100 Jahre Frauenstudium in Deutschland
In der Sonderausstellung „100 Jahre Frauenstudium in Deutschland“ wird die relativ junge Geschichte des Frauenstudiums dargestellt.
Eine Sonderausstellung im Schulmuseum Hildesheim
In der Sonderausstellung „100 Jahre Frauenstudium in Deutschland“ wird die relativ junge Geschichte des Frauenstudiums dargestellt.
In Zusammenarbeit mit dem Centrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung der Stiftung Universität Hildesheim erarbeitet das Schulmuseum mit Studierenden die Umsetzung der Ausstellung. Exemplarisch werden Frauenbiografien aus den vergangenen 100 Jahren – aus der Frühzeit des Frauenstudiums, aus der Zeit des Nationalsozialismus und den vier Jahrzehnten des geteilten Deutschlands bis zur Gegenwart – zum Beispiel in Film- und Interviewsequenzen dargestellt.
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Trailer zur Sonderausstellung
Vorurteile
"Frauen sind dumm, schwach, lediglich hübsch anzusehen und allenfalls für die Kindererziehung sowie den Haushalt tauglich. Und was das Wichtigste ist: Sie sind dem Manne einfach unterlegen!" Quelle: unbekannt
Selbst als Frauen regulär in Deutschland studieren durften, sahen sie sich zahlreichen Vorurteilen mit dubiosen Begründungen ausgesetzt. Die Natur der Frau sei einfach nicht für ein Studium geschaffen. Viele Argumente gegen ein Frauenstudium betrafen die körperliche und psychische Beschaffenheit der Frau sowie die ihr angeblich von Natur aus gegebene Unterlegenheit und zugeordnete Aufgabe als Mutter.
Biografien
Die Frauen der ersten Stunden - Kaiserzeit bis 1918
Natalie Häpke
Natalie Häpke, 1871-1923, Reifeprüfung 1907, Studium der Klassischen Philologie ab 1908 in Berlin, 1909 in München, 1909/10 in Göttingen, 1911/12 in Heidelberg, promovierte 1915 in München, Privatgelehrte.
Natalie Häpke aus Bremen war ungefähr 20 Jahre alt, als ihr Wunsch, ihre Kenntnisse der französischen und der englischen Sprache zu verbessern, sie von zu Hause fort führte. So verbrachte sie ein Jahr in Lausanne, im französischsprachigen Teil der Schweiz, und anschließend neun Monate in England. Auch in Südafrika und der Niederlande hielt sie sich einige Jahre auf und gab dort Deutschunterricht.
1908 begann Natalie Häpke ein Studium der Klassischen Philologie in Berlin. Dort blieb sie die ersten zwei Semester. Um die Lehrveranstaltungen der renommiertesten Professoren sowohl der großen als auch der kleineren Universitäten besuchen zu können, wechselte sie bereits für das dritte Semester nach München. Dort blieb die Studentin für ein halbes Jahr und besuchte anschließend die Universität in Göttingen. Nach einem Semester dort und einem weiteren Semester in Heidelberg zog es Natalie Häpke wieder nach München, wo sie 1915 zum Dr. phil. promoviert wurde mit einer Arbeit über die Reden des Volkstribunen Gaius Gracchus.
Erna Rampendahl
Erna Charlotte Johanne Rampendahl, später verheiratete Häpke, 1887 - 1943, Privatunterricht 1904 - 1907, ab 1908 Studium der Fächer Kunstgeschichte, Archäologie, Geschichte und Philosophie, promovierte 1916 zur „Ikonografie der Kreuzabnahme“ in Berlin.
Für Erna Charlotte Johanne Rampendahl aus Bremen, die nach ihrer schulischen Laufbahn ein Studium absolvieren wollte, stellte das Abitur ein Hindernis dar. Da Mädchen zu der Zeit keine Gymnasien für Jungen besuchen durften und die höheren Mädchenschulen nicht alle erforderlichen Fächer vermittelten, war es nicht ohne Weiteres möglich, das Abitur zu machen.
Erna Rampendahl ließ sich dadurch jedoch nicht entmutigen, sondern entschied sich dazu, ihre Schulbildung in den Jahren 1904 – 1907 durch Privatunterricht bei dem Lehrer und Naturwissenschaftler Dr. Ludwig Häpke in Bremen zu ergänzen. Diese zusätzliche Bildung ermöglichte ihr, das gewünschte Studium zunächst als Gasthörerin zu beginnen, bis sie sich schließlich ordnungsgemäß immatrikulieren konnte.
Erna Rampendahl studierte von 1908 bis 1916 Kunstgeschichte, Archäologie, Geschichte und Philosophie in München, Heidelberg und Berlin.
„Für eine gute Bildung lebte und studierte Sie an vielen Orten“
„Das Abitur war für Mädchen ein Hindernis“
Weimarer Republik und NS-Diktatur
Else Weil
Else Weil, 1889 geboren, 1910 Abitur, 1910 – 17 Medizinstudium an der Universität Berlin, 1917 Approbation, 1918 Promotion zur Dr. med., 1918 – 20 Assistenzärztin an der Charité, 1920 – 24 Ehe mit Kurt Tucholsky, 1933 Entzug der Kassenzulassung, 1938 Entzug der Approbation aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, 1942 Deportation nach Auschwitz und Ermordung.
Geboren 1889 in Berlin, besuchte Else Weil eine Höhere Töchterschule und konnte 1910 als Externe das Abitur absolvieren. Im Anschluss studierte sie Medizin an der Universität Berlin. 1917 erlangte sie die Approbation und promovierte ein Jahr später an der Charité. Als eine der wenigen approbierten Ärztinnen setzte Else Weil ihre medizinische Laufbahn sowohl als Assistenzärztin an der Charité als auch als niedergelassene Ärztin mit einer eigenen Praxis in Berlin fort.
Die im Mai 1920 mit Kurt Tucholsky geschlossene Ehe war anders als die Freundschaft zwischen den beiden nur von kurzer Dauer. Die Frau, der Tucholsky in „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ ein literarisches Denkmal gesetzt hatte, veröffentlichte selbst zwei Artikel in der „Weltbühne“, in denen sie Missstände im Gesundheitswesen thematisierte und die Tuberkuloseimpfung befürwortete.
Zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts war die Ärztin jedoch zunehmend auf Einnahmen aus Anstellungen als Privatsekretärin angewiesen. Denn mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verlor Else Weil als Jüdin 1933 ihre Anstellung in der Klinik, die Kassenzulassung sowie 1938 die Approbation. Als Emigrantin in Frankreich wurde sie dort mehrfach interniert, 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Edith Stein
Edith Stein, 1891 geboren, 1911 Abitur, 1911 – 1915 Studium in Breslau und Göttingen, 1918 Promotion, ab 1923 Lehrtätigkeit an verschiedenen katholischen Einrichtungen, 1933 Niederlegung der Lehrtätigkeit aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, 1942 Ermordung im KZ Ausschwitz-Birkenau, 1998 Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II.
Edith Stein begann im Jahr 1911 ein Studium der Germanistik, Geschichte, Psychologie und Philosophie in Breslau. Sie wechselte später nach Göttingen und legte dort nach vier Jahren ihre Abschlussprüfungen erfolgreich ab.
Nach kurzer Tätigkeit in einem Seuchenlazarett und im Schuldienst kehrte sie an die Universität zurück. Sie erlangte in Freiburg i. Br. eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin und wurde 1918 mit Auszeichnung an der Philosophischen Fakultät promoviert. Eine Habilitation blieb ihr trotz zahlreicher Versuche und Schreiben an das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung verwehrt. Diese Qualifikation hätte die Möglichkeit für Stein eröffnet, ordentliche Professorin an einer deutschen Universität zu werden. Für einen solchen Schritt waren die Universitäten auch in der Weimarer Republik noch nicht bereit: Die Habilitation einer Frau sei nur in wenigen Ausnahmefällen möglich – so konnte es Stein einer Absage auf ein Habilitationsgesuch entnehmen. Und Stein war offenbar kein Ausnahmefall.
