelle Dialog und das Reflektieren über Verbindendes und Trennendes innerhalb einer gemeinsamen europäischen Identität sind. Denn wo sonst gibt es Foren mit derartigem Bekanntheitsgrad und solcher Ausstrahlkraft, die darüber einen europaweiten Diskurs anstoßen und sichtbar machen?

Neben Donostia-San Sebastián trägt Wrocław (deutsch: Breslau) in diesem Jahr den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Die viertgrößte Stadt Polens mit 640.000 Einwohnern hatte sich im Landeswettbewerb gegenüber zehn anderen polnischen Städten durchgesetzt und ihr anspruchsvolles Programm acht Jahre lang vorbereitet. Beispielgebend für andere Kulturhauptstädte ist die Kooperation zwischen den Städten, die zuvor im Wettbewerb miteinander standen: Im Rahmen des Projekts „Koalition der Städte“ bringen sich die ehemaligen Konkurrenzstädte jeweils eine Woche lang ins Kulturhauptstadtjahr ein. Ein solches Netzwerk wäre auch in Deutschland wünschenswert, wo 2025 das Programm „Kulturhauptstadt Europas“ stattfindet. Denn jetzt schon werden in mehreren deutschen Städten anspruchsvolle Bewerbungen für den ruhmreichen Titel vorbereitet. Da jedoch nur eine Stadt in Deutschland die Auszeichnung erhalten wird, sollten die durch den Bewerbungsprozess erarbeiteten Potentiale weitergeführt werden. Ähnlich dem polnischen Modell könnten die anderen Bewerberstädte so zu „Satelliten-Kulturhauptstädten“ werden.

Zweifelsohne hat Wrocław ein großes und vielfältiges Programm erarbeitet, das attraktiv für die verschiedensten internationalen Besucher ist. Unter dem Motto „Raum für die Schönheit“ schafft Wrocław 2016 laut seiner Selbstbeschreibung „einen offenen, dynamischen und freundlichen Raum, der dazu dient, das Verlangen nach dem Umgang mit Kultur und Kunst für die Schönheit zu erfüllen“. Das klingt vage, und tatsächlich bleibt die Stadt bei inhaltlichen kulturpolitischen Positionen unter ihren Möglichkeiten. So wird der Konflikt mit der Kulturpolitik der nationalkonservativen Regierung nicht explizit thematisiert, die seit ihrem Regierungsantritt die künstlerische Freiheit auf verschiedenen Ebenen einschränkt. Auch die ablehnende Haltung der polnischen Regierung in Bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen hätte stärker aufgegriffen werden können – gerade in Wrocław, das aufgrund seiner Stadtgeschichte so viel zum Thema Flucht und Vertreibung zu erzählen hat. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nahezu die gesamte deutsche Bevölkerung aus der Stadt vertrieben und aus Breslau wurde Wrocław, das dann wiederum von vielen Vertriebenen aus den für Polen verlorenen Ostgebieten besiedelt wurde. Die Einflüsse und das Zusammenleben der Einwohner mit Migrationshintergrund, ablesbar auch an der wunderschönen und polymorphen Architektur der über 1000jährigen Stadt, hätten in ihrer Modellhaftigkeit mit aktuellen Bezügen in den Vordergrund des Programms gestellt werden können. Doch stattdessen wurde eben das Programm durchgezogen, das man schon in den letzten acht Jahren geplant hatte.

Dieses Programm ist nichtsdestotrotz sehr sehenswert. Es gibt unzählige Ausstellungen, Konzerte und kreative Kulturformate im öffentlichen Raum. Hieran ist die Botschaft ablesbar an alle Städte, die einmal „Kulturhauptstadt Europas“ werden wollen: Das kulturelle Erbe allein reicht nicht – lasst euch etwas einfallen! Wrocławs Ziel ist es, sich mit dem Kulturhauptstadtprogramm offen und

international zu zeigen und dadurch die Touristenzahlen zu verdoppeln. Tatsächlich scheint die Strategie zu funktionieren, durch möglichst viele Austauschprojekte mit europäischen Partnern eine grenzüberschreitende Aufmerksamkeit zu erhalten.

