Mehrspurig

Dienstag, 11. Dezember 2012 um 19:32 Uhr

Im Seminar stellt er ein Grammophon von 1928 auf den Tisch, daneben eine Schellack-Platte und einen MP3-Player, „um zu untersuchen, wie technische und mediale Entwicklungen die Musiken, Künstler und Hörer verändert haben“, sagt Johannes Ismaiel-Wendt. Seit 2012 ist er Juniorprofessor für Systematische Musikwissenschaft und Musiksoziologie.

Ist Hip-Hop eine globale Sprache? „Versteht ein Hamburger Rapper, was in einer Beiruter MC vor sich geht?“, fragt Johannes Ismaiel-Wendt, der in einem Projekt am Haus der Kulturen der Welt in Berlin lokale Szenen, Slangs und Codes mit zusammengeführt hat. Im Projekt „Translating Hip Hop“ kamen Rapperinnen und Rapper in Manila, Nairobi, Beirut und Bogotá zusammen, um buchstäblich ihre Texte als auch Kontexte zu übersetzen. „Da waren die Übersetzungs- und Kulturtheorien der letzten hundert Jahre in wenigen Tagen live zu erleben“, so sein Fazit.

Seit Mai 2012 ist Johannes Ismaiel-Wendt Junior-Professor für Systematische Musikwissenschaft und Musiksoziologie. Zu seinen Schwerpunkten an der Universität Hildesheim zählen die musikalischen Massenkulturen der Gegenwart, postkoloniale Theorien sowie das trans- und interkulturelle Lernen in der Lehrerausbildung.

Dabei befasst sich der 39-Jährige mit den Raumverweisen, die in der populären Musik auffallen. Ein Blick in den Plattenladen oder Online-Shop verrät, wie präsent geografische Verortungen sind: Brit Pop, Latin Jazz, und Afro Beat. „World Music“ werde meist national sortiert. „Die Raummetapher ist ein Überbleibsel des kolonialen Denkens und der nationalistischen Aufteilung der Erde. Kulturelle Produktion, in diesem Fall Musik, machen wir an ethnischen und rassistischen Kategorien fest“, sagt er.

Ismaiel-Wendt begeistert die Studierenden der Kulturwissenschaften in seiner Lehre. So schickt der Professor die Studentinnen und Studenten in die Bibliothek und zu Youtube. „Im Netz ist so viel zu hören, sie sollen auf Entdeckungstour gehen.“ Theorie und musikalische Praxis werden in der Lehre eng verbunden. „Deshalb biete ich im Wintersemester ein Doppel-Seminar an – Forschungslektüre sowie eine Übung zum Umgang mit Music Tools“, sagt Ismaiel-Wendt, der selbst Electronic Dance Music macht und soundlectures hält. „Lauter Kopien, keine Originale“, sagt er über die zeitgenössische elektronische Musik, die größtenteils aus Sampeln und Kopien entsteht, aus mehreren Spuren.

Mit dem Center for World Music, dem musikethnologischen Forschungszentrum der Universität, plant er eine enge Zusammenarbeit. Im Herbst 2013 findet zum 10. Todestag von Edward Said eine Tagung zur Postkolonialen Musikforschung statt. Vorträge zu populärer Musik und kultureller Repräsentation werden genauso Teil dieser Kooperation sein, wie Live Performances im Center und auf der Domäne – „Mehrspur-Erkenntnis eben“.

Lesen Sie den Artikel im Uni-Journal, Ausgabe November 2012 (PDF)


Musikalische Massenkulturen und das interkulturelle Lernen in der Lehrerausbildung gehören zu seinen Arbeitsschwerpunkten: Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Musikalische Massenkulturen und das interkulturelle Lernen in der Lehrerausbildung gehören zu seinen Arbeitsschwerpunkten: Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim Musikalische Massenkulturen und das interkulturelle Lernen in der Lehrerausbildung gehören zu seinen Arbeitsschwerpunkten: Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim