Abwesenheiten / L'absence

Freitag, 03. September 2021 um 17:03 Uhr

Im November 2021 findet erneut die deutsch-französische Herbstschule in Bayonne statt. Beiträge zum Themenkomplex "Anthropologie der Abwesenheit" können bis 03.10. eingereicht werden.

Leere, Stille und die Erfahrung des Wartens: Anthropologische Perspektiven auf das Themenfeld Abwesenheiten Le vide, le silence, l’attente : Une anthropologie de l’absence

Herbstschule | 22. - 26.11.2021 | Bayonne, Baskenland - Frankreich | Deutsch-Französische Hochschule (DFH) / Université franco-allemande (UFA)

 

THEMENFELD

Diese Herbstschule befasst sich mit der Thematik "Anthropologie der Abwesenheit" und nimmt dabei Bezug auf Erfahrungen von Leere, Stille und Unsicherheit, die besonders in ihrer wissenschaftstheoretischen Dimension mit Bezug auf Musik interdisziplinär erfasst und diskutiert werden. Dabei wird nach der besonderen sozialen Wirksamkeit von Abwesenheitserfahrungen und Strategien des Rückzugs gefragt. Die Herbstschule 2021 ermöglicht zudem Wissenschaftler*innen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften einen Dialog mit prominenten Künstler*innen und Vertreter*innen von Kulturinstitutionen zu führen (u.a. mit der Regisseurin Lena Herzog und ihrem Werk Last Whispers).

 

BESCHREIBUNG

Traumatische Erfahrungen in unseren Gesellschaften nehmen häufig Bezug auf Erfahrungen der Stille, des Zweifels, der Leere, der Abwesenheit und auf Formen des (Er)wartens, die als konstitutive Lebenserfahrungen gelten. Dabei lässt sich das Warten aber keinesfalls als ein inaktiver Zustand kennzeichnen, sondern als ein Zustand, der gerade in kultureller Hinsicht auch aktiv und produktiv sein kann. Das Aussetzen sozialer Aktivität kann also ebenso einschränkend wie befreiend wirken. Formen und Strategien des künstlerisch produktiven Wartens sollen daher den Ausgangspunkt für Reflektionen von und mit jungen Forscher*innen im Rahmen der DFH bilden.

Die pandemiebedingt selbst erfahrene Situation der (Selbst)isolation hat unseren Blick auf existente Arbeiten im Bereich "Anthropologie der Abwesenheit" (Bille, Hastrup, Sørensen 2010) gelenkt. Wir streben eine Öffnung und Erweiterung dieses Diskurses an, um innovative interdisziplinäre Perspektiven auf ein hochaktuelles Feld sozialwissenschaftlicher Forschung zu ermöglichen - das der "scheinbar passiven" oder "unproduktiven" sozialen Praktiken. Der Rückzug aus dem Sozialen, oder Praktiken, in denen "Abwesenheit" sozial markiert wird (die "Schweigeminute" beispielsweise), stehen daher im Mittelpunkt. Die Veranstaltung versucht menschliche Strategien des Umgangs mit Abwesenheiten und Formen der Stille zu thematisieren und vergleichend zu diskutieren.

 

INTERDISZIPLINÄRE PERSPEKTIVEN

Die Wissenschaftsdisziplin der Anthropologie hat sich intensiv mit der Rolle der Sinne bei der Konstruktion menschlicher Gemeinschaften beschäftigt. Obwohl sich einzelne Studien beispielshaft mit Äußerungen von Stille sowie Strategien des sozialen Rückzugs beschäftigt haben (als eine alternative Form von Sozialität), etwa in Form vergleichender Studien zum Themenfeld "Warten" (Hage 1997) oder im ethnographischen Kontext (Kobelinsky 2010), so werden diese doch eher als Ausnahmesituationen jenseits der Norm wahrgenommen und nicht eingehend analysiert.