Wrocław möchte sein reiches kulturelles Leben nicht nur der großen europäischen Öffentlichkeit präsentieren, sondern es öffnet sich auch für seine Einwohner und die Menschen aus der Umgebung. So wird in der Reihe „Regionaler Dienstag“ einmal pro Woche ein Kulturprogramm aus der umliegenden Region importiert, außerdem finden Land Art- und andere kulturelle Veranstaltungen in der gesamten Woiwodschaft Niederschlesien statt.

Eins der letzten Highlights des Kulturhauptstadtjahrs wird die Verleihung des Europäischen Filmpreises am 10. Dezember in Wrocław sein. Bis dahin laufen jetzt schon sowohl die aktuell nominierten als auch die preisgekrönten Filme der vergangenen Jahre in den Kinos der Stadt.

Es bleibt abzuwarten, welche Stadt aus welchem Land den freiwerdenden Platz als „Kulturhauptstadt Europas 2023“ übernehmen wird, der eigentlich für das Vereinigte Königreich vorgesehen war. Aber bis dahin gibt es noch jede Menge anderer Kulturhauptstädte, die als Produkte der gereiften EU-Initiative sicher interessant und sehenswert sein werden. 2017 sind erst einmal Aarhus (Dänemark) und Paphos (Zypern) an der Reihe.

Spannend und eine Reise wert: Wrocław, Kulturhauptstadt Europas 2016, in: Politik und Kultur 6/2016

Ein Modell für Europa - San Sebastián ist „Kulturhauptstadt Europas“ 2016

Kristina Jacobsen

„Wo bleiben die Stars? Warum gibt es in der Hauptstadt der Kultur so wenig große Konzerte?“, ärgert sich Carlos, Einwohner San Sebastiáns, als wir zusammen das Kulturprogramm durchsehen. Er ist, wie einige aus der Stadtbevölkerung, enttäuscht vom Programm des Kulturhauptstadtjahrs, das so wenige „Knüller“ bereithält.

Dabei sind Sensationen und schillernde Spektakel genau das, was die Organisatoren der baskischen Kulturhauptstadt nicht wollten. In diesem Sinne ist San Sebastián (baskisch: Donostia) ein progressiver Meilenstein in der Geschichte der Initiative „Kulturhauptstadt Europas“. Denn die Stadt, die sich in diesem Jahr den Titel mit Wroc_aw (Breslau) teilt, konzentriert sich auf das von ihr gewählte Thema „Kultur zum Zusammenleben“. Alle Veranstaltungen des Programmjahrs gehören zu den Themengebieten Frieden, Dialog und Versöhnung. Es geht darum, die Jahrzehnte des ETA-Terrors aufzuarbeiten, der allein in San Sebastián 108 Todesopfer forderte. Denn noch immer leben Attentäter und Sympathisanten, Hinterbliebene der Toten und Überlebende in derselben Stadt.

Indem sich San Sebastián stark auf ein Thema konzentriert, geht es zurück zur Ursprungsidee der Initiatorin der Reihe „Kulturhauptstadt Europas“, der griechischen Kulturministerin Melina Mercouri. Als sie Anfang der 80er Jahre das Programm entwickelte, stand für sie im Vordergrund, dass Kultur (-austausch) machtvoller sei als Sprache, um voneinander zu lernen. „Was wir machen, ist eine Selbst-Therapie für die Stadt“, erklärt der Direktor der Kulturhauptstadt Pablo Berástegui, „die auch ein Beispiel sein kann für andere europäische Städte und Regionen.“ Sein Ansatz ist mutig, das Programm der Kulturhauptstadt nicht als eine eierlegende Wollmilchsau zu benutzen, wie manche anderen Städte der Initiative versucht waren, z.B. in Bezug auf Imagebildung, Stadtmarketing und PR. Auf Landesebene hatte die Idee schon im Vorfeld überzeugt, so dass sich die Bewerbung San Sebastiáns gegen die von 14 mitbewerbenden Städten in Spanien durchsetzte. Erstmalig in der Geschichte der „Kulturhauptstadt Europas“ zogen zwei Städte (Córdoba und Zaragoza) sogar vor Gericht, um das Votum der Auswahljury anzufechten – allerdings ohne Erfolg.

