Musik, auf der Oberfläche so sanft

Montag, 20. Juli 2015 um 11:40 Uhr

Musik wirkt so milde, ist aber hochpolitisch, sagt Raimund Vogels. Die Musikhochschule in Hannover und die Universität Hildesheim unterstützen den Forschungsnachwuchs. Seit sieben Jahren bauen sie ein weltweites Doktorandennetzwerk in der Musikethnologie aus. Isa Lange hat zugehört – kaum ein Vortrag kommt ohne Klänge aus.

Als sie mit der Forschung begann, dachte Fredeliza Campos Piper, sie kann all ihre Fragen beantworten. „Ich ende nun mit vielen neuen Fragen.“ Die Wissenschaftlerin der Australian National University in Canberra untersucht Musikfestivals auf den Philippinen und möchte herausfinden, wie Menschen sich zu Gruppen zusammenfinden und welche Rolle dabei die Instrumente spielen, die sie mitbringen. An einem Nachmittag im Juni gibt sie Einblicke in ihre Forschung. „Oh, can I play, can I play it?“, die Vortragszeit von 20 Minuten ist vorbei. Bevor eine halbstündige Diskussion beginnt, klickt Campos Piper auf ihren rosanen Tablet-Computer und startet einige Musikbeispiele und Videos. Fredeliza Campos Piper hat mit 24 Stunden die längste Anreise der zwei Dutzend Forscher aus aller Welt, sie kommt aus Australien.

Um aus ihrer Forschung zu berichten, reisen seit sieben Jahren junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Bosnien und Herzegowina, Malaysia, Indien, Griechenland, Nigeria, Türkei, Brasilien, Iran und Südkorea nicht nach Berlin oder Köln, sondern nach Norddeutschland. Am Center for World Music (CWM) trifft sich einmal im Jahr der musikethnologische Nachwuchs. „Musik machen ist vielfältig und auch politisch. Um Musik zu verstehen, ist ein globaler Blick und die Feldforschung vor Ort notwendig“, sagt der Vizepräsident Professor Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, mit der die Hildesheimer Universität den Doktorandenworkshop organisiert. Professor Raimund Vogels und Professor Philip Bohlman von der Universität Chicago bauen dieses Netzwerk aus, unterstützen die Forscher in ihren Fragen und knüpfen somit Kontakte zu Musikethnologen weltweit – die jährlich nach Hildesheim anreisen.

„Wir haben gemeinsame Fragestellungen, gemeinsame Sorgen, gemeinsame Hoffnungen. Musik ist für uns hochpolitisch, sie wirkt auf der Oberfläche so sanft“, sagt Raimund Vogels, der das Forschungszentrum an der Universität Hildesheim leitet und derzeit mit Wissenschaftlern aus Nigeria und Iran zusammenarbeitet, um Musikarchive digital zu erfassen und recherchierbar zu machen.

Senegal – Deutschland – USA: Einen Zwischenstopp in Hildesheim macht zum Beispiel Scott Lindford von der University of California in Los Angeles. „Ich habe die letzten zehn Monate in Senegal geforscht und bin nun auf dem Rückweg in die USA. Ich untersuche, wie Musik rundum die Welt zirkuliert und Musikstile aus der Welt lokal zusammenkommen“, sagt der amerikanische Forscher. „Der Doktorandenworkshop wurde mir stark empfohlen von einem Kollegen, der im letzten Jahr dabei war, denn ich kann hier nach einer langen Zeit der Feldforschung und Datensammlung nun etwas distanzierter auf das Material schauen.“ Er ist das erste Mal in Hildesheim und „keineswegs traurig, dass ich nicht in Berlin gelandet bin“, sagt Lindford. „Ich komme aus einem kleinen Dorf in den USA, Hildesheim ist für mich eine Großstadt. Ich sehe hier die kleine Forschergruppe für mehrere Tage, das ist großartig und wie eine Familie.“