Gerda Becker
Gerda Becker, 1910 – 2002, Besuch der Hamburger Lichtwark-Schule, Kunststudium an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Berlin-Charlottenburg, 1939 Emigration in die USA mit ihrem Mann Dr. Karl With, arbeitete in Deutschland und in den USA als freischaffende Künstlerin.
Die Illustratorin und Malerin Gerda Becker lernte ihre ersten künstlerischen Schritte in der Hamburger Lichtwark-Schule. Anschließend absolvierte sie in Berlin-Charlottenburg ein Kunststudium und nahm eine Anstellung als Illustratorin beim Ullstein-Verlag an.
Im Jahr 1939 emigrierte Gerda mit ihrem jüdischen Mann Dr. Karl With nach New York. Der Start in der neuen Heimat war alles andere als leicht. Das Ehepaar lebte von seinen kargen Ersparnissen und zog nach Pasadena um. Da die Erwerbsmöglichkeiten ihres Mannes dennoch begrenzt blieben, musste Gerda für den Lebensunterhalt sorgen. Sie entwarf Lampenschirme aus getrockneten Blumen – finanziell war das nicht wirklich lohnenswert. Dabei blieb ihre freie Malerei vorerst auf der Strecke. Doch ein erster Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bekannte ermöglichten eine erste Ausstellung ihrer Werke in Pasadena. Bereits am Eröffnungstag der Ausstellung war ein Großteil ihrer Gemälde verkauft. Von nun an ging es bergauf: Gerda etablierte sich als erfolgreiche Künstlerin.
Erste Künstlerin untertage
Eine besondere Beziehung bestand zu Bad Salzdetfurth. Gerda Becker erhielt 1935 von dem damaligen Bergwerksdirektor Hellmut Zirkler eine Einladung, Zeichnungen von der Arbeit im Salzdetfurther Kalibergwerk anzufertigen, die später in einer Unfallverhütungsbroschüre erschienen. Aufgrund dieser Aufgabe war sie die erste untertage arbeitende Künstlerin des Salzdetfurther Bergwerks, vielleicht sogar Deutschlands.
Während ihres mehrmonatigen Aufenthaltes illustrierte Gerda auch Begebenheiten an unterschiedlichen Plätzen Salzdetfurths. Mehr als 50 dieser Zeichnungen werden heute im Bergbau- und Salzmuseum der Stadt aufbewahrt und gezeigt.
Helena Schymiczek
Helena Schymiczek, geboren 1917 in Breslau, gestorben 2018, verheiratet, 3 Kinder (*1945, *1952, *1959).
Helena Schymiczek schloss die Schule 1932 mit 14 Jahren ab. In ihrer 8-jährigen Schulzeit hat sie 6 verschiedene Schulen besucht. Die Familie hatte wenig Geld und musste oft umziehen, da der Vater durch gesundheitliche Probleme infolge einer Kriegsverletzung kaum noch arbeiten konnte. Zwar hätten die Lehrer sie gern auf einem Gymnasium gesehen, dafür fehlten jedoch finanzielle Mittel. Helena schrieb später darüber:
„Wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, so wundere ich mich, mit welch naiver Unbekümmertheit meine Eltern und ich an meine Berufsausbildung herangegangen sind. Dass das nicht gut gehen konnte, lag eigentlich von Anfang an auf der Hand. Natürlich spielten die äußeren Umstände, die Unsicherheiten der damaligen Zeit und das immer knapper werdende Einkommen meines Vaters eine Rolle. Mit meiner Lehrstelle als Hausgehilfin mit Kost und Logis und einem Taschengeld war ich aus der Versorgung innerhalb der Familie raus. Das Kindergeld war damals sehr knapp und als Familie mit 5 Kindern von einer kleinen Kriegsrente leben zu müssen, war immer eine harte Gratwanderung.“
Karla Grobe
Karla Grobe, 1918 geboren, 1937 Werkabitur, bis 1939 Arbeitsdienst, viersemestriges Lehramtsstudium in Frankfurt a. d. Oder, Segelfliegerin und Lehrerin, verheiratet, drei Kinder.
