Presseartikel HAZ 20.04.2005



Entsorgen oder saugen?
Thomas Kaestle stellt im Jahresprogramm
die Frage nach dem „Wann ist die Kunst?“


HILDESHEIM. Zuerst war es die örtliche Dimension, jetzt ist es die zeitliche, im dritten Teil ist es die personelle. Wo, wann und wer ist die Kunst?, heißt die Trilogie, mit der Thomas Kaestle den Kunstverein Hildesheim nicht nur mit neuen Fragen, sondern auch mit neuem Leben erfüllt. Nicht nur jungem künstlerischem, sondern auch mit neuen Besuchern, die neugierig das Domizil des Vereins im Kehrwiederturm aufsuchen.
„Das Interesse an unseren Projekten wächst über die Vereinsmitglieder hinaus. Und das war ja auch Ziel von Vereinsvorsitzendem Klaus Dierßen, als er mich als Kurator eingesetzt hat“, freut sich der 35-Jährige über seine Erfolge.

Und das hat ihn auch motiviert, im zweiten Jahr seines Engagements voll einzusteigen: 13 Projekte insgesamt, von der Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung über Workshops und Symposien bis zu Kunst im und weiträumig um den Turm herum.
Und all das unter der Fragestellung „Wann ist die Kunst? Prozess, Moment, Gültigkeit“, die allerdings bereits im Vorfeld in dem bunten, umfangreichen und informativen Katalog, der sich als eigenständiges Kunstprojekt präsentiert, beleuchtet wird. Die 160 aufwändig, aber lesbar gestalteten Seiten mit Interviews, Essays und Informationen sind zu zwei Drittel Themenreader, zu einem Drittel widmen sie sich den Projekten. Wer hier reinschaut und sich Muße zum Lesen nimmt, der ist weit über das Thema hinaus über Kunstverständnis informiert. Und interessiert.

Denn Kaestle weiß, wie man neugierig macht. Zum Beispiel mit einem Wettbewerb „Entsorgungspark“. Schon in dem Wort stecke der Widerspruch zwischen Müllhalde und Parklandschaft. „Die Kunst der 70er-Jahre, ist das nur noch Stadtmöblierung, kann man sie in neue Zusammenhänge und Bedeutungen setzen?“, fragt Kaestle.
Es sei die Frage nach der Gültigkeit von Kunst im (zeitlichen und wertenden) öffentlichen Raum. „Städte verändern sich sehr schnell, warum sollte die Kunst die gleiche bleiben?“ Für Kaestle muss die Kunst an einem Ort stehen, wo sie funktioniert, „und nicht auswechselbar sein wie die Pokorny-Skulpturen“. Der Kurator selber glaubt an temporäre Geschichten und Prozesse, „wie wir sie beispielhaft im Kehrwiederturm zeigen“.
Ebenfalls für den Mai ist der Wettbewerb im Ernst-Ehrlicher-Park geplant: Angesprochen sind Künstler, Architekten und Planer, die sich mit der zeitgenössischen Vergabepraxis für Kunst im öffentlichen Raum auseinander setzen. Thema des Projekts in einem Park ist die Zeit, „eine Arbeit, die sich im Lauf der Jahre oder Jahreszeiten verändert“, konkretisiert der Programmmacher.
Im Sommer steht im Stadtzentrum das Besetzen und Bespielen leer stehender, funktionsloser oder wenig genutzter öffentlicher Raume an. „Raumsauger“ heißt das Projekt, bei dem das Stadttheater mit dem Kunstverein performative und installative Elemente vermengt. „Junge Regisseure und bildende Kunst werden die Grenze zwischen öffentlich und privat übertreten.“

Neu im Programm sind die Turmgäste. Zwei „Artists in residence“ werden zwei Monate lang im Turm die Besucher am Prozess ihrer Arbeit teilhaben lassen.
Spannend auch das Herbst-Projekt „Recycling“, in dem sich junge Künstler mit den Themen Vorbild, Zitat und Transformation beschäftigen.
In die Zukunft schaut Kaestle sehr optimistisch: „Es wird zwar knapper mit dem Geld. Aber wir sind sehr froh, dass wir vom Land Niedersachsen für unser Programm wieder 30 000 Euro wie im vergangenen Jahr bekommen haben.“ Davor waren es nämlich nur 10 000 Euro. „Man muss sich eben selbst ständig neu erfinden“, kommentiert Kaestle sein kreatives Dasein als Freiberufler.
Der dritte Teil seiner Trilogie über die Kunst widmet sich der Frage. „Wer ist die Kunst?“ „Danach wird der Kunstverein einen neuen Kurator von außerhalb holen, um neue Perspektiven einzubringen.“ Er habe dann die Fragen gestellt, die er habe stellen wollen.
„Dann denke ich mir woanders etwas Neues aus.“ Hat er selber denn eine Antwort auf seine Fragen, zum Beispiel, wann die Kunst ist? Kurzes Sinnieren: „Wann immer jemand bereit ist, sie als Kunst wahrzunehmen.“
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Der Jahreskatalog ist im Kerber Verlag erschienen, Hrsg. Thomas Kaestle, ISBN 3-938025-16-6, 19,80 Euro (für Mitglieder 12 Euro).

Weitere Infos unter info@kunstverein-hildesheim.de oder im Internet unter www.kunstverein-hildesheim.de oder www.wannistdiekunst.info. Der Kehrwiederturm ist zurzeit Montag bis Freitag von 18 bis 20, Sonnabend von 15 bis 18 und Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Zu sehen ist die Ausstellung „Gewinnen“ von Holger Manthey.

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