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Jugendliche Diskurse und Selbstdarstellung in der Song-Lyrik von Mikasi (‚Sex’; Ngwair 2004)1
Bongo Fleva2 ist seit einigen Jahren die dominierende Richtung der populären Musik in Tansania und hat die Muziki wa dansi (Tanzmusik) und den Taarab in der medialen Präsenz übertroffen. Zu Beginn der 1990er Jahre entstanden, orientierte sie sich ursprünglich eng an amerikanischer HipHop-Musik. In den letzten Jahren hat sie sich zunehmend diversifiziert und Elemente lokaler Musik sowie älterer beziehungsweise anderer zeitgenössischer Tanzmusik aufgenommen (Raab 2006: 43 ff.). Die Rap-Lyrik des Bongo Fleva ist augenfällig bestimmt durch 1) den Gebrauch von vorwiegend von Jugendlichen geprägter und verwendeter Swahili-Umgangssprache, 2) die Darstellung modernen jugendlichen Lebensstils, und 3) sozialkritische Inhalte mit pädagogisch-moralischer Tendenz. In jeder individuellen Lyrik sind diese Elemente in unterschiedlicher Mischung zu finden. In der Literatur wurde besonders der Gegensatz zwischen aufklärerischen didaktischen Texten („message“) und solchen, die der HipHop-Tradition des „battle“ zugeordnet werden können und von „boasting“ und „dissing“ geprägt sind („fleva“) diskutiert (Roch & Hacke 2006, Raab 2006: 100 ff.).
Die Beziehung zwischen urbaner Sprache, der Identitätsbildung von Jugendlichen und Rap-Texten ist für Afrika am Beispiel von Senegal und Gabun untersucht worden (Auzanneau 2003). In der dortigen multilingualen Situation kommt der Sprachwahl und Sprachmischung in den Texten eine wesentliche Ausdrucksfunktion zu. Die linguistische Situation Tansanias unterscheidet sich wesentlich von der Senegals, weil die frühere Kolonialsprache Englisch in Tansania eine eingeschränkte Rolle spielt, während eine indigene Sprache – Swahili – viele ihrer wesentlichen Funktionen übernommen hat. In den Rap-Texten des Bongo Fleva spielt die europäische Sprache daher eine geringere Rolle als die Verwendung eines jugendlichen Sprechstils auf der Basis des Swahili mit eigenen Neologismen und eigener Metaphorik. In der vorliegenden Analyse eines Song-Textes wird aber nicht nur der jugendliche Sprechstil berücksichtigt, sondern auch die Dialoge im Text analysiert und in Beziehung zur Selbstdarstellung der Rapper gesetzt. Darüber hinaus wird die Rap-Lyrik als literarisches Produkt verstanden, das in einer engen Beziehung zur Musik steht.
‘Bongo Fleva’ und jugendlicher Sprechstil
Bongo Fleva ist in erster Linie die Musik der Jugendlichen in Tansania und wird daher auch als Muziki wa kizazi kipya (‚Musik der neuen Generation’) bezeichnet. Das Konzept des „Jugendlichen“ beinhaltet in Tansania, zwischen etwa 15 und 30 Jahren alt zu sein und noch keine Familie gegründet zu haben. Viele Jugendliche sind darüber hinaus ohne eine Arbeitsstelle. Bongo Fleva stellt in gewisser Weise ein Sprachrohr der Jugendlichen dar, durch welches sie ihre Lebensumstände, ihre Befindlichkeit, ihre Wünsche und Befürchtungen in der Öffentlichkeit hörbar machen. Ebenso dient Bongo Fleva der Bildung einer jugendlichen Identität, die die Jugendlichen über die Grenzen Tansanias hinaus an Jugendkonzepte aus Jamaica und den USA anbindet (Remes 1999: 1). In den Texten lässt sich erkennen, dass dies in Auseinandersetzung mit traditionellen Werten der tansanischen Gesellschaft geschieht, besonders auch dem Erbe des etwa zwanzig Jahre währenden Ujamaa-Sozialismus, das keineswegs pauschal verurteilt und abgelehnt wird.3
