Recht und
Rechtschaffenheit
bei Hesiod (ca. 740 - ca. 670 v. Chr.)
![]()
Die URL dieses Bildes: <sunsite.sut.ac.jp/wm/paint/auth/moreau/hesiod.jpg>
Zitiert nach: Hesiod: Werke und Tage, Griechisch/Deutsch, Übers. u. Hrsg. Otto Schönberger, Stuttgart 1996, S. 23-25 (V.264-295), S. 27-29 (V.319-340)
Über das Recht
Sich selbst nämlich schafft Schlimmes ein Mann, der dem anderen Schlimmes zufügt, und ein schändlicher Plan trifft den, der ihn ausheckt, am schlimmsten. Blickt doch das allsehende, alles gewahrende Auge des Zeus, wenn es will, auch auf diese Sache und merkt gar wohl, welches Recht auch hier die Stadt in ihren Mauern beherbergt. Derzeit aber will ich weder selbst unter Menschen gerecht sein, noch soll es mein Sohn, denn wehe dem Gerechten, wenn der Schurke vor Gericht als Sieger davongeht! Doch läßt es Zeus, der Raterteilende - so hoffe ich -, nicht dazu kommen.
Dies, Perses, laß dir gesagt sein, höre nun auf das Recht und denke nicht an Gewalttat. Diese Ordnung setzte nämlich Kronion den Menschen, den Fischen, allem Getier und fliegenden Vögeln: daß Tiere zwar einander auffressen, weil bei ihnen kein Recht herrscht, während er den Menschen Recht verlieh, das höchste Gut unter allen. Entschließt sich nämlich einer zu sagen, was er als Recht erkennt, dem schenkt Zeus, der weitblickende, Segen; wer jedoch als Zeuge mit Absicht meineidig lügt und so, heillos verblendet, das Recht verletzt, dessen Geschlecht wird späterhin verfallen. Eidtreuen Mannes Sippe jedoch wird künftig gedeihen. Mit dir aber, Erznarr Perses, mein' ich es gut und will dir sagen: Dürftigkeit läßt sich gar leicht auch haufenweise gewinnen; glatt ist der Weg, und sie wohnt ganz nah. Vor das Gedeihen jedoch haben die ewigen Götter den Schweiß gesetzt. Lang und steil ist der Pfad dorthin und schwer zu gehen am Anfang. Kommst du jedoch zur Höhe empor, wird er nun leicht, der anfangs so schwer war. Der ist von allen der beste, der alles selbst einsieht und bedenkt, was schließlich und endlich Erfolg bringt; tüchtig aber ist auch, wer guten Rat von anderen annimmt. Wer aber selbst unverständig ist und fremden Rat nicht hört und beherzigt, der Mann ist nicht zu gebrauchen.
[...]
Mahnungen zur Rechtschaffenheit
Nicht geraubte Güter sind großer Segen, sondern nur, was Götter uns schenken. Denn mag einer auch kraft seiner Faust große Güter erraffen oder zungenfertig erschwatzen (wie es oft geschieht, wenn Habgier den Sinn der Menschen verblendet und Frechheit alle Scheu verjagt), so stürzen die Götter leicht diesen Mann, lassen sein Haus schwinden, und kurze Zeit nur bleibt ihm der Wohlstand.
Ähnlichen Frevel begeht, wer einen Schützling oder Fremden mißhandelt oder das Bett seines Bruders besteigt zu schamlosem Tun mit der Gattin auf heimlichem Lager oder sich ohne Verstand an Waisen versündigt und den greisen Vater an der schlimmen Schwelle des Alters beschimpft und mit harten Worten anfährt; dem grollt wahrhaftig Zeus selbst und belegt ihn zuletzt für sein ruchloses Tun mit drückender Buße. Du aber halte dein törichtes Trachten ganz fern von solcher Schuld.
Deinen Mitteln entsprechend bereite den unsterblichen Göttern die Opfer rein und frei von Befleckung und verbrenne ihnen glänzende Schenkelstücke. Dann wieder stimme sie mit Weinspenden und Weihrauch gnädig, wenn du zu Bett gehst und wenn das heilige Licht wiederkehrt, auf daß sie dir Gnade in Herz und Sinn bewahren und du fremden Grund erwirbst, nicht ein anderer den deinen.
Zur Person des Hesiod: "Homer und Hesiod schufen nicht nur, wie es heißt (Herodot 2,53), den Griechen ihre Götter, sondern bilden auch den Ausgangspunkt der europäischen Philosophie. Homers Werke entstanden im späten achten Jahrhundert, Hesiod lebte etwa zwischen 740 und 670 v. Chr., trat also wohl von 720 an als Rhapsode auf. Fast alle frühgriechischen Lyriker kennen ihn, und er ist die erste bekannte Persönlichkeit der europäischen Geschichte." (a.a.O., S. 99)
Der gesamte Text der "Werke und Tage" in englischer und griechischer Fassung findet sich hier: http://classics.mit.edu/Hesiod/hes.wd.sum.html
Interessante Links | Texte zur Mathematik, Physik, Informatik | Philosophische Texte