Bemerkenswert ist die qualitative Weiterentwicklung der Initiative „Kulturhauptstadt Europas“, die sich am Jahresprogramm San Sebastiáns ablesen lässt. Schon seit einigen Jahren geht der Trend dahin, dass nicht mehr nur die Haupt- oder „A-Städte“ ausgewählt werden, sondern dass das Besondere eher im Kleinen gezeigt wird. So können Städte, die eine Bewerbung als zukünftige Kulturhauptstadt in Betracht ziehen, - in Deutschland scharrt ja schon ein gutes Dutzend mit den Hufen - von San Sebastián einiges lernen. Das betrifft neben einem übergeordneten Thema, das aus der individuellen Stadtgeschichte hervorgeht und gleichzeitig einen weitreichenden Modellcharakter hat, auch die Bereiche Nachhaltigkeit und Partizipation. In San Sebastián wird versucht, alle Kulturprojekte nachhaltig anzulegen, indem es in jeder Aktivität mindestens einen Verantwortlichen gibt, der festangestellt in einer Institution der Stadt arbeitet (Stadtverwaltung, Theater, Universität o.ä.). So sollen möglichst viele Projekte auch nach dem Kulturhauptstadtjahr fortgesetzt werden. Das gilt besonders auch für die neuen Netzwerke mit regionalen und europäischen Kooperationspartnern, etwa beim Musikschul-Festival „Emusik“, der europäischen Fahrrad-Initiative „Biziz“ oder dem gastronomischen Austauschprojekt „On Appetit“.

Partizipative Elemente gibt es sogar auf der Steuerungsebene der Kulturhauptstadt: Im „Bürger-Komitee“ wurden Freiwillige nach dem Zufallsprinzip zu einer Jury zusammengesetzt, die über die Annahme von Kulturprojekten aus der Bevölkerung entscheidet. 1% des Programms haben Berástegui und sein offizielles Organisationsteam damit aus ihren Händen und in die direkte Verantwortung der Bevölkerung gegeben.

Auch die Besucher und Zuschauer werden an verschiedenen Stellen zum Partizipieren aufgefordert. Im „Teatro Forum“ werden sechs verfahrene Konfliktsituationen dargestellt. Das Publikum sucht daraus eine der problematischen Szenen aus und wird danach in den weiteren Fortgang der Handlung oder gar eine Lösung mit einbezogen. 100 Mal wird das teilimprovisierte Theaterstück aufgeführt. Im Anschluss werden die gesammelten Ideen, Einwürfe und Lösungsvorschläge des Publikums, „die die Zukunft einer Gesellschaft auf ihrem Weg zum Frieden inspirieren“ (- Zitat Ankündigungstext) in einer Ausstellung präsentiert. Dies ist nur ein Beispiel für den pädagogischen Ansatz von „Donostia-San Sebastián 2016“, durch den die Zuschauer als Prosumer mittels kultureller Aktivitäten zum Reflektieren angeregt werden sollen. Manchmal sind solche Versuche riskant - denn wenn es um Angst, Folter und Mord im Kampf zwischen der ETA und dem spanischen Staat geht, kommen die Erinnerungen und der Schmerz der Hinterbliebenen wieder hervor.

Insgesamt wird das Programm von den Touristen geschätzt und auch von der Bevölkerung der Stadt und der Region gut angenommen. Die Menschen spüren, dass sich etwas verändert in der Stadt. Vielleicht lässt sich ja auch der skeptische Carlos noch überzeugen.