1. Im Bereich der Philosophie und der kognitiven Psychologie haben die Analyse von Erfahrungen des Wartens, der Stille und Abwesenheit dazu geführt, dass bestimmte Formen der Traumatisierung besser erfasst werden können und gleichzeitig Studien im Bereich der sozialen Ungleichheit und des ungleichen Zugangs zu sozialen Dienstleistungen befördert. Laure Wolmark (2017) prägte im Zusammenhang ihrer Studien zu Erfahrungen des Verlusts und der sozialen Marginalisierung von Asylsuchenden den Begriff der « clinique de l'exil ». Die Erfahrung des Wartens wird in diesem Kontext als spezielle Form psychologischer Gewalt charakterisiert. Die Herbstschule fokussiert daher auf die Fragestellung: Kann die Erfahrung des Wartens systematisch mit Formen von Exklusion, von Machtlosigkeit oder der (sozialen) Herabstufung verbunden werden? Diskutiert wird diese Frage mit Bezug auf Fallstudien, situativ verortete und kontextualisierte Beobachtungen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten wobei auch das Potential interdisziplinärer Methodologien für dieses Themenfeld untersucht wird.

2. Die Sozial- und Kulturwissenschaften haben sich mit dem Phänomen der Stille bereits eingehend auseinandergesetzt. Dabei wird Stille nicht nur als die "Abwesenheit von Klang" verstanden, sondern auch als ein intentioneller Akt um "etwas auszudrücken" - beispielsweise in Momenten des sozialen Teilens von Stille ("Schweigeminute"). Stille wird zudem als ein Indikator für Formen der Ungleichheit wahrgenommen. Dabei wird die Stille im Bereich der Musik oft als ein "antisoziales" Phänomen (Seremetakis 1997) dargestellt, das im Widerspruch zu Formen des "Sich Ausdrückens", zur vokalen Fähigkeit des "voicings" (Weidman 2014) steht. Andererseits wurde mit Verweis auf Foucault die Stille als spezifische Form der sozialen Machtausübung charakterisiert, als "Währung der Macht" (Achino-Loeb 2005). Ähnliche Einordnungen wurden für das Phänomen des Wartens unternommen: soziale Hierarchien bestimmen in diesen von uns hinterfragten Denkmustern wer auf wen wartet. In symmetrischer Art und Weise wird die Stille von der soziologisch orientierten Musikwissenschaftsforschung als eine soziale Operation beschrieben (Le Marec und Ribac 2019).

3. Die politische Dimension ist die dritte Dimension der Auseinandersetzung mit dem Themenfeld. Konkret manifestiert sich diese in Formen des Rückzugs und des (erzwungenen) Verstummens. Brandon LaBelle (Overheard and Interrupted 2016) spricht in diesem Zusammenhang von sonic agency um eine "passive subversive Aktivität" zu bezeichnen, die bestehende soziale und politische Ordnungen in Frage stellen kann. Stille oder Passivität als Aktivität kennzeichnen in diesem Kontext eine spezifische Form der Kommunikation. Diese aktive Dimension eines scheinbar passiven Sozialverhaltens soll im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Austauschs der Herbstschule stehen. Erfahrungen der Stille, der Distanzierung, der Abwesenheit, der (Selbst)isolation und des Rückzugs hinterfragen auf prominente Weise unsere etablierten Vorstellungen von sozialen Normen.

Entsprechend der Zielvorstellung der Sommerschulen seit ihrer Gründung im Jahr 2010, beziehen wir uns auf Fallstudien, die gegenübergestellt, verglichen und aus interdisziplinären Blickwinkeln betrachtet werden. Dabei streben wir die Teilnahme von Wissenschaftler*innen aus einem breiten Feld der Geistes- und Sozialwissenschaften an - etwa aus den Disziplinen Ethnologie, Anthropologie, Musikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Kunst- und Medienwissenschaft, Geographie, Soziologie, Politikwissenschaften, Psychologie.

Für die Edition 2021 sind besonders Bewerbungen von (Klang)künstler*innen und Kulturschaffenden, die Leere, Abwesenheiten oder Stille zum Ausgangspunkt ihrer Werke gemacht haben, erwünscht. Die Herbstschule ist in Präsenz geplant, angepasst an die pandemische Lage wird aber die Möglichkeit der Präsentation von einzelnen Beiträgen in digitaler Form angeboten.

