Dr. Alfred Gerstenkorn, Darmstadt
Alfred.Gerstenkorn@t-online.de
Wissensmanagement braucht Verstehensmanagement
So sehr Informations- und Kommunikationstechnik verbessert und verbreitet wird, so
schwer leidet die sogenannte Wissensgesellschaft unter einem wachsenden Mangel: Sie
versteht immer weniger. Dies gilt für Einzelne wie für Betriebe, am Arbeitsplatz
wie in der Aus- oder Fortbildung, für Experten und für interessierte, begrifflich
geschulte Laien. Immer mehr und differenzierteres Fachwissen, das immer schneller
veraltet, interdisziplinäre Fragen in Projekten und Programmen, "globale"
Zusammenhänge werden am Arbeitsplatz, aber auch im Studium nur teilweise oder
falsch verstanden. Der Schaden ist enorm. Wer Wissen im Wandel handhaben will, muß
notwendigerweise das täglich neue Problem des Verstehens in den Griff bekommen.
"Verstehen" wird hier zunächst technisch, pragmatisch gesehen, ohne
Hermeneutik oder Kognitionspsychologie.
Regeln für verständlicheres Schreiben gibt es schon, sie werden aber nur
von relativ wenigen Fachautoren umgesetzt, ein Meer von schwerverständlichen
Fachtexten hat sich bereits gebildet. Es gibt Faktoren, für die der Autor verantwortlich
ist, etwa logischer Textaufbau, klare Satzstruktur, verständliche Wortwahl u.
a. Andere Faktoren unterliegen objektiven Zwängen, z. B. muß ein Physiker
in einem wissenschaftlichen Aufsatz die Grundlagen der Physik bei den Lesern - seinen
Kollegen - voraussetzen, interessierten Laien fehlen sie jedoch teilweise, der Autor
kann mit demselben Aufsatz nicht beide Gruppen gleichermaßen erreichen. Wieder
andere Faktoren sind etwa Denkart oder Lerngewohnheiten von Rezipienten.
Was weitgehend fehlt, sind Werkzeuge für Leser und Leserinnen zur Unterstützung
des Verstehens unter den individuellen Bedingungen am Arbeits- oder Studienplatz:
ein Verstehensinstrumentarium. Sprachliche Hilfen soll etwa ein Nachweis von Synonymen,
rhetorischen Figuren und anderen Formen der Referenzidentität innerhalb von
Disziplinen und Fächer übergreifend liefern. Die Klärung von Homonymen
(z. B. "Valenz" in der Gemeinsprache, der Chemie, der Linguistik) kann
auf Bekanntes setzen und vor Mißverständnissen schützen. Inhaltliche
Hilfen sollen Begriffsnetze mit Definitionen und Verknüpfungen zu Texten unterschiedlicher
Fachlichkeit und Korngröße bieten. Je nach bevorzugter Lernmethode soll
der Nutzer textuelle, bildliche, akustische Darstellungen, Systematiken oder Beispiele
usw. heranziehen können. Außer eigenen Beiträgen erfordert dies -
weit über Listen von Internet-links zu bestimmten Begriffen hinaus - eine systematische
Vorauswahl, auch aus dem Internet, wobei dem Nutzer die eigene Suche im Internet
weiterhin offen bleibt, er kann sich dabei sogar der Begriffsnetze aus dem Instrumentarium
für die Formulierung von Suchanfragen bedienen. Bei den neu zu verfassenden
Texten können Empfehlungen für verständlicheres Schreiben effektiv
befolgt werden.
Dem Nutzer des Verstehensinstrumentariums soll der Sicherheitsgrad der Wissenseinheiten
angezeigt werden, etwa: gesichert, umstritten, neue These usw. Alle Inhalte des Instrumentariums
- die vorsortierten Teile etwa aus dem Internet und eigene Beiträge - sollen
überprüft sein. Zur Erstellung des Instrumentariums müssen Strukturwissenschaftler
(Linguisten, Informatiker, Fachleute für Klassifikation u. a.) mit Fachleuten
der nach und nach zu erschließenden und zu verbindenden Fächer bzw. Fachbereiche
kooperieren. Es gibt schon brauchbare Software dafür auf dem Markt, sie muß
den Erfordernissen angepaßt werden. Wissen allein genügt nicht, es muß
verstanden sein. Deshalb muß Wissen zu Verständnis führen. Wissensmanagement
braucht dafür Verstehensmanagement.