Ein Modell für Europa. San Sebastián ist Kulturhauptstadt Europas 2016, in: Politik und Kultur 5/2016

Ein fortschrittliches Zeichen in die Zukunft: Die Kulturhauptstadt Europas „Pilsen 2015“

Kristina Jacobsen

“Mooouuuh!”, muht der Märchenerzähler Olivier mit einer Klangtiefe, wie sie wahrscheinlich nur ein Bayer aus seiner Kehle hervorbringt. Die Kinder des deutsch-tschechischen Kindergartens Junikorn kleben an seinen Lippen. Auch wenn noch nicht alle Deutsch sprechen, ist klar, von welchem Tier Olivier erzählt. Am Ende des Märchens haben die Kinder eine Hand voll deutscher Wörter gelernt und werfen sie sich spielerisch zu.

„Die Förderung des Dialogs zwischen den europäischen Kulturkreisen und denen anderer Teile der Welt und in diesem Sinne Betonung der Öffnung gegenüber anderen und des Verständnisses für andere, die grundlegende kulturelle Werte darstellen“- so lautet eines der EU-Ziele für das Programm „Kulturhauptstadt Europas“, die in diesem Jahr im tschechischen Pilsen stattfindet. Umgesetzt wird es, wie in der deutsch-tschechischen Kita, schon bei den ganz Kleinen. In mehreren Pilsener Schulen gibt es ähnliche Veranstaltungen, die ebenfalls das Interesse an der deutschen Sprache und überhaupt an den deutschen Nachbarn wecken sollen.

Unter dem Motto „Open Up!“ steht das gesamte Programm der Kulturhauptstadt Pilsen 2015. Bewusst wurden Veranstaltungen mit Kulturakteuren aus den Nachbarländern und anderen EUMitgliedsstaaten in den Vordergrund gestellt, wobei der böhmisch-bayerische Austausch aufgrund der räumlichen Nähe eine besondere Rolle spielt. So organisierte das Centrum Bavaria-Bohemia (CeBB) im April eine bayerische Woche, in der Konzerte, Tanzvorführungen, Autorenlesungen, Workshops für Jugendliche und Veranstaltungen für Familien in der ganzen Stadt sicht- und hörbar waren.

„Open Up!“, das gilt auch für alle anderen Projekte im Kulturhauptstadt-Programm Pilsens. Das ehemalige Depot des Städtischen Verkehrsbetriebs wurde zum größten Kulturzentrum Pilsens, dem neuen „DEPO 2015“ umgebaut, in dem nun verschiedene Ausstellungen internationaler KünstlerInnen zu sehen sind. Das Stadttheater bekam einen Neubau für Kultursparten, die besonders Kinder und Jugendliche ansprechen sollen. Mit dem Festival „9 Wochen Barock“ soll die Epoche des westböhmischen Barock in der Region Pilsen bekannter werden. Allein hierfür haben sich bereits mehrere Tausend BesucherInnen aus Deutschland angemeldet. Insgesamt schießen die die Tourismuszahlen um bis zu 20% nach oben und fegen damit alle Zweifel vom Tisch, die im Vorfeld gegenüber den erheblichen Investitionen für das Kulturhauptstadtjahr der 168.000 Einwohner starken Stadt Pilsen bestanden.

Das implizite EU-Ziel, mit dem Programm „Europäische Kulturhauptstadt“ eine gemeinsame europäische Identität zu stärken, hat durch die Debatten um den GREXIT, BREXIT und andere Risse im EU-Zusammenhalt eine verstärkte Bedeutung erlangt. „Wie sollte die EU denn sonst eine solidarische Gemeinschaft aus überzeugten Europäerinnen und Europäern sein, wenn nicht durch den interkulturellen Austausch zwischen den Mitgliedsstaaten?“, so der Programmdirektor von „Pilsen 2015“, Jiří Sulženko, und er ergänzt den vielzitierten Satz Jacques Delors', dass sich ja niemand in einen Binnenmarkt verliebe.

