Karsten Weber

Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Lehrstuhl für Philosophische Grundlagen kulturwissenschaftlicher Analyse

kweber@euv-frankfurt-o.de

Aufgaben für eine globale Wissensgesellschaft

Bevor über die Wissensgesellschaft und ihre Gestaltung nachgedacht werden kann, wäre es notwendig, zunächst über die definierenden Eigenschaften nachzudenken, die eine Gesellschaft zu einer Wissensgesellschaft machen. Es gilt zu fragen, ob eine Wissensgesellschaft durch Proklamation oder aber durch reale Transformationsprozesse innerhalb einer Gesellschaft entsteht. Gilt letzteres, dann wäre zu klären, welche Indikatoren als wesentliche Merkmale der Transformation einer Gesellschaft hin zu einer Wissensgesellschaft angesehen werden sollen.

In aller Regel wird für als maßgeblicher Indikator dieser Transformation die Verbreitung des Internets in den westlichen Industrieländern angesehen, außerdem die sicherlich zunehmende Verlagerung von ökonomischen Transaktionen, wissenschaftlichen Inhalten oder von Unterhaltung aus deren bisherigen Kontexten hin in das Internet. Doch trotzdem muss gefragt werden, ob hier nicht Erwartungen statt Fakten als Indikatoren angesehen werden.

Betrachtet man nämlich die verschiedenen WWW-Seiten, die einen Einblick in die geografische Verteilung von Web-Servern und der Netz-Aktivitäten geben, so verschwindet der Eindruck einer weltweiten Verbreitung des Internets und des WWW sehr rasch. Zur Zeit benutzen etwa 400 Millionen Menschen das Internet, also gerade einmal ca. 7% der Weltbevölkerung. Tatsächlich ist eine Weltkarte, die einen der beiden Indikatoren Nutzerzahlen oder Dichte von Web-Servern aufzeigt, im Wesentlichen von weißen Flecken geprägt. Ganze Kontinente und riesige Regionen sind kaum oder nicht präsent im Internet: Afrika, Südamerika, große Teile Asiens, eine Vielzahl der arabischen Länder, der überwiegende Teil jener Länder, die vormals zum Territorium der UdSSR gehörten. Geografisch gesehen und bezogen auf die Weltbevölkerung ist das Internet noch sehr weit davon entfernt, ein globales Medium zu sein. Damit kann in den genannten Ländern und Regionen aber kaum von Wissensgesellschaften gesprochen werden, da die Voraussetzungen dafür weitgehend oder gar völlig fehlen.

Das beschriebene Gefälle im Zugang zu Informationen und zur Informationstechnik ist allerdings nicht beschränkt auf die entwickelten und industrialisierten Länder auf der einen Seite und den genannten Ländern bzw. Regionen mit einem erheblichen Nachholbedarf. Untersucht man die Nutzungshäufigkeiten bspw. im Hinblick auf Europa ñ es ist das geografische Europa gemeint ñ etwas genauer, wird man gewaltige Unterschiede konstatieren müssen. Die derzeitige Nutzung des Internets schwankt hier von 0,07% der Bevölkerung in Albanien bis zu 52,11% in Island. Außer den skandinavischen Ländern erreicht kaum ein Land die 40%- oder gar die 50%-Marke der Internetnutzung durch die Bevölkerung. In vielen Ländern Europas liegt die Nutzungsrate unter 10%, in den meisten erreicht sie etwa 20-30%. Das heißt aber, dass die tatsächliche Verbreitung des Kommunikationsmittels Internet bei weitem noch nicht die euphorische Rhetorik rechtfertigen kann, wie sie heute allenthalben üblich ist. Zudem gilt, dass selbst hohe Nutzungszahlen dahingehend relativiert werden müssen, dass hierbei keine Unterscheidung der Nutzungsart vorgenommen wird. Doch ist es ein großer Unterschied, ob das Internet am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Universität oder privat genutzt wird, da die Zugangsart nicht unerheblich Einfluss auf die Nutzungsmöglichkeiten haben kann.

Diese Bestandsaufnahme zeigt bei aller Vorläufigkeit doch deutlich, dass zur Schaffung einer Wissensgesellschaft ñ ob lokal oder global ñ zunächst die entsprechenden Grundlagen geschaffen werden müssen, ohne die eine Teilhabe großer Teile der Menschen an der Wissensgesellschaft nicht möglich wäre und sich diese deshalb auch nicht konstituieren könnte.