Presseartikel HAZ 02.09.2004


Lob für Schnittstellen
Jahreskatalog des Kunstvereins:
optisch wie inhaltlich heavy

HILDESHEIM. Wahrlich, er ist keine einfache Kost. Soll er auch nicht. Denn wer sich den Jahreskatalog des Kunstvereins Hildesheim besorgt, der hat auch Interesse, sich auf den 183 Seiten starken, sehr schriftlastigen Katalog einzulassen. "Ein Serviceangebote für Besucher und Künstler", ist die Meinung von Kurator Thomas Kaestle. Motto: Immerhin seien die Ausstellungen sinnlich, da darf der Katalog ruhig ein bisschen kopflastiger ausfallen. Der Jahreskatalog führt vom Jahresthema "Wo ist die Kunst - Zur Geographie von Schnittstellen" ausgehend diskursiv in viele verschiedene Bereiche.

Bisher hat der Kunstverein immer Einzelkataloge zu seinen jeweiligen Ausstellungen herausgebracht. Der 35-jährige Kaestle, der die Geschicke im Kehrwiederturm und an anderen Ausstellungsorten seit dieser Saison steuert, aber liebäugelte mit einem Jahreskatalog, der über die 14 Projekte zum Thema hinausgehend auch noch als Essayband zur Kunst dient. Finanziert wird der gewaltige, vierfarbige Katalog mit Mitteln aus dem Jahresetat, der sich größtenteils aus Landesmitteln zusammensetzt.

Als Erstes fällt bei dem Katalog die Gestaltung auf: Titel und Überschriften sind kaum lesbar (soll nach dem Motto: "Wo ist die Kunst" an ein Puzzle erinnern), die Texte werden mittendrin durch querlaufende Biografien, Literaturverweise oder Links zerschnitten (gemäß dem Motto: Schnittstellen), Bilder sind in den klein gedruckten Textmassen Mangelware, dafür fallen kleine farbige Marker auf jeder Seite auf, die die Fenster im Grundriss des Kehrwiederturms markieren.

Zuständig für dieses auffällige Lay-out waren Studenten im Studiengang Editorial Design der Fakultät Gestaltung der Fachhochschule Hildesheim unter Leitung von Prof. Dominica Hasse. Soeben ist der Katalog mit 198 anderen Kandidaten aus knapp 3000 Bewerbungen mit dem Qualitätssiegel "red dot" für herausragende Gestaltung ausgezeichnet worden.
Aber das Lay-out bleibt eine Kopfgeburt, die zwar den Konsum nicht unbedingt erleichtert, aber inhaltlich zu dem fast schon wissenschaftlichen Reader passt. Wenn man das Konzept durchschaut hat, präsentiert Kaestle im Katalog eine Fleißarbeit in Sachen Kunst. Auf jeweils zwei Doppelseiten sind die 14 geplanten Ausstellungs-Projekte vorgestellt, interessant die jeweiligen Interviews mit den Künstlern.

Dazwischen finden sich Essays von Autoren wie dem Literatur- und Medienwissenschaftler Siegfried J. Schmidt aus Münster, der sich mit der Schnittstelle Kommunikation befasst, oder dem Global Player der Kunstszene, Peter Weibel aus Karlsruhe, der sich zur Schnittstelle Wissenschaft äußert. Aber auch Daniel Schürer vom Kunstverein Via 113 oder die Professorin Dr. Hasse kommen zu Wort. Und wer das Kleingedruckte verarbeitet hat, der ist wahrlich künstlerisch im Bilde. art

Der Jahreskatalog des Kunstvereins Hildesheim "Wo ist die Kunst - Zur Geographie von Schnittstellen" ist im Buchhandel für 19,90 Euro erhältlich. ISBN 3-936646-67-8.
(c) Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung

- close -