So erfolgreich und schillernd das Programm der Kulturhauptstadt Pilsen ist, stellt sich doch die berechtigte Frage, was von den vielfältigen Kulturprojekten nach 2015 übrig bleiben wird. Die Herausforderung für die Stadt wird sein, aus der Vielzahl der Veranstaltungen Prioritäten herauszusuchen, um ausgewählte Kooperationen zwischen Kulturakteuren am Leben zu erhalten. Den Wandel von einem Industriestandort zu einem neuen Zentrum der Kreativwirtschaft haben sich schon viele der vergangenen Kulturhauptstädte auf die Fahnen geschrieben, nicht zuletzt die letzte deutsche Kulturhauptstadt Europas „RUHR2010“. Wie erfolgreich „Pilsen 2015“ tatsächlich ist, wird sich also daran messen müssen, wie schnell sein beachtliches Programm verpufft – oder inwiefern vorausschauend Kooperationen und Finanzierungen geplant und gefestigt wurden, um die nachhaltige Entwicklung der Stadt und der Region auf der Grundlage von Kreativität und interkulturellem Austausch fortzusetzen.

Ein fortschrittliches Zeichen in die Zukunft: Die Kulturhauptstadt Pilsen 2015, in: Politik & Kultur 4/2015

Ein fortschrittliches Zeichen in die Zukunft: Die Kulturhauptstadt Europas „Pilsen 2015“

Kristina Jacobsen

“Mooouuuh!”, muht der Märchenerzähler Olivier mit einer Klangtiefe, wie sie wahrscheinlich nur ein Bayer aus seiner Kehle hervorbringt. Die Kinder des deutsch-tschechischen Kindergartens Junikorn kleben an seinen Lippen. Auch wenn noch nicht alle Deutsch sprechen, ist klar, von welchem Tier Olivier erzählt. Am Ende des Märchens haben die Kinder eine Hand voll deutscher Wörter gelernt und werfen sie sich spielerisch zu.

„Die Förderung des Dialogs zwischen den europäischen Kulturkreisen und denen anderer Teile der Welt und in diesem Sinne Betonung der Öffnung gegenüber anderen und des Verständnisses für andere, die grundlegende kulturelle Werte darstellen“- so lautet eines der EU-Ziele für das Programm „Kulturhauptstadt Europas“, die in diesem Jahr im tschechischen Pilsen stattfindet. Umgesetzt wird es, wie in der deutsch-tschechischen Kita, schon bei den ganz Kleinen. In mehreren Pilsener Schulen gibt es ähnliche Veranstaltungen, die ebenfalls das Interesse an der deutschen Sprache und überhaupt an den deutschen Nachbarn wecken sollen.

Unter dem Motto „Open Up!“ steht das gesamte Programm der Kulturhauptstadt Pilsen 2015. Bewusst wurden Veranstaltungen mit Kulturakteuren aus den Nachbarländern und anderen EUMitgliedsstaaten in den Vordergrund gestellt, wobei der böhmisch-bayerische Austausch aufgrund der räumlichen Nähe eine besondere Rolle spielt. So organisierte das Centrum Bavaria-Bohemia (CeBB) im April eine bayerische Woche, in der Konzerte, Tanzvorführungen, Autorenlesungen, Workshops für Jugendliche und Veranstaltungen für Familien in der ganzen Stadt sicht- und hörbar waren.

„Open Up!“, das gilt auch für alle anderen Projekte im Kulturhauptstadt-Programm Pilsens. Das ehemalige Depot des Städtischen Verkehrsbetriebs wurde zum größten Kulturzentrum Pilsens, dem neuen „DEPO 2015“ umgebaut, in dem nun verschiedene Ausstellungen internationaler KünstlerInnen zu sehen sind. Das Stadttheater bekam einen Neubau für Kultursparten, die besonders Kinder und Jugendliche ansprechen sollen. Mit dem Festival „9 Wochen Barock“ soll die Epoche des westböhmischen Barock in der Region Pilsen bekannter werden. Allein hierfür haben sich bereits mehrere Tausend BesucherInnen aus Deutschland angemeldet. Insgesamt schießen die die Tourismuszahlen um bis zu 20% nach oben und fegen damit alle Zweifel vom Tisch, die im Vorfeld gegenüber den erheblichen Investitionen für das Kulturhauptstadtjahr der 168.000 Einwohner starken Stadt Pilsen bestanden.

