Kehrwiederturm
Am Kehrwieder 2
D-31134 Hildesheim
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Colosseum, 2015, Stereoskopisches 3D Video (video still)
Courtesy Moritz Fehr

MORITZ FEHR


Undersound
18. April bis 7. Juni 2015
Eröffnung Donnerstag, 16. April 2015, 19 Uhr
Zur Eröffnung laden wir Sie herzlich ein.


Mit der Ausstellung Undersound von Moritz Fehr (*1981, lebt in Berlin) wird der 550 Jahre alte Kehrwiederturm zu einer akustischen und bildlichen Beobachtungsstation für Strom, seinen Fluss und seine konkret-materiellen Seiten. Fehr machte unter anderem Tonaufnahmen in einem Hildesheimer Umspannwerk. An diesem für die städtische Versorgung zentralen Ort wird Strom hörbar: Der Klang von 50 Hertz, also der Frequenz des Wechselstroms, erfüllt als durchdringendes Brummen den Raum. Strom bestimmt nahezu jeden Bereich privaten und öffentlichen Lebens, ist dabei allgegenwärtig, unauffällig und selbstverständlich. Der mit verschiedenen Mikrophonen aufgenommene Klang wird im Kehrwiederturm in eine physische Erfahrung des für menschliche Ohren meist nicht wahrnehmbaren Stromnetzes übersetzt, das die ganze Stadt beziehungsweise große Teile der Erde durchzieht.

Eine Betrachtung der Wege, welche der Strom nimmt, führt von der heimischen Steckdose über Verteilerpunkte an der Straße bis zu Umspannwerken und von dort aus zu Überlandleitungen. Eine weitere Verfolgung des Netzes führt zu den verschiedenen Arten von Kraftwerken, Solarzellen oder Windrädern, von dort aus zu Kohle, Sonne und Wind und damit zur unauflösbaren Verknüpfung von Kultur und Natur. Angesichts einer Steckdose ist diese eher abstrakt, konkret jedoch wird sie bei Blicken in die von Strommasten und Windrädern durchzogene Landschaft oder auf Kupferminen, die den ehemals wichtigsten Rohstoff für die Herstellung von Kabeln lieferten (heute bestehen die meisten Kabel aus Aluminium). Als Teil der Auseinandersetzung mit einer nicht sicht- und hörbaren Infrastruktur produziert Moritz Fehr einen Film über eine stillgelegte Gold- und Kupfermine in den USA. Dieser Ort repräsentiert die Ursprungsorte, an denen die Rohstoffe für diese Infrastruktur mit großem Aufwand gewonnen werden. Der Film wird stereoskopisch, also mit 3D-Technik aufgenommen, der Sound so bearbeitet, dass eine räumliche Wirkung entsteht. Die hyperreale Darstellung von Landschaft mittels Raumbild und Raumton betont die Annahme, dass die Existenz einer unberührten Natur eine Fantasie ist: Mensch, Technik und Natur sind grundlegend und auf vielschichtige Arten und Weisen miteinander verwoben. Durch den gezielten Einsatz technischer Verstärkung und verschiedener Aufnahmeverfahren thematisieren Moritz Fehrs Arbeiten auch die radikale Erweiterung menschlicher Sinne durch Technologie – und damit die Perspektive, durch technische Vermittlung andere Zugänge zu einer nur scheinbar stillen Umwelt zu finden.

Moritz Fehr (*1981, lebt in Berlin) arbeitet in den Bereichen der Sound Art und des Experimentalfilms. Fehrs Arbeiten wurden u.a. in folgenden Institutionen gezeigt: Arko Art Center (Seoul), The Museum of Jurassic Technology (Los Angeles), European Media Arts Festival (Osnabrück), After the Butcher (Berlin), Ethnologisches Museum (Berlin) und Kunstsaele (Berlin). Zwei seiner Soundinstallationen sind permanent im Jerusalem Panorama (Altötting) und Velaslavasay Panorama (Los Angeles) installiert.

Förderer
Die Ausstellung wird gefördert durch das Land Niedersachsen und die Friedrich Weinhagen Stiftung. Das Vermittlungsprogramm des Kunstvereins Hildesheim wird gefördert durch das Land Niedersachsen und die VGH-Stiftung. Die Ausstellung ist Teil des Jubiläumsprogramms Hildesheim 2015. Vielen Dank an die EVI Energieversorgung Hildesheim.

PROGRAMM ZUR AUSSTELLUNG

FÜHRUNGEN
So, 19.04., 15 Uhr (mit Kathrin Meyer)
So, 07.06., 15 Uhr (mit Nada Schroer)
sowie nach Vereinbarung (kostenfrei für Schulen und Universitäten, Privatführung 40 Euro)

TDT
So, 26.04., 16 Uhr
Das Türkisch-Deutsche Theater Hildesheim gastiert im Kunstverein: Während eines viertägigen Workshops wird die Ausstellung Moritz Fehrs zur Bühne. Das TDT interpretiert, analysiert, erweitert, assoziiert und erfindet. Am 26.04. laden wir zur Präsentation des Workshops in Form einer theatralen Führung ein.

MORITZ FEHR ZU GAST
So, 31.05., 15 Uhr
Gespräch mit Moritz Fehr und Florian Sprenger. Außerdem zeigen wir Moritz Fehrs stereoskopischen Film Mojave: A Person Was Here

GEORG WERNER
Kling Lang
Der Künstler Georg Werner produziert eine Sound-Arbeit für die Hildesheimer Michaeliskirche. Termine werden auf der Website des Kunstvereins bekannt gegeben. Kling Lang ist eine Komposition, die den Nachhall der Glocken zum Thema hat und sich als dessen Verlängerung versteht. Die Glocken werden als Klang- und Resonanzkörper elektromagnetisch nach dem Prinzip von Lautsprechern angeregt, wobei der Glockenklang in seine Bestandteile zerlegt wird. Die Komposition benutzt die verschiedenen Resonanzfrequenzen der Glocken, die sonst – beim Läuten – nur zusammen hörbar sind.
Gleichzeitig verliert der Glockenklang durch diese Spielart auch seinen harten, perkussiven Charakter und verwandelt sich in einen – seine Flüchtigkeit bewahrenden – perpetuierten Nachhall, der so zu einem Kontrapunkt für die Glockenschläge wird.
In memoriam Heiko Krutisch † 2015