Die Frauenoberschule „Helene Lange“ in Halle a. d. Saale verlässt Karla Grobe 1937 mit dem Werkabitur. Damit hatte sie die Berechtigung zum Besuch einer Pädagogischen Hochschule. Einen Monat später hat sie ihren Führerschein in der Tasche und lernt Segelfliegen.
Karla ist voller Pläne, sie will Lehrerin werden, die Welt sehen. Doch vor dem Studium in Frankfurt a. d. Oder kommt der Arbeitsdienst, danach der Krieg: Am 5. September 1939 besteht sie, nur wenige Tage nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, ihre Erste Lehrerprüfung. Bald danach hat sie 98 Kinder in der Klasse, die Arbeit ist hart, alle männlichen Kollegen sind eingezogen.
Im April 1942 wird Karla Schulleiterin in Großdorf (Wielka Wieś bei Poznań). Sie unterrichtet, versorgt das Vieh, holt mit dem ganzen Dorf die Ernte ein. 1943 besteht sie ihre Zweite Lehrerprüfung. Doch der Krieg kommt näher. Karlas Klassenzimmer ist im letzten Kriegswinter der einzige Ort mit Ofenheizung im Dorf. Bereits hochschwanger hält sie bis zur Flucht täglich Schule. 1945 wird ihre erste Tochter auf dem schwierigen Weg zu ihrem Mann ins zerbombte Hildesheim geboren.
„Die klügste Frau …, die ich kennengelernt habe.“
„Und Stein war offenbar kein Ausnahmefall.“
„Die freie Malerei blieb vorerst auf der Strecke.“
„Schule halten im Krieg. “
„Als Familie mit 5 Kindern von einer kleinen Kriegsrente leben zu müssen, war immer eine harte Gratwanderung.“
Bundesrepublik Deutschland
Delia Häpke
Delia Häpke, 1927 geboren, 1945 – 47 Ausbildung zur Krankenschwester, 1948 Abitur in Bremen, 1948 – 54 Studium der Evangelischen Theologie in Bethel bei Bielefeld, Heidelberg und Göttingen; zuerst Leiterin des Diakonischen Jahres in Münster und anschließend der Evangelischen Frauenhilfe e. V. in Braunschweig.
Ich war das jüngste Mitglied eines Familienzweigs, in dem alle studierten. Bei uns wurde die Frage nach Junge oder Mädchen gar nicht gestellt. Ich versuchte mein Leben bewusst entsprechend dieser Familie, von der inzwischen niemand mehr lebte, würdig zu gestalten. Um also die Vorbedingungen für ein Studium der Evangelischen Theologie zu erfüllen, half mir - solange ich noch unmündig war - mein Vormund, eine Schwester meiner 1943 verstorbenen Mutter.
Vielfach brachten die Erwartungen, dass auch Frauen alle geistlichen Ämter übernehmen könnten, heftige Ab- und Gegenwehr hervor, die oft in herabsetzender und verletzender Weise ausgedrückt wurde. Zur Zeit meines Studiums galt, dass Frauen Vikarinnen (Stellvertreterinnen der Pfarrer) werden können, aber keine Pfarrer selbst. Dies habe ich erst einmal so hingenommen. Wichtiger als Titel und Gehaltshöhe war mir die Aufgabe: Meine erste Vorstellung war, später als Unterrichtsschwester zu arbeiten, um den jungen Schwestern die erlebnisvertiefenden Gedanken und Gespräche anbieten zu können, die mir in der Ausbildung fehlten und mir die Zeit erheblich erschwert hatten. Zu der Zeit war mir allerdings nicht bewusst, dass das Theologiestudium für Frauen sich gerade wie eine Art Zeiterscheinung in vielen Ländern und Kirchen zeigte und zunächst viele kulturelle und rechtliche Fragen mit sich brachte.
Mein Abitur aus den Kriegsjahren wurde nicht anerkannt, weshalb ich für ein Jahr noch einmal die Schule besuchen musste. Auch der Beginn meines Studiums zog sich hinaus: Es gab viele Studienbewerber und vorgezogen wurden ehemalige Soldaten, die jetzt endlich mit ihrer Ausbildung beginnen konnten.
Obwohl mir im Aufnahmeformular ein Zimmer zugesagt worden war, hieß es bei meiner Ankunft in Heidelberg: „Ein Schreibfehler“. Zum Glück nahm eine Familie mich doch noch als zweite Bewohnerin in ihre Wohnstube mit auf. Aber für uns beide gab es nur eine Waschschüssel und an Sonn- und Feiertagen bewohnte die Familie die Wohnstube selbst. Zum Glück war in der Universität ein Hörsaal offen, in dem sich die Sonntage kühl, aber trocken und hell verbringen ließen.
Nach meiner Erinnerung waren an der kirchlichen Hochschule seinerzeit ca. 10 Prozent Studentinnen. Ihr Benehmen und ob sie sich züchtig kleideten, wurde gut beobachtet. Als ich einige Semester später im Studentinnenheim wohnte, war Herrenbesuch im Zimmer anzumelden und vorzustellen! Je nach Veranlagung waren die Reaktionen der Studentinnen darauf verärgert oder humorvoll. Das Zusammenleben in allen Alltagsbereichen voneinander fremden Frauen und Männern konnte sich nur langsam zu einem Normalzustand entwickeln.
Barbara Beyer
Barbara Beyer, 1951 geboren, 1970 Abschluss des Gymnasiums für Frauenbildung in Hildesheim am Goethegymnasium, 1970–74 Studium der Fächer Mathematik, Biologie und Chemie auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Niedersachen Abt. Braunschweig – Lehrerin, Studienseminarleiterin, verheiratet, zwei Kinder.
Diese Frage wurde meinem Vater oft gestellt und dennoch haben mich meine Eltern in meinem Vorhaben zu studieren immer unterstützt. Das war nicht selbstverständlich und es zeigte sich bereits in der Grundschule, dass sich die Frage für Mädchen, die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium abzulegen, gar nicht stellte. Ich wäre gern diesen direkten Weg gegangen. Stattdessen besuchte ich drei Jahre das Gymnasium für Frauenbildung am Goethegymnasium in Hildesheim. Dort musste ich die Fächer Handarbeit und Hauswirtschaft belegen, obwohl ich naturwissenschaftliche Fächer viel mehr mochte.
Dieser Abschluss ermöglichte mir die Zulassung an der Pädagogischen Hochschule Niedersachsen. So konnte ich die Fächer Mathematik, Biologie und Chemie für das Grund- und Hauptschullehramt studieren. Der Berufswunsch Lehrerin stand für mich schon lange fest. Der Lehrerinnen-Beruf war die bevorzugte Wahl für junge Frauen, die studieren wollten. In meiner Klasse entschieden sich ungefähr drei Viertel für das Lehramtsstudium. Benachteiligungen gegenüber männlichen Studenten erlebte ich nicht, jedoch fiel auf, dass der Lehrkörper nahezu vollständig aus Männern bestand.
Caroline Franke
Caroline Franke, 1966 geboren, 1986 Abitur, 1987–89 Ausbildung zur Industriekauffrau, verheiratet, zwei Kinder.
Mit meinem Abitur stellte sich die Frage: Studium oder Ausbildung? Zunächst interessierte mich das Studium der Germanistik. Dies wäre in der Nähe meines damaligen Wohnortes an der Universität Germersheim möglich gewesen. Doch dann kam die Frage: Und was mache ich mit meiner Germanistik?! Danach? Die Berufsaussichten waren schlecht. Eine finanzielle Unterstützung meiner Eltern wäre nur begrenzt möglich gewesen. Die Doppelbelastung Arbeit und Studium sah ich als zu große Herausforderung. Außerdem war ich in der Schule auch keine Musterschülerin.