Das implizite EU-Ziel, mit dem Programm „Europäische Kulturhauptstadt“ eine gemeinsame europäische Identität zu stärken, hat durch die Debatten um den GREXIT, BREXIT und andere Risse im EU-Zusammenhalt eine verstärkte Bedeutung erlangt. „Wie sollte die EU denn sonst eine solidarische Gemeinschaft aus überzeugten Europäerinnen und Europäern sein, wenn nicht durch den interkulturellen Austausch zwischen den Mitgliedsstaaten?“, so der Programmdirektor von „Pilsen 2015“, Jiří Sulženko, und er ergänzt den vielzitierten Satz Jacques Delors', dass sich ja niemand in einen Binnenmarkt verliebe.

So erfolgreich und schillernd das Programm der Kulturhauptstadt Pilsen ist, stellt sich doch die berechtigte Frage, was von den vielfältigen Kulturprojekten nach 2015 übrig bleiben wird. Die Herausforderung für die Stadt wird sein, aus der Vielzahl der Veranstaltungen Prioritäten herauszusuchen, um ausgewählte Kooperationen zwischen Kulturakteuren am Leben zu erhalten. Den Wandel von einem Industriestandort zu einem neuen Zentrum der Kreativwirtschaft haben sich schon viele der vergangenen Kulturhauptstädte auf die Fahnen geschrieben, nicht zuletzt die letzte deutsche Kulturhauptstadt Europas „RUHR2010“. Wie erfolgreich „Pilsen 2015“ tatsächlich ist, wird sich also daran messen müssen, wie schnell sein beachtliches Programm verpufft – oder inwiefern vorausschauend Kooperationen und Finanzierungen geplant und gefestigt wurden, um die nachhaltige Entwicklung der Stadt und der Region auf der Grundlage von Kreativität und interkulturellem Austausch fortzusetzen.

Ein fortschrittliches Zeichen in die Zukunft: Die Kulturhauptstadt Pilsen 2015, in: Politik & Kultur 4/2015

Klein, aber très européen: Die Europäische Kulturhauptstadt Mons 2015 (Belgien)

Kristina Jacobsen

Fährt man mit dem Zug nach Mons, die Hauptstadt der wallonischen Provinz Hennegau, landet man zunächst einmal in einer riesigen Baustelle. Der neue Bahnhof, in meinem Reiseführer als eines der architektonischen Highlights beschrieben, besteht momentan noch aus Baugruben und ins Leere ragenden Brückenstümpfen, die Eröffnung wurde auf 2018 verschoben. Werbetafeln weisen auf „Capitale Européenne de la Culture Mons 2015“ hin. Auf dem Weg ins Stadtzentrum geht es den für die Stadt namensgebenden Berg („Mons“) hinauf durch sichtbar von Armut geprägte Straßen. Hinweise auf die Kulturhauptstadt sind hier nirgendwo zu sehen. Dieses Ankommen in Mons vermittelt den Kulturtouristen nicht gerade den Enthusiasmus, den andere Städte versprühen, die stolz sind, den Titel der Kulturhauptstadt tragen zu dürfen.

In der Touristeninformation an der Grand Place erfährt man mehr. Viele, viele bunte Flyer, Programmzettel und -hefte für verschiedene Zeiträume, es fällt schwer, sich darin zurechtzufinden. Rote Fäden in der Gestaltung des Programms sind nicht leicht zu finden. Auch mit den Übersetzungen geht es etwas durcheinander, was sich auf der Homepage widerspiegelt.

