Jana Gunstheimer

 

02.03.2007 - 15.04.2007


Jana Gunstheimer (*1974 lebt und arbeitet in Jena) hat neben Kunst und Kunstgeschichte auch Ethologie studiert und benutzt die Sprache der Ethnologie und die Methodik der Feldforschung auf pseudowissenschaftliche Art und Weise für ihre künstlerische Arbeit.
Sie schweift dabei jedoch nicht in ferne Länder, sondern bleibt in Deutschland, wo sie neben Arbeitslosigkeit, zunehmender Gewaltbereitschaft, staatlichen Kontrollmechanismen und postindustrieller Verödung auch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche konstatiert.

Ausgehend davon entwirft sie in schwarzweißen, häufig mit Wasserfarben nach Fotografien gemalten, kleinformatigen Bildern ein fiktives Szenario, in dem neben zivilgesellschaftlichen Normen auch der gängige Arbeitsbegriff nicht mehr existent zu sein scheint. Sie kombiniert diese Bilder häufig mit Textfragmenten, die entweder selbst zum Bild werden, oder wie eine protokollarische oder wissenschaftliche Notiz im Rahmen einer Untersuchung oder eines Experiments den narrativen Zusammenhang herstellen.

Den Dreh- und Angelpunkt in der von Jana Gunstheimer entworfenen Welt bildet die Firma Nova Porta (www.nova-porta.de), ein Kornzern zur Bewältigung von Risiken. Im Mission Statement von Nova Porta heißt es “In der zunehmenden Verwilderung, der Gewaltbereitschaft und Eskalation liegt ein gesellschaftliches Potential, dessen Kraft bisher wenig erforscht ist. Wir sollten lernen, sie uns zunutze zu machen.” Innerhalb dieses von Jana Gunstheimer geschaffenen konsistenten Firmenkosmos ist bereits die Werkgruppe„Personen ohne Aufgaben- Ein Modellversuch von Nova Porta“ entstanden, in der Nova Porta anhand von Personenversuchen mit POAs (Personen ohne Aufgaben) untersucht, wie Menschen sich verhalten, wenn man sie aus dem aktiven Berufsleben in die Untätigkeit entlässt. Dieser Personenversuch findet dabei in einem extra von Nova Porta eingerichteten Reservat zur Krisensimulation statt.
Jana Gunstheimer tritt in „Personen ohne Aufgabe“ selbst als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Erscheinung, die protokollarisch und nüchtern Verhaltensauffälligkeiten bei den Versuchspersonen notiert. In der neusten Arbeit von Jana Gunstheimer "Über F" spielt sie durch, was passiert, wenn jemand versucht aus dem System der Organisation auszubrechen. „ Über F“ wird sowohl im Kunstverein Dortmund und im Kunstverein Hildesheim zu sehen sein. Im Rahmen der beiden Kunstvereinsausstellung erscheint auch jeweils eine Ausgabe der Mitgliederzeitung von Nova Porta.

Die Zeitung trägt den Titel “Maßnahme” und ist in Anlehnung an diverse Arbeitsbeschaffungs- und Wiedereingliederungsmaßnahmen der Agentur für Arbeit auf zwei Jahre befristet. In den acht Ausgaben der “Maßnahme” wird über aktuelle Projekte der Organisation berichtet, deren Teilnehmer man ungern sein möchte. Es gibt Interviews mit motivationslosen Jugendlichen, Außenseitern der Gesellschaft etc., in der Rubrik Sonderposten werden Stellenanzeigen offeriert, die weder Freude noch Gewinn versprechen. Des Weiteren gibt es Rubriken zur Beseitigung individueller Mängel, auf einer Bilderseite bekommt man Einblick in die Machenschaften der Organisation.

Wichtiger Teil jeder Maßnahme ist eine Aufgabe für den Leser auf der letzten Seite. Hier bekommt jeder die Chance, seine Schwachstellen zu minimieren und seine Selbstkontrolle zu verbessern. In Belastungsproben, Selbstversuchen und kreativer Arbeit werden verunsicherte Teilnehmer zu souveränen Subjekten trainiert. In der achten Ausgabe, im Finale, bekommen alle Leser die Chance einer Teilnahme an einer Aktion von NOVA PORTA.

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