Ai Mei Luo aus Taiwan hat von dem Workshop in Hildesheim über eine E-Mail erfahren. Der Workshop sei eine gute Möglichkeit, sich mit anderen jungen Forschern auszutauschen. Sie studiert Musikethnologie an der Chinese University of Hong Kong und untersucht „wie Musik genutzt wird, um sich selbst zu präsentieren“. Ihr Datenmaterial sind CD-Sammlungen von Kinderliedern, sie beobachtet das Geschehen auf Musikfestivals und spricht mit Zuschauern. Musikethnologen, sagt Ai Mei Luo, machen Feldforschung, um „zu verstehen, wie Menschen in ihrem wirklichen Leben Musik machen, verstehen, hören, es geht nicht nur um Archiv-Recherche“. Normalerweise habe man auf Forschertreffen nur wenig Zeit, um eigene Forschung zu diskutieren. „Mir gefällt es sehr in Hildesheim, wir haben viel Zeit für Diskussionen und Austausch, das ist sehr wichtig, nicht in fünf Minuten kurz und simpel durch ein Thema zu jagen und nur Momente einzufangen, sondern sich wirklich intensiver über Forschungsmethoden und Inhalte auszutauschen“, sagt die taiwanesische Forscherin. Das, so Michael Fuhr von der Musikhochschule in Hannover (HMTMH) sei die Grundlage. „Das ist die Besonderheit: Die meisten Forscherinnen und Forscher haben ihre Feldforschung bereits abgeschlossen und können jetzt dank der Kommentare ihrer Kollegen ihre Arbeit diskutieren“, sagt Fuhr, der den Workshop mitorganisiert hat. „Das wird sehr gut angenommen, wir erhalten in der Regel mehr Anfragen und können oft nur ein Drittel annehmen und einladen. Wir halten auch nach dem Workshop die Kontakte zueinander. Wenn man sich einmal persönlich getroffen hat, ist es leichter, wieder zusammenzukommen.“

In diesem Jahr befassen sich die zwei Dutzend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Wandel von Musikinstrumenten in ihrem kulturellen Kontext, was mit Musik passiert, wenn Menschen mobil sind (Migrationsbewegungen) und wie Musik in Konfliktregionen und politisch eingesetzt wird. Stephen Miller aus Belfast gibt einen Einblick in die „Irish Rebel Music“. Simran Singh von der University of London befasst sich mit dem Politischen in Hip Hop Musik in Uganda. Dabei sitzen die Forscher inmitten einer der größten privaten Sammlungen außereuropäischer Musikinstrumente.

Klänge gehören zu den Treffen der Forscher, kaum ein Vortrag kommt ohne Musik aus. Darren Fenn aus Newcastle platziert das Instrument „Bandoneon“ neben seinen Laptop, wenn er spricht. Auch Amra Toska aus Bosnien und Herzegowina lässt Musik während ihres Vortrags laufen, einen „Urban Love Song“: „Sevdalinka“ ist ein lyrisch-musischer Monolog, der „die innere Verfassung ausdrückt“. „Wir leben sehr individualisiert, das Musikstück transportiert das Gefühl von Menschlichkeit und Liebe. Um zu überleben, müssen Menschen aneinander orientiert und nicht vereinzelt verstreut sein, wir leben in einer großen Gruppe“, sagt Amra Toska.

Mazedonien, Äthiopien, Brasilien: Rückblick 2014

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Lesen Sie mehr über die Forschung am Center for World Music im aktuellen Uni-Magazin ab Seite 78 (zum epaper)

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


Statt Berlin oder Köln: Treffen am Center for World Music an der Universität Hildesheim aufeinander: Ai Mei Luo aus Taiwan, Scott Lindford aus den USA, Fredeliza Campos Piper aus Australien und Amra Toska aus Bosnien und Herzegowina. Michael Fuhr und die Professoren Raimund Vogels und Philip Bohlman (Chicago, re.) bauen ein weltweites Doktorandennetzwerk auf. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim