Kehrwiederturm
Am Kehrwieder 2
D-31134 Hildesheim
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Der Kunstverein an anderen Orten:

Von den Dingen. Oder: Von Material, Waren und Handlungen


Hella Gerlach, "Move and Scale (cancelset)", 2014
Performative Intervention in der Ägyptischen Sammlung des Romer- und Pelizaeus-Museums, Courtesy Hella Gerlach

19. Januar 2014, 15 Uhr

Lecture Performance von Judith Raum
Theaterhaus Hildesheim
Langer Garten 23c, 31137 Hildesheim
Eintritt 5 €, Mitglieder 3 €

20. Januar 2014, 19 Uhr

Filmclub No Thing is my King
Filmprogramm zusammengestellt von Lisa Dau, Silke Kaufmann, Annette Leyendecker, Nada Schroer, Carola Streib, Francisco Vogel
u.a. mit folgenden Videos:
Rizki Reza Utama, Sidewalk-Stories, 2010
Elizabeth Wurst, Simple Kind of Life, 2012; Untitled, 2010
Corinna Schnitt, Das schlafende Mädchen, 2001
Nikki Schuster, Berlin Recyclers, 2012

Mit Snack Surprise und Gespräch
Eintritt frei
WOHNZIMMER, Kaiserstr. 41, 31141 Hildesheim

26. Januar 2014, 10-18 Uhr

Performative Intervention von Hella Gerlach in der Ägyptischen Sammlung des Roemer- und Pelizaeus-Museums
Am Steine 1-2, 31134 Hildesheim
6 € für Kunstvereinsmitglieder

01. Februar 2014, 15 Uhr

Vortrag von Peter Wächtler
Weinsziehr, Wallstraße 12, 31134 Hildesheim
Eintritt frei

02. Februar 2014, 12-18 Uhr

VON DEN DINGEN
KUNSTVERMITTLUNG 2013
AUSSTELLUNG
Eröffnung 02.02., 12–18 Uhr
15 Uhr Lesung der Schreibwerkstatt Punktweise (Gudrun Buresch, Christa Bachstein, Renate Hollemann, Cornelia Keup, Walburga Schröder-Müller)
Die Ausstellung ist geöffnet vom 07.–09.02., 14–18 Uhr und nach Vereinbarung
Kehrwiederturm
Eintritt frei


Dinge, ob nun Naturdinge oder Nutzdinge, sind tote Materie, subjektlos, sie agieren nicht, sie gehorchen nur: den physikalischen Gesetzen und uns. [...] Die Artefakte haben sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten ins Unermessliche vermehrt. Wir brauchen und verbrauchen sie, um leben zu können. Und weil wir sicher sein können, dass die Dinge keine Akteure sind, von denen wir einen Aufstand oder die stumme Verweigerung Bartlebys befürchten müssen, ist die tiefe Abhängigkeit, in die wir unterdessen zu den Dingen geraten sind, nicht in den Horizont unseres Bewusstseins getreten.
Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur

Dinge umgeben uns täglich. Sie begleiten fast jede unserer Handlungen, ermöglichen reibungslose Abläufe oder – wenn sie kaputt sind – unterbrechen diese. Sie werden produziert, transportiert, ver- und gekauft, verschenkt, genutzt, gepflegt, entsorgt. An ihnen hängen Erinnerungen und einige sind uns lieb, auch wenn sie weder schön noch wertvoll sind. Unsere von dem Philosophen Hartmut Böhme beschriebene Abhängigkeit ist vielschichtig und weitreichend.

Der Umgang mit Dingen gibt Auskunft über Mangel und Überfluss, Wünsche und Bedürfnisse, über Traditionen, Disziplin und Innovation. Aus der Distanz betrachtet erscheinen die Dinge nicht mehr selbstverständlich, sondern voller Geheimnisse, Spuren, Informationen für den, der sie zu lesen vermag. Wo und unter welchen Bedingungen wurde etwas hergestellt? Warum hat das Ding eben diese Form und keine andere? Für als Kunstwerke eingestufte Dinge, die in der Regel betrachtet, aber nicht berührt werden sollen, ohne praktischen Zweck sind, stellt sich neben der Frage ihrer Gestaltung auch diejenige ihrer Interpretation: Wie „lesen“ wir das Ding? In welchen Zusammenhängen mit anderen Dingen, Geschichten und Ideen können wir es verstehen?
Zu Entzifferungsunternehmungen lädt der Kunstverein Hildesheim mit der Reihe Von den Dingen, welche das Jahresprogramm 2013 abschließt.