So ging ich als Au-pair zunächst nach London, dann nach Paris. Ich hatte mich gegen ein Studium entschieden und nahm stattdessen einen Ausbildungsplatz zur Industriekauffrau an. Mit dieser Ausbildung habe ich in verschiedenen Bereichen gearbeitet: in der Filmbranche, in einem Lottoladen, bei einem Anwalt und in einer Physiotherapie. Mein Können habe ich bei IKEA in der Assistentenstelle unter Beweis gestellt. Ich hatte ein Ziel: eine unabhängige Frau zu sein. Was ich aber auch wusste: Ich möchte Familie. Beides hat sich erfüllt, mein Beruf hat mir viele Erfahrungen ermöglicht. Ich weiß, was ich erreicht habe. Wenn ich heute studieren würde, wäre das wohl eher etwas im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich.
„Vorgezogen wurden ehemalige Soldaten.“
„Wie kannst du sie nur studieren lassen?“
„Was mache ich mit meiner Germanistik?“
Gundula Gnade
Gundula Gnade, geboren 1949, 1968 Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS), 1968 - 1972 Studium der Fächer Chemie/ Biologie auf Lehramt (Che: EOS, Bio: POS) in Greifswald, Lehrerin, verheiratet, zwei Kinder.
Mein Aufnahmegespräch an der Uni Greifswald fand am Ende der 11. Klasse statt. Ich wollte Chemie und Biologie auf Lehramt studieren. Doch in den Fragen ging es vor allem um meine Familie. Mein Vater war privat, wir hatten eine Bäckerei. Einer der Prüfer fragte mich: „Schmecken Ihnen eigentlich die Brötchen Ihres Vaters besser als die aus dem Konsum?“ Vor Schreck wusste ich keine Antwort. Es war vorbei, mein Kopf war leer. Zurück an der Schule, bekam ich meine Ablehnung.
Nach dem Abi meldete sich eine ehemalige Klassenkameradin bei mir, die in Greifswald angenommen worden war. Ein Studienplatz war frei, ganz unverhofft, in meiner Fachrichtung Chemie/ Biologie. Eine Studentin aus Dresden war in Greifswald angekommen, hatte sich umgesehen und war sofort wieder zurückgefahren. Ich schrieb an die Uni, wurde noch einmal eingeladen und diesmal wurden nur Fachfragen gestellt. Ich wurde angenommen, sechs Wochen nach Studienbeginn. Da in diesen sechs Wochen nur Zivilverteidigung und Kartoffelsammeln anstand, konnte ich mit dem Studium wie alle anderen beginnen.
Henriette Kagelmann
Henriette Kagelmann, 1951 geboren, 1967 Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) nach der 10. Klasse, 1967 bis 69 Ausbildung zur Gärtnerin, 1969 bis 72 Studium an der Ingenieursschule für Gartenbau in Quedlinburg – Gartenbauingenieurin, verheiratet, zwei Kinder.
Schon als Jugendliche half ich immer gern bei der Ernte auf der Obstbaumplantage in unserem Dorf. Deshalb nahm ich nach der 10. Klasse eine Gärtnerlehre auf und wurde – weil ich mich wohl geschickt dabei anstellte – an die Quedlinburger Ingenieursschule für Gartenbau delegiert. Ich erhielt 1969 einen kostenfreien Platz im Internat und ein Stipendium von 160 Mark im Monat. 20 Mark kostete die Verpflegung in der Schule, den Rest konnte ich für Anderes verwenden. Wer einen Notendurchschnitt von 2,5 hatte, erhielt außerdem noch ein Leistungsstipendium von 40 Mark; und wer besser als 2,0 stand und auch politisch aktiv war, bekam 60 Mark.
Das Internat hatte drei Etagen. Im Erdgeschoss wohnten die Studenten, im ersten und zweiten Stock die Studentinnen. Jeden Tag wurde eine Studentin oder ein Student für die Aufsicht bestimmt: Waschräume kontrollieren, Licht löschen und auf die Schließzeiten achten.
Es gab auch Fernstudenten an der Schule. Die waren oft ein bisschen liederlich und borgten sich Bücher bei uns Direktstudenten aus. Einer dieser Fernstudenten lieh sich meine Zahlentafel aus. Dann lud er mich zum Essen ein. Im August 1972 heirateten wir.
Derya Akdağ
Derya Akdağ, 1975 geboren, 2008 bis 2012 Studium an der Universität Hildesheim, danach Lehrerin und Beraterin für Sprach- und Interkulturelle Bildung bei der Niedersächsischen Landesschulbehörde.