 

ORGANISATIONSTEAM

  • Dr. Michael Fuhr, Musikethnologe, Center for World Music, Stiftung Universität Hildesheim
  • Prof. Denis Laborde, Anthropologe, directeur d’études EHESS (Paris), directeur de recherche CNRS (UMR Passages – Institut ARI, Bayonne)
  • JProf. Dr. Eckehard Pistrick, Musikethnologe, Institut für Europäische Musikethnologie, Universität zu Köln
  • Prof. Raimund Vogels, Musikethnologe, Center for World Music, Stiftung Universität Hildesheim

Guest Speakers

  • Prof. Martin Stokes, Musikethnologe, King's College, London
  • Dr. Antonio Pusceddu, Ethnologe, CRIA, Universität Lissabon
  • JProf. Konstanze Schütze, Kuratorin, Kunst- und Medientheorie, Universität zu Köln
  • Prof. Philip Bohlman, Musikethnologe, University of Chicago (tbc)
  • Dr. Carolina Kobelinsky, Anthropologin, CNRS (LESC, Université Paris-Nanterre) (tbc)
  • Dr. Karsten Lichau, Historiker, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin (tbc)

Eingeladene Künstler*innen

  • Lena Herzog, Fotografin und Videokünstlerin, San Francisco & Prof. Madana Seyfeddinipour, SOAS University of London/Gastwissenschaftlerin Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (Berlin) für Last Whispers, Oratorio for vanishing voices, collapsing universes and a falling tree, création audiovisuelle sur les langues menacées de disparition.
  • Paula Olaz, Komponistin & Gonzalo Amilburu, Regisseur für AZTARNAK 1 – TRACES 1, ce qu’on laisse derrière soi pour vivre (production Haizebegi avec les demandeurs d’asile du CADA de Bayonne et les étudiants de l’Ecole de Cinéma de Saint-Sébastien)

 

BEWERBUNG

Die Bewerber*innen senden ein Abstract/Projekt im Umfang von max. 2 Seiten. 8 Beiträge werden ausgewählt (Gruppe A). Jeder der Bewerber*innen entwickelt einen Text von circa 10 Seiten, um diesen auf einer gemeinsamen Plattform zur Verfügung zu stellen. Während der Herbstschule werden diese Beiträge von 8 weiteren Beiträger*innen kommentiert (Gruppe B). Die Publikation eines Artikels in den Cahiers scientifiques du festival Haizebegi ist vorgesehen.

Bewerbungsunterlagen

  • kurzer CV;
  • Kurzpräsentation des künstlerischen Projekts oder des Promotions-/Master-/Post-Doc Projekts;
  • kurze Zusammenfassung des Projekts/geplanten Beitrags (max. 2 Seiten) mit Bezug auf die Thematik der Herbstschule;
  • Einreichung in elektronischer Form an die folgenden Email-Adressen : denis.laborde@ehess.fr / Raimund.Vogels@hmtm-hannover.de / cwm_fuhr@uni-hildesheim.de / epistric@uni-koeln.de
  • Einreichungsfrist: Sonntag, 03. Oktober 2021 23:59 Uhr

 

ZUSAMMENFASSUNG

Ankunft: Sonntag, 21. November 2021; Abreise: Samstag, 27. November 2021.

Teilnehmende: 16 Nachwuchswissenschaftler*innen oder Künstler*innen (Master, Promotion, Post-Doc). keine Einschränkung in Bezug auf Nationalität und Disziplin.

Arbeitssprachen: Französisch, Deutsch, Englisch.

Ort: Institut ARI (CNRS-EHESS), Cité des Arts, 3 avenue Jean Darrigrand, F-64100 Bayonne

Elektronische Einreichung an: denis.laborde@ehess.fr / Raimund.Vogels@hmtm-hannover.de / cwm_fuhr@uni-hildesheim.de / epistric@uni-koeln.de

Einreichungsfrist: Sonntag, 03. Oktober 2021 23:59 Uhr

Kosten: kostenfreie Teilnahme. Reise- und Aufenthaltskosten vor Ort werden durch die Herbstschule übernommen.