Den Auftakt bildet am 19. Januar die Performance harmless entrepreneurs von Judith Raum (*1977, lebt in Berlin) im Theaterhaus Hildesheim. Raum hat sich seit 2009 mit den Auswirkungen des deutschen Finanzimperialismus auf die kulturellen Beziehungen zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich im frühen 20. Jahrhundert, konkret mit dem Bauvorhaben der Bagdad-Bahn beschäftigt. Neben der Stahlindustrie profitierte unter anderem auch die Textilverarbeitung von den Handelsbeziehungen – die Recherche in Archiven in Großbritannien, Deutschland und der Türkei ließ ein Bild entstehen, das komplexe Verknüpfungen in globalen Handelsbeziehungen mit kolonialem Gepräge zeigt. Live-Vortrag, Audio-Einspielungen und das Arrangieren von Stoffen auf improvisierten Trägern weben ein Netz, in dem Machtstrukturen, Ausbeutung und die Beiläufigkeit kreativer, von Improvisation gekennzeichneter Handlungen der nomadischen Bahnarbeiter und bayerischen Weber zueinander gestellt werden.

Weiter geht es am 20. Januar mit dem Filmclub im WOHNZIMMER. Unter dem Titel No Thing is my King haben Lisa Dau, Silke Kaufmann, Annette Leyendecker, Nada Schroer, Carola Streib und Francisco Vogel ein Programm zusammengestellt, das Kurzfilme, Werbespots und Künstlervideos präsentiert, in denen Dinge animiert, also „beseelt“, zum Leben erweckt werden. Mitgefühl mit Leblosem? Anteilnahme? Zuneigung? Abneigung? Die Verschränkungen von lebendig und leblos und die damit einhergehenden affektiven Verstrickungen werden hier filmisch aufgefächert.

Die Reihe schließt mit der performativen Intervention Move and Scale (cancelset) von Hella Gerlach (*1977, lebt in Berlin) in der Ägyptischen Sammlung des Roemer- und Pelizaeus-Museums. Die Künstlerin setzt durch die Positionierung ihrer Objekte Markierungen in der Sammlung und öffnet Dialoge durch subtile Gesten der Annäherung. Sie bringt antike Exponate in einen Assoziations- und Bedeutungstanz, in dem erzählerische Momente aufblitzen, Materialien, Farben und Formen korrelieren oder kontrastieren. Einige Objekte bewegen sich eigenständig durch die Ausstellungsräume, kreuzen die Wege der Besucher, unternehmen Suchbewegungen, bilden Achsen und Zusammenhänge, um sie sofort wieder aufzulösen. Eine Soundarbeit durchdringt hin und wieder das Museumsgebäude, erzeugt eine Shopping-Mall-Atmosphäre. Klänge die zum „Relaxen“ auffordern wechseln ab mit Textfragmenten, die zu Atemübungen anleiten. Das Zwischenspiel findet von 10 bis 18 Uhr statt.

Am 1. Februar ist Peter Wächtler in Hildesheim zu Gast. Er wird im Anschluss an seine Ausstellung Frühling im Kunstverein Hildesheim über seine Arbeiten sprechen, insbesondere über das Verhältnis von Ding und Erzählung.

Anfang Februar schließlich zeigt der Kunstverein im Kehrwiederturm Arbeiten, die im Rahmen der verschiedenen Workshops im Jahr 2013 zum Jahresthema Von den Dingen und den Ausstellungen des Kunstvereins entstanden sind. Hannah Chodura, Birte Heier, Ilse Riediger und Sophie Wiegel stellen die Malereien, Zeichnungen, Fotografien und Videos zusammen, die von verschiedenen Gruppen, Schulklassen und Besuchern im Jahr 2013 geschaffen wurden. Am 2. Februar um 15 Uhr präsentiert in diesem Rahmen die Schreibwerkstatt Punktweise (Gudrun Buresch, Christa Bachstein, Renate Hollemann, Cornelia Keup, Walburga Schröder-Müller) eine Lesung von Texten, welche in der Auseinandersetzung mit Alicia Frankovichs Ausstellung im Kunstverein Hildesheim Today this Technique is the Other Way Around entstanden sind.

Das Projekt wird gefördert durch das Land Niedersachsen und die Stadt Hildesheim. Das Vermittlungsprogramm des Kunstvereins Hildesheim wird gefördert durch das Land Niedersachsen und die VGH-Stiftung. Wir danken dem Roemer- und Pelizaeus-Museum, dem Theaterhaus Hildesheim und dem WOHNZIMMER für die Zusammenarbeit.

Programm zur Reihe Von den Dingen

Das Handy des Pharao

Ein Workshop für Kinder zwischen 8-12 Jahren in Kooperation mit dem Roemer- und Pelizaeus-Museum

Seh´n wie ein Ägypter: Ägypten ist so weit weg? Stimmt nicht. Begleite uns für einige Stunden mit anderen Augen durch die ägyptische Sammlung des Roemer- und Pelizaeus-Museums und sieh, was die Künstlerin Hella Gerlach in der Sammlung verändert hat. Erfinde deine eigenen Geschichten – zeichne, bastle, fotografiere: Was haben Handys, Küchengeräte und Modeschmuck mit alten ägyptischen Schätzen und Pharaonen zu tun? Ist da etwa ein Zeitreisender am Werk gewesen? Das alles und noch viel mehr wollen wir zusammen herausfinden.