Meine Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Ich habe sechs ältere Brüder und bin die Einzige aus der Familie, die hier geboren wurde. Nach mehreren Jahren Arbeit in verschiedenen Berufen begann ich zu studieren, mit 32 erst, Lehramt auf Grund-, Haupt- und Realschule mit den Fächern Englisch und Sachunterricht. Vor dem Studium hatte ich einen Realschulabschluss, eine Ausbildung, die Fachhochschulreife. Über ein Bildungswerk holte ich mein Abitur nach und bestand die Aufnahmeprüfung an der Uni Hildesheim. Ich wollte Lehrerin werden, andere und mich bereichern. Aber der Weg war schwer, die Angst groß, dass ich es nicht schaffe – die Hausarbeiten, die Prüfungen. Also heftete ich mir einen Zettel an den Kühlschrank, drei Worte standen darauf: „Ich werde Lehrerin.“ Daneben kam ein Bild mit Mama und Papa, die ganz stolz waren, dass ich das machen wollte. Als ich mal aufgeben wollte, sagte mein Vater: „Wenn es einfach wäre, dann würde es ja jeder machen. Wichtig ist doch, das Schwere zu bestehen.“ Meinen Schülern heute sage ich: „Wenn ihr etwas wollt, dann müsst ihr dranbleiben!“
„Vor Schreck wusste ich keine Antwort.“
„Die waren oft ein bisschen liederlich ...“
„Die größten Hindernisse waren die eigenen Gedanken.“
Johanna und Elise
Die junge Medizinstudentin Johanna berichtet von ihren Erfahrungen. Erfahrt mehr zu den Anfängen des Frauenstudiums.
Hörspiel
Ein Hörspiel von Pia Abdin, Florian Berghöfer und Inka Reckleben. Aufnahme und Ton Martin Laumeyer, Design und Animation Viola Baumgarte.
Organisation & Danksagung
Sonderausstellungsorganisation
Kuratorin: Dr. Dörthe Buchhester;
Wissenschaftliche Mitarbeit und Texte: Dr. Dörthe Buchhester, Lea Fricke, PD Dr. Mario Müller, Julia Thürsam, Mascha Thürsam, Kira Willms;
Gestaltung: Viola Baumgarte, Roberta Sarada Enzmann;
Fotografien: Isaias Witkowski;
Druck: Fahnenmeisterei, Bingen am Rhein;
Homepage: Kathrin Vornkahl;
Partner*innen: Bad Salzdetfurther Geschichtsverein e. V., Gleichstellungsbüro der Stiftung Universität Hildesheim, Volkshochschule Hildesheim;
Förder*innen: Stadt Bad Salzdetfurth, VGH-Stiftung, Förderkreis der Stiftung Schulmuseum Hildesheim e. V.
Das Team des Schulmuseums dankt:
Seinen Förder*innen und Partner*innen: der VGH-Stiftung, der Stadt Bad Salzdetfurth, dem Förderkreis der Stiftung Schulmuseum, dem Bad Salzdetfurther Geschichtsverein e. V., der Volkshochschule Hildesheim und dem Gleichstellungsbüro der Stiftung Universität Hildesheim!
Für eine wundervolle Zusammenarbeit und die Bereitstellung des Bildmaterials danken wir: Derya Akdağ, Bad Salzdetfurther Geschichtsverein e. V., Barbara Beyer, Dr. Peter Böthig, Kurt Tucholsky Literaturmuseum Rheinsberg, Caroline Franke, Gundula Gnade, Delia Häpke, Johanna Jung, Dipl.-Ing. Henriette Kagelmann, Doris Merker-Coussa, Melissa Mohring, Prof. Dr. Barbara Schmidt-Thieme, Henrike Strauß, Pressestelle Universität Hildesheim.
Für die Erstellung des Hörspiels “Johanna und Elise” danken wir Pia Abdin, Florian Berghöfer und Inka Reckleben. Aufnahme und Ton Martin Laumeyer, Design und Animation Viola Baumgarte.