Decolonizing Europe through Music Scholarship? Whiteness, Citizenship and Borders

Donnerstag, 30. September 2021 um 09:00 Uhr

Symposium der Fachgruppe Musikethnologie und Vergleichende Musikwissenschaft in der Gesellschaft für Musikforschung (GfM)

Symposium | 30.09. 2021 | Beethoven-Haus, Konzertsaal, Bonngasse 22-24, 53111 Bonn | 10€ - 80€

Es gibt viele Theorien der Dekolonisierung, die in verschiedenen politischen, akademischen und fachlichen Kontexten verschiedene historisch-situierte Bedeutungen aufweisen. Im Kontext dieses Symposiums liegt der Fokus auf den Auswirkungen des europäischen Imperialismus auf die Konstruktion von Rassifizierung, Klasse, Geschlecht und Sexualität sowie auf dem Entgegenwirken folglicher epistemischer, methodologischer und institutioneller Ausgrenzung und Gewalt im Kontext von Musik, Tanz und wissenschaftlicher Praxis.

Öffentliche Diskurse über Europa sind von vielfältigen Widersprüchen geprägt: Einerseits klammern sie sich immer heftiger an ein universalisierendes Selbstverständnis von Europa als Quelle von „Vernunft“, „Wissen“ und „Freiheit“, während andererseits die eigene Bevölkerung und die eigenen Institutionen im Kontext pluraler Wissenssysteme dieser essentialisierenden und hierarchisierenden, vermeintlichen Vormachtstellung widersprechen und versuchen, diese aufzulösen. Europäische Nationalstaaten feiern ihre demokratischen Traditionen, während populistische Parteien die Möglichkeiten der politischen Repräsentation untergraben und exklusivere Kategorien für politische und kulturelle Teilhabe fordern. Europa rühmt seine eigenen grünen technologischen Errungenschaften, während die europäische Bevölkerung weiterhin überkonsumiert und dadurch weltweit die Umwelt verschmutzt. Das Streben nach finanziellem Wachstum wird fortgesetzt, während Sparmaßnahmen die regionalen und Klassenunterschiede vergrößern. Europa lobt seine fortschrittliche Geschlechterpolitik und seine LSBT*I*Q-Rechte, während Asylsuchende in Haftanstalten geschickt werden und Migrant*innen im Mittelmeer sterben. Verschiedene postkoloniale Bewegungen zur Dekolonialisierung Europas fordern dazu auf, dessen imperiales Erbe und den fortdauernden Neoimperialismus zu thematisieren, besonders entlang der Differenzierungslinien Rassifizierung, Ethnizität, Religion, Klasse, Geschlecht und Sexualität. Die Forderungen von Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen nach Dekolonialisierung und Dezentrierung der Vorstellungen und Strukturen Europas sowie der wissenschaftlichen Praxis gewinnen heute an Dringlichkeit aber auch an Komplexität aufgrund neuer Machtkonstellationen, Regionen und Ideologien in Europa. Das Symposium nimmt die Themen kritisches Weißsein, kulturelle Teilhabe und Grenzen in den Fokus, um durch Musik- und Tanzforschung  Macht- und Ausgrenzungskonstellationen im Europa des 21. Jahrhunderts kritisch zu begegnen.

Anhand von Forschungen zu Musik, musikalischer Praxis und Performance sowie einer  Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Institutionen und musikwissenschaftlicher Forschung sollen folgende und weitere Fragen thematisiert werden:

  • Wie wird Weißsein heute in Europa musikalisch/klanglich/tänzerisch konstruiert oder dekonstruiert?
  • Inwiefern setzen Musik und Musikwissenschaft in Europa Vorstellungen der europäischen Zugehörigkeit fort, die auf normativen Identitätskategorien beruhen? Wie kann Musik in Europa Zugehörigkeit gewähren oder versperren?
  • Wie kann Musik ethnische, nationale und kontinentale Grenzen wahren oder überschreiten?
  • Wie beteiligt sich die Musikwissenschaft an der Konstruktion und Vorstellung von Europa?
  • Was sind die (post-)kolonialen Prämissen und die historischen, ideologischen und institutionellen Grundlagen, auf denen sich die Musikwissenschaft in Europa entwickelt hat? Was sind kritische Reaktionen darauf?
  • Was bedeutet die Dezentrierung und Dekolonialisierung Europas im 21. Jahrhundert und welche Verantwortung tragen darin Musikwissenschaftler*innen?

Ziel ist es, (ethno)musikologische Ansätze, Konzepte und Strategien zu vertiefen und weiterzuentwickeln, um diese in aktuellen Debatten mit einzubringen. Das Symposium soll in multiperspektivischer Weise einen transdisziplinären Raum für einen Austausch über aktuelle Forschungsprojekte  und wissenschaftliche Reflektionen zum Thema „Europa durch Musikforschung dekolonialisieren?“ schaffen, der die Bandbreite musikwissenschaftlichen Arbeitens in diesen Kontexten repräsentiert. Hierzu gehören vor allem (aber nicht ausschließlich) Forschungsfelder, die sich der Musikethnologie und der sozial- und kulturwissenschaftlich geprägten Musikforschung angehörig fühlen. Der Musikbegriff wird hierbei als ein offener verstanden, der keinen genrespezifischen Eingrenzungen unterliegt.

Weitere Informationen zu Programm, Redner*innen und Teilnahmebedingungen hier.