Keynotes und Podiumsdiskussion

Keynotes

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Philosophische Fakultät, Institut für Pädagogik

Jörg Dinkelaker ist Professor für Erwachsenenbildung und berufliche Weiterbildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt in der vergleichenden rekonstruktiven Analyse des Interaktionsgeschehens in Bildungsveranstaltungen. In diesem Zusammenhang befasst er sich auch mit methodologischen Überlegungen zur erziehungswissenschaftlichen Videographie. Ihn interessiert dabei insbesondere das Verhältnis von theoriebedingter Selektivität und beobachtungsinduzierter Reversibilität des Beobachtens.

Kurzzusammenfassung des Vortrags

Erträge und Potentiale der Theorieentwicklung durch erziehungswissenschaftliche Videographie

Es liegt nun mittlerweile schon über eine Dekade zurück, dass in der qualitativen erziehungswissenschaftlichen Forschung damit begonnen wurde, videographische Verfahren für Zwecke der Analyse von Bildungsveranstaltungen aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Dieser videographische Aufbruch wurde nicht zuletzt mit dem theoretischen Interesse begründet, die sichtbaren Anteile des Geschehens in pädagogischen Settings in ihren Prozessdynamiken und in ihren Verschränkungsverhältnissen mit verbal-sprachlichen Dimensionen in höherer Auflösung empirisch in den Blick zu bekommen.

Da nun mittlerweile einige Studien vorliegen, wird es möglich, eine Zwischenbilanz zu ziehen und zu fragen, welche neuen Einsichten und theoretische Erträge im Zuge videographischer Analysen gewonnen werden konnten, aber auch welche neuen Fragen sich aufgetan haben.

In meinem Vortrag werde ich mich anhand ausgewählter Studien mit den erhofften und erreichten Erträgen videobasierter Analysen des Geschehens in pädagogischen Settings beschäftigen und vor diesem Hintergrund Desiderate und mögliche Zukunftsperspektiven aufzeigen. Dabei wird mich die Frage leiten, inwiefern und wie das videographische Beobachten von Unterricht und anderen Bildungsveranstaltungen das erziehungswissenschaftliche Verständnis pädagogischer Situationen verändert hat bzw. verändern kann.

 

 

Humboldt-Universität zu Berlin, Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät, Institut für Erziehungswissenschaften

Sabine Reh ist Professorin für Historische Unterrichtsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Sie hat sich intensiv theoretisch, historisch und methodologisch mit Fragen der Beobachtung und der ethnographischen Videographie in verschiedenen Projekten befasst. In einem demnächst startenden Forschungsverbund wird sie zusammen mit Ulrich Wiegmann (BBF) einen Bestand von Unterrichtsaufzeichnungen aus der DDR zur Grundlage einer Untersuchung des Fachunterrichts in den 1970er und 1980er Jahren in der DDR machen.

Goethe-Universität Frankfurt am Main, Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung

May Jehle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Level - Lehrerbildung vernetzt entwickeln" an der Professur für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 2011 bis 2014 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Wien in Projekten zur Sicherung und Zugänglichmachung von Videoaufzeichnungen von Unterricht aus der DDR und der Bundesrepublik tätig. Die Analyse dieser Quellen sowie die Möglichkeiten ihrer Interpretation in Kontexten wissenschaftlicher Forschung sowie in ihrem Zusammenhang zu Fragen der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften bilden dabei einen ihrer Arbeitsschwerpunkte.

Kurzzusammenfassung des Vortrags

Visual History of Education - Unterrichtsaufzeichnungen aus der DDR

Seit einer ganzen Reihe von Jahren befasst sich als Visual History auch die Historische Bildungsforschung mit überlieferten Bildern, z.B. mit Fotos als historische Quellen. Angesichts der steigenden Bedeutung von Bildern für Prozesse des Lehrens und Lernens seit der frühen Neuzeit – z.B. im Rahmen von Lehrwerken – aber auch angesichts gegenwärtig zunehmender ‚Bildhaftigkeit’ der sozialen Kommunikation und des gespeicherten und kommunizierten Wissens ist vor allem die zeithistorische Bildungsforschung angehalten, entsprechende Quellen zu berücksichtigen. Für deren Interpretation müssen existierende methodische Verfahren aufgegriffen und den historiographischen Bedürfnissen entsprechend zu „rationellen“ Verfahren weiterentwickelt werden. Eine besonders interessante Quellengruppe für die Bildungsgeschichte bzw. die Schul- und Unterrichtsgeschichte vor dem Hintergrund der von Tyack/Tobin (1993) vertretenen These einer sehr stabilen „Grammar of schooling“ stellen Unterrichtsaufzeichnungen dar, wie sie seit den 1960er Jahren in der Bundesrepublik, seit den 1970er Jahren auch in der DDR systematisch für die Lehrerausbildung erstellt und genutzt wurden (vgl. Schluß/Jehle 2013). Ein Bestand solcher Unterrichtsaufzeichnungen aus der DDR, der retrodigitalisiert und von Henning Schluß und Mitarbeiter*innen in einem DFG-Projekt vor einer Reihe von Jahren umfassend erschlossen wurde, soll demnächst von Ulrich Wiegmann und Sabine Reh im Rahmen eines Forschungsverbundes zu „Bildern über Erziehung, Bildung und Schule in der DDR“ untersucht werden. Gezeigt wird in diesem Vortrag zunächst, wie solche Aufzeichnungen systematisch unter Beachtung bildtheoretischer Aspekte beschrieben, bildungshistorisch kontextualisiert und vor diesem Hintergrund schließlich interpretiert werden können, wobei ich weitgehend einem von Ulrich Wiegmann entwickelten Verfahren folge, das er in Anlehnung an Panofskys Ikonografie und Ikonologie „Videografie und Videologie“ nennt (vgl. Wiegmann 2013). Anhand eines Beispiels, dessen Interpretation kurz skizziert wird, soll abschließend diskutiert werden, welchen bildungsgeschichtlichen Erkenntniswert derartige Quellen für Untersuchungen über den Unterricht und über didaktische Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten der DDR besitzen.