Im Zusammenhang mit der Jugendidentität spielt die Sprache der Rap-Lyrik eine wesentliche Rolle, denn sie setzt sich durch die Verwendung jugendlichen Jargons vom Standard-Swahili ab. Damit wird Distanz zum „Normalbürger“4 ausgedrückt und ein Gruppengefühl der Jugendlichen verstärkt. Der jugendliche Sprechstil ist gekennzeichnet durch die Verwendung von Lexemen und Phrasemen, die von der Standardsprache abweichen und zunächst nur Insidern bekannt sind. Die Schöpfer dieser lexikalischen Elemente sind die Jugendlichen selbst. Durch morphologische und semantische Manipulation von bestehendem sprachlichen Material bilden sie neue Wörter und Ausdrücke. Überwiegend wird Standard-Swahili als Ausgangssprache benutzt, daneben spielt Entlehnung und Assimilation von englischen Lexemen eine größere Rolle, gefolgt von kenianischem Sheng. Lokale tansanische Sprachen sowie andere europäische Sprachen sind von untergeordneter Bedeutung. (Reuster-Jahn & Kießling 2006). Der jugendliche Sprechstil ist, in Übereinstimmung mit jugendlichen Sprachregistern andernorts, besonders durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
- Besondere Begrüßungs- und Anredeformen
- Besondere Bezeichnungen für Menschen des jeweils anderen Geschlechts5
- Eine Vielzahl von Metaphern (hyperbolische, euphemistische, dysphemistische)
- Metonymien und Synekdochen
- Kurzformen von Wörtern
- Anglizismen und Lexeme aus anderen Sprachen
- Floskeln und Phraseme
Der jugendliche Sprechstil in Tansania beinhaltet viele Neologismen, die vorwiegend von Lexemen des Standard-Swahili abgeleitet sind. Daneben ist der Transfer amerikanischer Slang-Lexeme aus der HipHop-Kultur sowie allgemein der Transfer englischer Lexeme (Anglizismen) häufig zu beobachten. Werden die englischen Lexeme mit einer neuen Bedeutung versehen, so spricht man von Pseudoanglizismen. Die jugendsprachlichen Lexeme und Ausdrücke häufen sich in bestimmten semantischen Domänen, wie zum Beispiel Kleidung und Aussehen, Alkohol und Drogen, Frauen sowie Kommunikation (Reuster-Jahn & Kießling 2006). Um die Funktion der Abgrenzung zu behalten, müssen jugendsprachliche Elemente ständig erneuert werden. So erhalten manche Lexeme im Laufe der Zeit neue Bedeutungen, oder ältere Lexeme werden durch neue ersetzt.
Footnotes
1. Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag beim 19. Afrikanistentag in München, 11. – 13. Februar 2006. Ich danke Roland Kießling, Matthias Krings und Gabriel Hacke für Kommentare zu diesem Artikel. [back]2. Die Schreibweise „Bongo Fleva“ hat sich gegenüber der älteren „Bongo Flava“ seit etwa 2005 in Tansania weitgehend durchgesetzt. Sie markiert das Endstadium der „Swahilisierung“ des englischen Lexems „flavour“. [back]
3. Dies ist nur eine grobe Charakterisierung. Eine Feinanalyse steht noch aus. Eine genaue Untersuchung dieses Themas anhand eines umfangreichen Textkorpus wäre hier wünschenswert. [back]
4. Die Abgrenzungsfunktion besteht gegenüber der älteren Generation und gegenüber wohlhabenden oder sozial aufstrebenden Schichten. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Jugendmilieus, die sich ebenfalls gegeneinander abgrenzen. Dieser Aspekt ist noch nicht untersucht worden. [back]
5. In der Jugendsprache Tansanias überwiegen bei weitem die Bezeichnungen für Frauen, was darauf hinweist, dass die Schöpfer der Jugendsprache überwiegend männlich sind. [back]
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