„Mons - wo Technologie auf Kultur trifft “ lautet das Motto des Kulturhauptstadtjahrs. Es entspricht der Trias der Stadtentwicklungsplanung, die für die nächsten Jahre die Förderung der Bereiche Kultur, Technologie und Tourismus vorsieht für die 93.000 Einwohner zählende Stadt. Die Bedingungen in Mons waren zunächst ähnlich wie bei der letzten Kulturhauptstadt in Deutschland, RUHR.2010: Arbeitslosigkeit von über 25% nach dem Ende des Tagebaus, Perspektivlosigkeit gerade in der jüngeren Generation. Doch dann kam 2010 Google mit mehr als 800 Arbeitsplätzen, Microsoft, Cisco und andere IT-Unternehmen zogen nach. „Mit diesem Aufschwung entstand auch eine kulturelle Metamorphose in den Köpfen“, schwärmt der Generaldirektor der Kulturhauptstadt Yves Vasseur. Man besann sich auf seine große Dichte an UNESCO-Weltkulturerbestätten (vier sind es allein in Mons, 15 weitere in der Region). In der Bewerbungsphase für Kulturhauptstadt zwischen 2004 und 2010 gab es zwar viel Kritik auf kommunaler Ebene für die geplanten Investitionen in die kulturelle Infrastruktur der Stadt – wie vermutlich in den meisten Städten in dieser Phase. Kultur sei doch nicht so wichtig, was haben wir damit zu tun. Letztlich wurden aber doch erhebliche Investitionen durchgesetzt, die neben dem Kulturhauptstadtprogramm auch in einen neuen Konzertsaal und fünf neue Museen flossen (besonders sehenswert: das Mons Memorial Museum). Ähnlich wie bei der deutschen Kulturhauptstadt Weimar 1999 stehen auch in Mons städtebauliche Neuerungen im Vordergrund, darunter die Kongresshalle von Daniel Libeskind und der im Entstehen befindliche Hauptbahnhof von Santiago Calatrava. Die neuen Gebäude werden bleiben, das ist toll, aber was ist mit dem Rest? Künstlerische Kooperationen zwischen Wallonen und Flamen, Koproduktionen mit Kulturpartnern aus dem EU-Ausland, kulturpolitische Vernetzung im europäischen Mehrebenensystem – Zukunft ungewiss!

Der Generaldirektor Vasseur setzt beim Fortbestehen des Erreichten auf die Verantwortung der Kulturakteure: „Es ist die Frage, wie es ab 2016 weitergeht. Wir hoffen, in der Wahrnehmung unserer Gäste eine Kulturstadt zu bleiben, so wie es z.B. Lille gelungen ist, das 2004 Europäische Kulturhauptstadt war“. Eine solide kulturpolitische Nachhaltigkeitsstrategie gibt es offenbar nicht, was zu dem Gesamteindruck des Monser Kulturhauptstadtprogramms passt, dass vieles begonnen wurde, aber noch nicht richtig ausgereift ist. Sicher, Mons ist trotz des wachsenden technologischen Sektors immer noch keine reiche Stadt, die für ein blühendes Kulturleben als Statussymbol aus dem Vollen schöpfen könnte. Doch umso wichtiger wäre es gerade dann, das vorhandene Potential zu erkennen und fruchtbar für einen kulturgeprägten, gesellschaftspolitischen Wandel zu nutzen, wie ihn RUHR.2010 angegangen ist.

In einem ist Mons jedoch dem Gros der anderen bisherigen Europäischen Kulturhauptstädte voraus: Der Titel wird wörtlich genommen. Im kleinen, mehrsprachigen Land Belgien und nur 65km von Brüssel, der Schaltzentrale Europas, entfernt, ist ohnehin vieles europäisch ausgerichtet. So spielen manche Instrumentalisten aus Mons auch im Orchester in Brüssel oder im nur 30 km entfernten Valenciennes in Frankreich. Die Tradition von europäischen Künstlern wie Orlando di Lasso oder Vincent van Gogh, die in in der Vergangenheit in Mons gelebt und gewirkt haben, soll weiter bestehen. Das Programm der Kulturhauptstadt richtet sich daher durchaus an ein europäisches bzw. internationales Publikum, auch die Museen sind mit meist drei- bis viersprachigen Hinweisschildern und Texten darauf ausgerichtet. Diverse Veranstaltungen beinhalten explizit einen interkulturellen Austausch, wie z.B. die Reihe „Café Europa“. Wenn auch die Nachhaltigkeit einer kulturpolitischen Verankerung in Frage steht, so ist zumindest die der interkulturelle Dialog gelungen und beispielhaft für zukünftige Kulturhauptstädte.