Vortrag
30.6. 14.30-16.00, F 106
Gerhard Fröhlich
Universität Linz
Gegen-Evaluation: Peer Review und Szientometrie im Kreuzfeuer theoretisch-empirischer Wissenschaftsforschung
Peer Review: schwere Leistungsmängel des wissenschaftlichen Bewertungs- und Kontrollsystems zeigen sich im Konnex von Plagiat, Betrug und Täuschung. Trotz z.T. höchst plumper und offensichtlicher Manipulationen wurden bisher nur wenige der zahlreichen aufgedeckten Fälle devianten wissenschaftlichen Verhaltens durch die etablierten Kontrollmechanismen der Wissenschaften (anonyme Begutachtung) aufgedeckt, sondern v.a. durch persönliche Denunziationen und Presseberichte. Auch zahlreiche negative Befunde empirischer Studien zum Peer-Review-System ramponieren dessen Ruf, einige sollen exemplarisch vorgestellt werden.
Szientometrie: noch vor wenigen Jahrzehnten war Wissenschaftsmessung abseits
offizieller Statistiken ein mühseliges Geschäft. Man zählte quasi
noch händisch. Heute produzieren professionelle Datenbanken und Internet-Server
digitale Informationen zuhauf - gleichsam als Abfall. Der heutige szientometrische
Boom, die große Lust am Zählen und an Rankings, gründet auch auf
der leichten Verfügbarkeit solcher "Daten". Die bei Zitationsanalysen
oft betriebene Gleichsetzung von Resonanz mit Qualität (vor allem in der Medizin)
ist sehr fragwürdig. Sie ignoriert nicht zuletzt Betriebssitten und eingeschworene
Machtverhältnisse: Institutsleiter, Vermittler von Geld oder wertvollem Material
(z.B. von fötalen Zellen) werden oft bei allen Artikeln aus dem Projekt als
Koautoren angeführt (nicht selten aufgrund vertraglicher Vereinbarungen) - auch
wenn sie das Paper nicht einmal gelesen haben. Wichtige MitarbeiterInnen werden hingegen
mitunter als SubautorInnen in Fußnoten und Danksagungen gesteckt. Die Logik
des rein Quantitativen (publish or perish) ähnelt fatal der früheren sowjetischen
Planwirtschaft: die Messung des Plansolls der Produktion von Weihnachtsbaumständern
nach Tonnen Gewicht führte bekanntlich zur Produktion möglichst klobiger
Exemplare. Das Messen von Produktivität und Qualität verleitet dazu, möglichst
viele möglichst kurze Beiträge in Journalen mit möglichst hohem "Impact"
abzusondern (Salamipublikationstaktik).
Gerhard Fröhlich ist Assistenzprofessor am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Johannes Kepler Universität Linz/Österreich.
gerhard.froehlich@iwp.uni-linz.ac.at
Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Normative Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung, Kulturtheorie und Informationswissenschaft.