Wege in die Universität – Studium nach der Flucht

Geflohene Menschen können, mit geeigneter Qualifikation, bereits ab dem ersten Tag ihrer Ankunft in Deutschland an der Universität Hildesheim studieren. Das Welcome-Team sowie das International Office sind erste Ansprechpartner und begleiten Studieninteressierte mit Fluchterfahrung auf ihrem Weg in das Studium. Die Universität vergibt unter anderem Stipendien für einen Intensivsprachkurs und unterstützt bei der Studienvorbereitung mit individueller Beratung zu Themen wie Bewerbung, Finanzierung und wissenschaftliches Arbeiten.

Ab April werden in zwei Projekten geflüchtete Musiker auf dem Weg in die Universität vom DAAD Integra Team unterstützt und begleitet. Am 2. Mai wird es eine Auftaktveranstaltung geben, bei der sich alle Interessierte vorstellen können. Mehr zu dem Projekt wird in Kürze veröffentlicht.
Die Projekte sind in der Abteilung Community Service angesiedelt und werden mit "musik.welt"-Studierenden in Kooperation mit dem Welcome Board des Musikland Niedersachsen umgesetzt. Der DAAD unterstützt die Projekte mit Mitteln aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Musikerinnen und Musiker, die nach Deutschland geflüchtet sind oder einen Migrationshintergrund haben, sind eingeladen, sich für den Studiengang „musik.welt“ zu bewerben. Die Vielfalt der musikalischen Traditionen, die die Musiker mitbringen, wird im Center for World Music zu einem wertvollen Bestandteil des Studiengangs.

Jetzt bewerben: Studiengang  „musik.welt“

Nachgefragt bei Studierenden

„Eine zweite Heimat gefunden“

Rapper und Dichter Abbass Anoor

„Ich bin in Darfur aufgewachsen. Ich wollte zur Schule gehen, aber ich durfte nicht. Ich wollte nicht als Kuhhirte enden und rannte mehrfach von zu Hause weg. Erst mit 20 Jahren lernte ich, Texte zu schreiben“, erinnert sich Abbass Anoor. 25 Jahre später spricht er vier Sprachen: Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch und studiert Musik am Center for World Music der Universität Hildesheim. Er ist ein bekannter Rapper aus dem Sudan und musste wegen seiner kritischen Liedtexte das Land verlassen. In seinen Texten spricht der Dichter trotz einer positiven Grundeinstellung die Probleme seines Landes an.

„Die universitäre Sprache ist etwas schwierig für mich, der Weg von Frankfurt nach Hildesheim ist zeit- und kostenaufwändig“, sagt der 43-Jährige über das Studium. „Aber für mich ist das Studium eine große Chance. Ich lerne viel über Musik, Geschichte und kulturelle Diversität. Ich lerne ein neues Instrument, jetzt spiele ich E-Bass. Die Leute an der Universität sind sehr hilfsbereit, auch in anderen Lebensbereichen. Das Center for World Music hat mir eine Chance, eine neue Familie gegeben – ich habe zum Glück diesen Ort gefunden. Jetzt habe ich eine zweite Heimat – hier in Deutschland.“

„Mit Musik kann man viel bewegen“

Sängerin und Musikpädagogin Tinatin Tsereteli

Als Gesangs- und Musikdozentin in Hannover und Hildesheim arbeitet Tinatin Tsereteli mit dem „persönlichsten Instrument des Menschen“ – der Stimme.  „Mit Musik lässt sich mehr erreichen als sich mit Worten bewegen lässt." In ihren musikalischen Projekten mit und für Migranten jeden Alters geht es mitunter um ersungenen Spracherwerb. „Musik berührt, egal wie gut jemand Deutsch spricht. Die Mädchen und Jungen, mit denen ich in Schulen und Kindergärten zusammenarbeite, wollen lernen. Wir müssen ihnen nur die Chancen geben.“ Tsereteli hat an der Universität in Hildesheim Kulturwissenschaften und anschließend „musik.welt – Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung“ studiert. Im Studium hat sie sich unter anderem mit transkultureller Musikvermittlung und pädagogischen Fragen befasst. „Ich bin dankbar für den Studiengang, im Center for World Music begegne ich Menschen aus so vielen musikbezogenen Berufen und Ländern, die ich sonst nicht getroffen hätte. Das ist ein großes Glück, ein reicher Fundus. Ich bewege mich nun ausschließlich in der Musikszene und im musikpädagogischen Berufsfeld.“

Als Elfjährige kam Tinatin Tsereteli mit ihrer Familie in einem Flüchtlingsheim an, in den Bürgerkriegsjahren mussten sie ihr Heimatland verlassen. „In Georgien hatte ich Klavierunterricht, meine Eltern sind Violoncellisten. Alles hat sich in meiner Kindheit um Musik gedreht. In Deutschland hatten wir ein Zimmer für die ganze Familie, ohne Instrumente. Ich fühlte eine große Leere. Es hat uns an allem gemangelt, wir konnten die deutsche Sprache nicht sprechen. Aus meiner Not heraus habe ich den Gesang für mich entdeckt. Wenn ich allein war in unserem Zimmer, bin ich eingetaucht in meine eigene Musikwelt.“

Tsereteli singt und spielt seit einigen Jahren die Musikgenres durchwandernd in diversen Besetzungen auf der Bühne. Derzeit arbeitet sie an ihrem Solodebüt. Die Texte ihrer eigenen Lieder hat sie schon immer in deutscher Sprache verfasst, seitdem sie selbst schreibt.

„Musik ist Leben“

Komponist Kioomars Musayyebi

„Musik ist Leben. Ich wollte unbedingt weiter studieren, als ich nach Deutschland gekommen bin. Ich habe mich deutschlandweit an Hochschulen beworben und Absagen erhalten – ich müsse ein europäisches Instrument spielen. Über das Internet habe ich das musik.welt-Studium gefunden. Der Studiengang passt total zu meiner Situation. Ich habe in der Uni in Hildesheim angerufen und mit Professor Raimund Vogels gesprochen. Ich bin persönlich angereist, um zu erklären, was ich bisher gemacht habe und was ich für die Zukunft brauche. Ich komponiere Musik und Kinderlieder, unterrichte Jugendliche, kombiniere persische Klänge mit anderer Atmosphäre. Meine Abschlussprüfung habe ich gerade bestanden, die Prüfer haben langsam gesprochen, da ich die deutsche Sprache noch erlerne. Ich war ungeheuer aufgeregt“, sagt Kioomars Musayyebi. Seit 30 Jahren spielt er Santur, hat in Teheran Musiktheorie und Komposition gelernt, seit vier Jahren lebt er im Ruhrgebiet. Er ist einer der ersten Masterabsolventen am Center for World Music der Uni Hildesheim.

Bildungsintegration in Hildesheim

Zusammen leben und lernen – das Center for World Music untersucht die Rolle von Musik im Leben und arbeitet mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am „Zentrum für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften“ der Universität Hildesheim zusammen.

Hier untersuchen Fachleute aus Sport, Musik, Kultur, Sprache, Politik und Sozialpädagogik, wie Bildungseinrichtungen mit Vielfalt umgehen. Migration nicht länger nur aus einer Problem- und Defizitperspektive zu betrachten, sondern die Ressourcen in den Blick zu nehmen, das ist ein Ziel des Teams um Professorin Viola B. Georgi. Den wissenschaftlichen Nachwuchs fördert das Zentrum für Bildungsintegration in einem Promotionskolleg.