„Forschungsdaten sind ein wertvolles Gut“: Forschungsdatenmanagement an der Universität

Donnerstag, 25. Oktober 2018  / Alter: 22 Tage

Annette Strauch ist an der Universität Hildesheim für das Forschungsdatenmanagement zuständig. Forschungsdaten sind nicht nur ein bedeutendes Gut wissenschaftlicher Arbeit, sondern ein wichtiger Rohstoff für die Erzeugung neuen Wissens. Im Interview gibt die Wissenschaftlerin Einblicke in ihre Arbeit und die Bedeutung des Forschungsdatenmanagements in der Wissenschaft. „Von Anfang an sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich überlegen, wie sie die Forschungsdaten aufbereiten, analysieren und ablegen“, so Strauch.

Forschungsdaten sind nicht nur ein bedeutendes Gut wissenschaftlicher Arbeit, sondern auch ein wichtiger Rohstoff für die Erzeugung neuen Wissens, sagt Annette Strauch. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Annette Strauch ist an der Universität Hildesheim seit dem Sommersemester 2018 für das Forschungsdatenmanagement zuständig. Sie hat zuvor mehrere Jahre an der National Library of Wales und am Kommunikations- und Informationszentrum der Universität Ulm im Bereich der funktionalen Langzeitarchivierung von komplexen Objekten gearbeitet. Zuletzt war Strauch im DFG-geförderten Sonderforschungsbereich „Medien der Kooperation“ am Zentrum für Informations- und Medientechnologie der Universität Siegen für das Forschungsdatenmanagement in Kooperation mit der Universitätsbibliothek Siegen zuständig.

Im Interview gibt die Wissenschaftlerin Einblicke in ihre Arbeit und die Bedeutung des Forschungsdatenmanagements für die Universität Hildesheim.

Forschungsdaten sind nicht nur ein bedeutendes Gut wissenschaftlicher Arbeit, sondern auch ein wichtiger Rohstoff für die Erzeugung neuen Wissens, sagt Annette Strauch.

Das Management von Forschungsdaten steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ und den expliziten Anforderungen von Forschungsförderern. Denn Forschungsdaten müssen sicher aufzubewahrt, zugänglich und nachnutzbar gemacht werden. „Dieser Forderung kann sich heute keine wissenschaftliche Einrichtung mehr entziehen. Dafür schaffen wir Strukturen und Verfahren auf allen Ebenen, die es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglicht, diese Anforderungen zu erfüllen und gleichzeitig unbelastet forschen zu können“, so Strauch.

Interview mit Annette Strauch

Wie sehen ihre ersten Monate im Forschungsdatenmanagement an der Universität Hildesheim aus?

Zunächst habe ich mir in Hildesheim einen Überblick über die einzelnen Fächer und Forschungsprojekte verschafft. Ich sprach mit vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der Informatik über die Erziehungswissenschaft und Kulturwissenschaft bis zur Informationswissenschaft. Denn das Forschungsdatenmanagement stellt unterschiedliche Anforderungen an die Fachdisziplinen. Wenn ich mich zum Beispiel mit dem Forschungsteam „Rez@kultur“ aus der Literaturwissenschaft, Computerlinguistik und Wirtschaftsinformatik austausche, geht es um Rezensionen und Kommentare in Online-Plattformen sowie um rechtliche Fragen der Auswertung dieser Daten. Wir sprechen über den Datenmangementplan und den Datenschutz.

In manchen Projekten können Forschungsergebnisse im Rahmen von Open Science mit anderen geteilt werden. Bei einigen Projekten ist dies weder möglich noch gewünscht. In der Psychologie gilt für die notwendigen Prozesse und Praktiken eine besondere Sorgfaltspflicht. Hier müssen Fragen zum Thema Speicherung der Forschungsdaten und zur vertrauenswürdigen Ablage für sensible Daten in einem Datenrepositorium berücksichtigt werden. Herauszufinden, wo solche Daten am besten „gehostet“ werden können, gehört mit zu meinen Aufgaben.

Warum ist das Management von Forschungsdaten wichtig, vor welchen Herausforderungen stehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Studierende?

Forschungsdaten und die Implementierung entsprechender Infrastrukturen sind eine entscheidende Bedingung guter und nachvollziehbarer Forschung. Deshalb gehört das Forschungsdatenmanagement zur Aufgabe aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ich möchte Forscherinnen und Forscher im Umgang mit ihren Forschungsdaten unterstützen. Denn es ist für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wichtig, dass Forschungsergebnisse durch ein sorgfältiges Forschungsdatenmanagement überprüfbar bleiben. Die Ergebnisse können zum Beispiel durch persistente Adressierbarkeit zitierfähig gemacht werden. Die EU schreibt seit 2017 in ihrem Rahmenprogramm „Horizon 2020“ den offenen Zugang zu publikationsrelevanten Daten vor; und auch andere Forschungsförderer erwähnen die Beschäftigung mit dem Forschungsdatenmanagement auf ihre eigene Art und Weise. Benötigt wird ein gezieltes Beratungsangebot. Dazu möchten wir Schulungen zu Themen wie Datenablage, Themen der Nachnutzung, Open Access und Transparenz in der Forschung anbieten.  

Zum Beispiel ist die Nachvollziehbarkeit der Forschungsergebnisse wichtig.

Genau. Von Anfang an sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich überlegen, wie sie die Forschungsdaten aufbereiten, analysieren und ablegen. Man geht „ins Feld“, sammelt Daten, liest neue Literatur und knüpft daran an. Diese oft schwer überschaubare Menge an Forschungsdaten muss strukturiert, nachvollziehbar und wiederauffindbar abgelegt werden. Das Forschungsdatenmanagement reicht von der Generierung, Bearbeitung und Anreicherung bis zur Archivierung und Veröffentlichung von Daten. Ein Forschungsdatenmanagement sollte mit der Planungsphase eines Projektes beginnen. Gleich beim Start eines neuen Forschungsprojektes ist es deshalb empfehlenswert, einen Datenmanagementplan anzulegen.

Den Service zum Forschungsdatenmanagement an der Universität Hildesheim gibt es seit einem halben Jahr. Wer kann sich an Sie wenden?

Alle können sich mit Fragen zum Forschungsdatenemanagement an mich wenden: Professorinnen und Professoren, Promovierende und Studierende, die ihre Bachelor- oder Masterarbeit schreiben. Sinnvoll ist es, sich bereits vor Beginn eines neuen Forschungsprojektvorhabens an mich zu wenden. So können frühzeitig Fragen zum kollaborativen Arbeiten und zu bewährten Forschungswerkzeugen beantwortet werden.

Welche Aufgaben gehören zu Ihrem Arbeitsalltag?

Das Forschungsdatenmanagement gehört mit in den Bereich der Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie der Hochschulen. In enger Kooperation mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für ihre Forschungen eigenverantwortlich sind, möchte ich das Forschungsdatenmanagement weiterentwickeln. Zu den alltäglichen Aufgaben gehören somit die Grundlagenvermittlung zum Forschungsdatenmanagement durch Workshops, Schulungen und „Coffee Lectures“ an unserer Universitätsbibliothek und natürlich viele Einzelberatungen. Dazu zählen auch die Beschäftigung mit Datenmanagementplänen, die Beteiligung am kooperativen Ausbau von Forschungsdateninfrastrukturen unter Berücksichtigung neuer Use-Cases und Workflows, der Einsatz von Werkzeugen im Forschungsdatenmanagement mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Überlegungen zu Policies. Besonders wichtig für mich ist die Ermittlung von Anforderungen und Bedarfen sowie die Analyse von Nutzergruppen. Hinzu kommt der regelmäßige Austausch mit dem Datenschutzbeauftragten der Universität, der Forschungsförderung und der Ethikkommission. Und schließlich erfordert die Verknüpfung von Forschungsdaten und Forschungspublikationen besondere Aufmerksamkeit.

Es gibt je nach Fachdisziplin unterschiedliche Forschungsdaten: von audivisuellen Daten über numerische Daten bis zu sehr sensiblen Daten in der Unterrichtsforschung. Was bedeutet diese Heterogenität für das Management der Forschungsdaten?

Der Begriff „Forschungsdaten“ umfasst zunächst alle analogen und digitalen Daten. Forschungsdaten sind nach einer Definition der „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“ Daten, „die im Zuge wissenschaftlicher Vorhaben zum Beispiel durch Digitalisierung, Quellenforschungen, Experimente, Messungen, Erhebungen oder Befragungen entstehen“. Es gibt auditive, audiovisuelle, binäre, dreidimensionale, numerische, stoffliche, textliche und visuelle Forschungsdaten. Forscherinnen und Forscher können sowohl existierende Daten nachnutzen oder neue Daten generieren. Die Datenvolumina, die entstehen, werden immer größer. Deshalb sind die Herausforderungen für die Speicherung groß. Noch größer allerdings sind die Herausforderungen im Umgang mit qualitativen Daten und der Zugang durch eine Archivierung von sensiblen Datenmaterialien. Wo technisch bereits sehr viel möglich ist, sind oft die Rechtsfragen nicht hinreichend geklärt. Es fehlt an den Hochschulen nach wie vor an Informationsdienstleistungseinrichtungen  und konkreten Orientierungshilfen für Forschende.

Das Rechtemanagement gehört zu den großen Themenbereichen des Forschungsdatenmanagements. Dabei geht es um Themen wie Persönlichkeitsrechte, Datenschutz, Archivierungspflichten und Urheberrechte. Ich kann keine verbindliche Rechtsberatung bieten, wohl aber Hilfe für fundierte Auskunft vermitteln.

Warum ist die Langzeitarchivierung der Daten bedeutsam?

Die Forschungsdaten müssen überprüfbar sein, denn Forschung kann nur reproduziert werden, wenn alle Schritte nachvollziehbar sind. Mit den Empfehlungen der DFG zur „guten wissenschaftlichen Praxis“ von 1998 mit Ergänzungen von 2013, die auf der Arbeit einer internationalen Expertenkommission gründen, initiierte die Wissenschaft eine Selbstkontrolle. Durch Einhaltung dieser Praxis wird wissenschaftliches Fehlverhalten vermieden. In Empfehlung 7 zur „guten wissenschaftlichen Praxis“ heißt es, dass Primärdaten als Grundlage für Veröffentlichungen auf haltbaren und gesicherten Trägern in dem Institut, wo sie entstanden sind, zehn Jahre lang aufbewahrt werden sollen. Oft können Forschungsdaten bedingt durch die Kurzlebigkeit der verschiedenen Formate, Software und Ablageorte nicht mehr benutzt werden. Es kommt bei der Bewahrung der Daten auf die Substanzerhaltung an. Migration und Emulation sind Strategien, um digitale Objekte langfristig zu erhalten. Dies wäre ein Thema für ein weiteres Interview, auch zusammen mit dem Rechenzentrum.

Wie arbeiten Sie mit Kooperationspartnern zusammen?

Im Arbeitsalltag spielen Kooperationen auf allen Ebenen eine sehr wichtige Rolle. So bietet die Universitätsbibliothek umfängliche Services zur Forschungsunterstützung, zum Beispiel mit dem Universitätsverlag. Der Support für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Veröffentlichung ihrer Arbeiten gehört zum Lebenszyklus des Forschungsdatenmanagements („Data Life Cycle“) und in den Orientierungsrahmen für das Forschungsdatenemanagement („Data Continuum“). Daneben spielen Kooperationen mit dem Rechenzentrum eine wichtige Rolle. Wir finden gemeinsam Lösungen zur langfristigen Speicherung und vertrauenswürdigen Archivierung. Auch der Umgang mit digitalen Werkzeugen und Schnittstellen zu technischen Infrastrukturen und Prozessen spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