26. Januar 2013
14.30-17.30 Uhr
Treffen im Foyer des Roemer- und Pelizaeus-Museums, Am Steine 1–2, 31134 Hildesheim
Die Teilnahme kostet 5 € (inkl. Eintritt und Material).
Um telefonische Anmeldung bis zum 26.01.2014 (vormittags) unter 05121 / 93 69 20 wird gebeten. Kurzfristige Teilnahme ist möglich.
Der Workshop wird konzipiert und geleitet von Franziska Harnisch, Nada Schroer und Christine Kundolf-Köhler.

Workshop Von den Dingen. Oder: Von Material, Waren und Handlungen

Termine:
16.12.2013, 17:30 bis 20:30 Uhr | 06.01.2014, 17:30 bis 20:30 Uhr | 19.01.2014, Öffentliche Performance von Judith Raum um 15 Uhr, im Anschluss Gespräch mit der Künstlerin | 03.02.2014, 18 bis 20 Uhr

Anmeldung:
Der Teilnehmerkreis ist offen, die Teilnahme kostenlos für Mitglieder. Nicht-Mitglieder zahlen 7, ermäßigt 5 Euro. Anmeldung bis 10.12. per email an info@kunstverein-hildesheim.de oder via facebook: www.facebook.com/Kunstverein.Hildesheim

Leitung:
Mareike Herbstreit (Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Das fotografische Dispositiv“, HBK Braunschweig; Promotionsprojekt zum Thema „Aktionsrelikte. Zum Status der Objekte bei Marina Abramovic und Chris Burden“) und Kathrin Meyer (Leiterin des Kunstvereins Hildesheim)

Inhalt:
Das Jahresthema des Kunstvereins lautet im Jahr 2013 „Von den Dingen“ und taucht damit ein in den Alltag, wo Dinge benutzt, gekauft, hergestellt, ins Bild gesetzt und digitalisiert werden. Hand- und Kopfarbeit (post-fordistische Arbeit), unberührbare Oberflächen digitaler Bilder und die Einbindung von Dingen in globale Handelswege und die damit einhergehenden machtpolitischen Verstrickungen bilden thematische Knotenpunkte. Anfang 2014 verlässt der Kunstverein das Ausstellungsformat und seine Räume im Kehrwiederturm. Der letzte Abschnitt des Jahresthemas im Januar findet an verschiedenen Orten der Stadt Hildesheim statt und besteht aus zwei Performances von Judith Raum (19.01.) und Hella Gerlach (26.01.), sowie einem Filmabend (20.01.).

Die in Berlin lebende Künstlerin Judith Raum (*1977) hat sich in einer künstlerischen Recherche mit den Auswirkungen des deutschen Finanzimperialismus auf die kulturellen Beziehungen zwischen dem deutschen und dem osmanischen Reich im frühen 20. Jahrhundert, konkret mit dem Bauvorhaben der Bagdad-Bahn beschäftigt. Im Vorfeld zu ihrer Lecture Performance „Harmless Entrepreneurs“ informieren die Kuratorin Kathrin Meyer und die Kunstwissenschaftlerin Mareike Herbstreit über die bevorstehende Performance, ihre Planung und Hintergründe und führen in grundsätzliche Fragestellungen der flüchtigen Kunstform ein. Der Workshop umfasst damit kunstwissenschaftliche und kuratorische Perspektiven sowie praktische Aspekte im Hinblick auf die schriftliche, filmische oder fotografische Dokumentation von Performances. Es wird unter anderem um das Verhältnis von Inhalt und Umsetzung, Prozess und Dokumentation, von Aktion und Erinnerung, Flüchtigkeit und Wiederholbarkeit gehen.

Mo, 16.12.2013, 17:30 bis 20:30 Uhr, Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft, Moltkestr. 86, 31135 Hildesheim

Für eine Ästhetik des Performativen? Einmalige, dokumentierte, wiederholte Aktionen. Einführung von Mareike Herbstreit in das Problem der Performance als ephemere Kunstform

Mo, 06.01.2014, 17:30 bis 20:30 Uhr, Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft, Moltkestr. 86, 31135 Hildesheim

Work-in-Progress: Zu den Performances von Judith Raum und dem Format der Lecture Performance

So, 19.01.2014, 15 Uhr, Theaterhaus Hildesheim, Langer Garten 23c, 31137 Hildesheim

Performance von Judith Raum. Anschließend gegen 16 Uhr Gespräch mit der Künstlerin

Mo, 03.02.2014, 18 bis 20 Uhr, Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft, Moltkestr. 86, 31135 Hildesheim

Sichtung der schriftlichen, filmischen oder fotografischen Dokumentationen der Performance. Überlegungen zum Verhältnis von Aktion und Aufzeichnung