 

 

Technische Universität Berlin, Fakultät VI: Planen Bauen Umwelt, Institut für Soziologie

Leila Akremi ist wissenschaftliche Referentin im Forschungsnetzwerk Alterssicherung, Geschäftsbereich Forschung und Entwicklung, Deutsche Rentenversicherung Bund. Von 2007 bis 2017 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Methoden der empirischen Sozialforschung, Institut für Soziologie, TU Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: quantitative und qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung, Mixed Methods, Risiko- und Zukunftsforschung sowie Wissenschafts- und Evaluationsforschung."

Kurzzusammenfassung des Vortrags

Interpretativität quantitativer Forschung am Beispiel der Videoanalyse

Die Wahl der empirischen Methoden wird nicht nur von der konkreten Forschungsfrage und dem Forschungsgegenstand beeinflusst, sondern ebenso von den Kompetenzen und Präferenzen der Forschenden. Je nach wissenschaftlicher Sozialisation können sich diese beiden Aspekte auch bedingen. So gibt es in vielen Disziplinen, Forschungsfeldern oder auch an einzelnen Instituten z.B. eine Dominanz entweder für (spezifische) interpretativ-qualitative oder für (spezifische) quantitative Methoden. Der quantitative Forschungsprozess gilt dabei als lineares Abarbeiten zuvor festgelegter Schritte mit dem Ziel zu erklären. Ausgefeilte Gütekriterien geben Auskunft darüber, inwiefern die Forschungsarbeit den vorgegebenen Standards entspricht und die Ergebnisse quantitativer Forschung sind aufgrund der Fülle an Daten, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden, generalisierbar. Durch die Standardisierung der Erhebung und Auswertung wird zudem versucht jegliche Subjektivität auszuschalten. Die qualitative Forschung stellt dann so ziemlich das Kontrastprogramm dazu dar: Offener Forschungsprozess mit dem Ziel des Verstehens, wenige Fälle, keine absolut verbindlichen Verfahrensregeln und vor allem, bewusster Gebrauch von Subjektivität des Forschungsfelds sowie der Forschenden als Ressource im Interpretationsprozess. Diese „scheinbaren“ Gegensätze sind immer noch Bestandteil methodologischer Kontroversen. Am Beispiel der Videoanalyse zeige ich in meinem Vortrag auf, dass es auch eine andere Perspektive auf qualitative und quantitative Forschung gibt, und dass die quantitative Forschung keineswegs ohne Interpretativität und Subjektivität auskommen kann. Insbesondere für die an Bedeutung gewinnende Kombination qualitativer und quantitativer Methoden im Rahmen von Mixed-Methods-Designs und dem Aufkommen immer neuer Datentypen ist es wichtig, das Augenmerk nicht nur auf Differenzen, sondern auch auf verbindende Elemente und Möglichkeiten der Integration zu legen.



Podiumsdiskussion

Technische Universität Dresden, Institut für Erziehungswissenschaft

Michael Hecht ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Schulpädagogik: Schulforschung an der Technischen Universität Dresden. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: pädagogische Professionalisierung, Reformpädagogik, Entschulung, ethnomethodologische Konversationsanalyse sowie Videoanalyse von Unterricht. Herr Hecht ist Schulgründer, Schulleiter und Lehrer der Kulturwerkschule Dresden.

Humboldt-Universität zu Berlin, Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät, Institut für Erziehungswissenschaften

Malte Brinkmann ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die phänomenologische Unterrichtsforschung. Er interessiert sich dabei für methodologische Fragen einer phänomenologischen Videographie der Aufmerksamkeit, insbesondere für das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sowie von Explizitem und Implizitem.