In meinem Arbeitsalltag kooperiere ich mit nationalen und internationalen Partnern, Verbünden zum Forschungsdatenmanagement, zum Teil auch mit Softwaredienstleistern und Repositorien. Bei der Umsetzung von Datenmanagementkonzepten besteht in Großbritannien ein großer Erfahrungsvorsprung, mit dem ich mich in der Vergangenheit vertraut machte. Wir können bereits auf gute Ergebnisse aus Infrastrukturkonzepten und vorhandenen Dienstleistungen zurückgreifen und sie synergetisch nutzen. Dabei werden die standortspezifischen Elemente der Universität Hildesheim für das Forschungsdatenmanagement herausgearbeitet. In Hildesheim können in absehbarer Zeit generische und fachspezifische Dienste mit Hilfe der bestehenden technischen und infrastrukturellen Schnittstellen angeboten werden, um diese für die Zukunft zu verstetigen und weiterzuentwickeln, denn „Cooperation is everything!“

Noch eine abschließende Frage: Ihre Stelle ist der Universitätsbibliothek zugeordnet – warum?

Die Universitätsbibliothek Hildesheim hat vor geraumer Zeit die Entwicklungen im Bereich E-Science aufgenommen und ihr Angebot an digitalen Informationsressourcen kontinuierlich ausgebaut. Sie erweiterte die Möglichkeiten zum elektronischen Publizieren im Universitätsverlag und richtete gemeinsam mit dem Rechenzentrum ein Repositorium zur Datenspeicherung ein („HilData“). Zudem administriert die Universitätsbibliothek das Learnweb („Moodle“) und erreicht auch auf diesem Wege viele Lehrende und Forschende an unserer Universität. Deshalb machte es Sinn, die neue Stelle in der Universitätsbibliothek zu verorten. Die bereits vorhandenen Services und Dienste in der werden weiterentwickelt und um neue ergänzt. So bieten wir auch Werkzeuge zum Erstellen von Datenmanagementplänen an wie zum Beispiel DMPTY und das „Research Data Management Organiser-Tool“ (RDMO). Letzteres haben wir für die Universität Hildesheim zunächst als Testinstanz installiert. Außerdem geben wir Support bei allen Fragen zu Datenpublikationen, persistenten Identifikatoren oder Datenzitationen. Zudem ergeben sich Verknüpfungen zu Open Access-Publikationen mit persistenten Identifikatoren (sogenannte DOIs: Digital Object Identifiers) und zur Verwendung von Autorenidentifikationen wie zum Beispiel ORCID (Open Researcher Contributor Identification Initiative). Solche Dienste sind eng mit dem Forschungsdatenmanagement verknüpft und werden von Universitätsbibliothek technisch unterstützt. Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind auch Spezialisten für Metadaten, die für das Forschungsdatenmanagement ebenfalls von großer Bedeutung sind. Aus diesen Gründen passt die Stelle bestens in die Universitätsbibliothek. Die Universitätsbibliothek in Hildesheim als zentrale Einrichtung an der Universität Hildesheim kann somit die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen während der Forschung bestmöglich unterstützen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Kontakt zum Forschungsdatenmanagement

Wer Fragen zur Organisation von Forschungsdaten hat, an einem Workshop oder einer Schulgung teilnehmen möchte, erreicht Annette Strauch unter straucha@uni-hildesheim.de. Studierende und Lehrende aus allen Fachbereichen können sich an die Wissenschaftlerin wenden. Aktuelle Informationen finden Sie hier.

Tipp: „Academic Cloud“ nutzen

Die „Academic Cloud Niedersachsen“ bietet für alle Studierenden, Lehrenden und Mitarbeiter an niedersächsischen Hochschulen die Möglichkeit, unentgeltlich Daten im Umfang von 50 GB in einer eigenständigen Hochschul-Cloud abzulegen. Die Daten können mit anderen Nutzern, Gruppen und Projekt-Gemeinschaften geteilt werden. Dateien können auch offline bearbeitet und beim nächsten Internetzugriff synchronisiert werden. Das Projekt wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert. Hier finden Sie Informationen zur Nutzung der Academic Cloud als Mitglied der Universität Hildesheim.

Von: Pressestelle, Isa Lange


Forschungsdaten sind nicht nur ein bedeutendes Gut wissenschaftlicher Arbeit, sondern auch ein wichtiger Rohstoff für die Erzeugung neuen Wissens, sagt Annette Strauch. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim