2009 Hildesheim: Sachbericht

Sachbericht über die Internationale Tagung an der Universität Hildesheim (Deutschland)

30. März 2009 bis 02. April 2009 zum Thema:

Hochschule und Schule in der internationalen Diskussion: Chancen und Risiken neuer Entwicklungen

der International Academy for the Humanization of Education (IAHE)

 

 

3. Tagungsteilnehmer und Sprachen

 

Es nahmen 61 Wissenschaftler aus den Ländern: Deutschland, Lettland, Litauen, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Tschechien  und Weißrussland an der Tagung aktiv teil.

Tagungssprachen waren: deutsch, russisch, englisch

In den Tagungsmappen lagen Übersetzungen der Hauptvorträge und Summaries zu den Workshopbeiträgen in deutsch, russisch und englisch. Die Hauptvorträge wurden simultan ins russische bzw. deutsche übersetzt. Die Workshopreferate wurden simultan oder in Zusammenfassung je nach Bedarf ins deutsche, russische oder englische übersetzt.

 

2. Organisatorischer Verlauf und Durchführung des Programms

 

Die IAHE hat es sich bei ihrer Gründung 1995 zum Ziel gesetzt, die Reformideen der letzten Jahrzehnte in Ost und West auszutauschen und nach Konsenspunkten zu fragen.

Seit der Öffnung des Ostens zum Westen haben sich politische und bildungspolitische Wandlungen vollzogen. Die Zeit der Perestroika in Russland, die zunächst im Bildungsbereich vielfältige Innovationen ermöglicht hat, ist vorbei. Neun ehemalige Ostblockländer (u.a. Lettland, Polen, Tschechien) sind in die Europäische Union aufgenommen worden. Im Zuge der Globalisierung geht die Tendenz im Bildungssektor in Richtung Vereinheitlichungen (in erster Linie die Einführung konsekutiver Studiengänge, Modularisierung, Creditierung). Die internationalen Vergleichsstudien im Bildungsbereich führen dazu, dass die Bildungssysteme verschiedener Länder in sehr viel höherem Maße als bisher in der Öffentlichkeit diskutiert und bezüglich ihrer Qualität untereinander verglichen werden.

Der Austausch zwischen Ost und West hat die Zeit der eher einseitigen westorientierten Beratung überwunden und ist in einen gleichwertigen Dialog getreten. Dieser Dialog steht jedoch immer noch am Anfang und muss fortgesetzt werden. Die Tagung setzte genau an diesem Punkt an, indem sie vergleichbare Tendenzen und Trends analysierte und kritisch betrachtete, die es trotz aller länderspezifischen Unterschiede im Bildungsbereich gibt.

 

Der Einstieg in die Tagung war sehr gut gewählt. Der erste Hauptvortrag des international bekannten Geschichtswissenschaftlers Prof. Dr. Gehler von der Universität Hildesheim, der viele Jahre in Österreich gelehrt hat und den Jean-Monnet-Chair für Europäische Geschichte inne hat, fasste die Entwicklung durch die Annäherungsprozesse von West und Ost zusammen sowie die Gründe, die zur Entwicklung aber auch zur Überwindung des Kalten Krieges in Europa geführt haben. MdB H. Haibach vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland fügte sich nahtlos in den bereits vorgegebenen Gedankenstrang ein und zeigte die neuen Perspektiven für Europa nach Ende des Kalten Krieges auf.

Nach dieser historisch-politischen Einstimmung in die Thematik der kritischen Auseinandersetzung mit Wandlungen in West und Ost, gingen die nachfolgenden Redner auf Wandlungen im Bildungsbereich ein. Prof. Dr. Gawrikow, Präsident der Staatlichen Universität Nowgorod in Russland und Mitglied der städtischen Duma, schlug den Bogen von der Politik zur Bildungspolitik im Prozess der Annäherung von Ost und West. Die Universität, der er seit vielen Jahren vorsteht, nahm in der Zeit der Perestroika eine Vorreiterstelle bezüglich hochschulpolitischer Innovationen ein, die sich an den westlichen Vorbildern orientierten. Dr. Finken, Referatsleiter des DAAD in Bonn zeigte eindringlich auf, wie wichtig der kontinuierliche Austausch im Bildungsbereich ist und dass dieser ohne eine gesicherte Finanzierung nicht möglich ist. Der Osten hat an dieser Stelle noch einen erheblichen Nachholbedarf und für die Teilnehmer aus Osteuropa war es bedeutsam, zu sehen, wie eine Institution aufgebaut ist, die diese Finanzierung gewährleistet. Zukünftig kann es nicht sein, dass eine Finanzierung von Studenten- und Dozentenmobilität mit osteuropäischen Ländern ausschließlich von deutscher Seite finanziell unterstützt wird. Dies wurde sehr deutlich.

Der erste Tag schloss mit zwei Beispielen von Exzellenzinitiativen aus Schule und Hochschule und leitete damit zu den nächsten Tagen über, die spezifischen Themen zu Hochschule und Schule in der internationalen Diskussion gewidmet waren.

 

Die Workshops waren in drei Themenblöcke eingeteilt: Bildung, Erziehung und Sozialisation; Lehr- und Lernprozesse; Institution Organisation und Management. Vier Grundsatzvorträge leiteten in diese Themenblöcke ein, zwei in Bezug auf Hochschule und zwei in Bezug auf Schule. Die Referenten waren bewusst so gewählt, dass Trends und Tendenzen verschiedener Länder (Deutschland, Österreich, Russland und Lettland) aufgezeigt wurden.

Diese Themenblöcke waren gut gewählt und die Teilnehmer verteilten sich relativ gleichmäßig auf die Angebote. Die Tagungsmappen enthielten Zusammenfassungen bzw. volle Texte in den Sprachen russisch und deutsch, die Referate wurden alle zusätzlich übersetzt, so dass sich alle Teilnehmer an den Diskussionen beteiligen konnten.

Die Thematik der Chancen und Risiken neuer Entwicklungen im Bereich Hochschule und Schule wurde von verschiedenen Seiten betrachtet, die Entwicklungen in den verschiedenen Ländern wurden in den Diskussionen untereinander verglichen.

 

3. Wissenschaftliche Ergebnisse der Tagung:

 

Zusammenfassung der Ergebnisse von Themenblock I: Erziehung, Bildung und Sozialisation:

In einer zunehmend globalisierten Welt müssen nicht nur intellektuelle Fähigkeiten, sondern auch geistige, moralische, soziale Qualitäten beachtet werden. Es wird die Dominanz von geistigen Werten über Konsumhaltung gefordert.

Das Problemfeld Erziehung darf nicht aus dem Blickfeld geraten, sonst kann die pädagogische Arbeit in der Schule und Hochschule nicht im Sinne von Humanisierung der Bildung umgesetzt werden.

Die Gesellschaft hat die Krise, die durch die Globalisierung entstanden ist, insbesondere die Migrationsproblematik in seinen Konsequenzen noch nicht erkannt. Wir müssen uns fragen, ob die Bildungsstandards, die von den Ländern heute gesetzt werden, tatsächlich eine Bildung hervorbringen, die das Leben heute einfordert.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse von Themenblock II: Lehr- und Lernprozess:

Hochschuldidaktische Perspektive: Das Konzept des forschenden Lernens gewinnt an Bedeutung; Förderkompetenz ist in der Lehrerprofessionalisierung besonders wichtig (u.a. als Antwort auf Migrationsprobleme) – als bedeutsam wird dabei die persönliche Komponente und ein hoher Praxisanteil in der Lehrerbildung gesehen.

Schulische Perspektive: Die Nutzung von unterrichtlichen Angeboten muss intensiviert werden; das pädagogische Labor wird als effiziente Methode in der Lehrerbildung vorgestellt.

Hochschulische und schulische Perspektive: Bedeutung des Fremdsprachenlernens muss hervorgehoben werden; Kooperation von verschiedenen Bildungseinrichtungen über die Grenzen eines Landes hinaus ist eine Forderung für das Lehren und Lernen in Schule und Hochschule.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse von Themenblock III: Institution / Organisation / Management:

Die Ideen von Humboldt können auf die heutige Bildung nicht ohne Weiteres übertragen werden, haben aber weiterhin Bedeutung für Schule und Hochschule.

Probleme des Übergangs auf gestufte Studiengänge bestehen in allen Ländern. Die angestrebte Anhebung von Mobilität, Internationalisierung und mehr Selbständigkeit der Studierenden etc. wird durch die Umsetzung des Bolognaprozesses nicht eingelöst:

  • Die Umsetzung erfolgte zu schnell auf Druck der Bildungspolitik
  • Eine Frage sind die Chancen der BA-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt
  • Es kann auch dazu führen, dass Masterstudiengänge nicht mehr attraktiv sind
  • Die Politik bestimmt, ob mehr auf nationale oder internationale Arbeitsfelder vorbereitet wird – das kann die internationalen Bestrebungen einschränken
  • Curricula werden reduziert und eingeschränkt, mehr Selbstorganisation des Studiums wird gefordert
  • Das Praktikum muss didaktisch begründet werden
  • Orientierende Beratungsangebote für Studierende insbesondere zur Orientierung auf dem Arbeitsmarkt sind erforderlich
  • Weiterbildung gewinnt an Bedeutung – auch hier wird ein gestuftes Angebot angestrebt
  • Freiheiten, die das neue System anbietet, werden noch zu wenig genutzt

 

Es wurde ein Entwurf für eine Stellungnahme zur internationalen Situation an Schule und Hochschule zehn Jahre nach der Bologna-Deklaration erarbeitet:

 

Der Bolognaprozess 1999 hat innerhalb der Länder in der Europäischen Union eine ungeheure Dynamik entfaltet, der die Hochschulen verändert. Noch nie in der europäischen Geschichte hat es eine Bildungsreform gegeben, die – in ihrer Reichweite, Umsetzungsgeschwindigkeit und struktureller Tiefenwirkung – einen so eklatanten Wandel von Hochschule und Schule erwirkt hat.

Der Hintergrund ist die gegenseitige Anerkennung der Hochschulabschlüsse. Die Schulen verändern sich insbesondere infolge der Diskussion um Bildungsstandards, Kompetenzen und Leistungsanforderungen, die vor allem in den internationalen Schulleistungsvergleichsstudien sichtbar werden.

Während der Konferenz an der Stiftungsuniversität Hildesheim der International Academy for the Humanization of Education (IAHE), einem freien Zusammenschluss von Hochschullehrenden aus den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, wurde deutlich, dass auch in Osteuropa und in GUS-Staaten der Bolognaprozess an den Hochschulen und die Modernisierungstendenzen im schulischen Bereich einen starken Handlungsdruck erzeugt haben. Dies eröffnete den osteuropäischen Staaten die Möglichkeit, dank vergleichbarer Abschlüsse, Anpassungsprozesse in Gang zu setzen.

Obwohl der Bolognaprozess an Hochschulen und Schulen positive Veränderungen erbracht hat, wie z. B.

  • stärkere Dezentralisierung,
  • größere Autonomie von Bildungssystemen,
  • höhere Reflexivität von Lehr- und Lernprozessen,
  • gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen u. a.,

zeigte sich anlässlich der Tagung in den Vorträgen und Workshops, dass in Deutschland und in Westeuropa aufgrund deutlicher Kritik des Bolognaprozesses eine Revision absehbar ist und teilweise auch schon umgesetzt wird.

Sichtbar wird die Kritik im Hochschulsektor mit Blick auf die

  • Verschulung von Lehr- und Lernprozessen infolge zu starrer Modularisierung,
  • Reduktion von Lehr- und Forschungsinhalten auf kursorisches Lehren und Lernen in Modulen,
  • Intransparenz des europäischen Kreditierungssystems (ECTS) aufgrund mangelnder Kompatibilität der an anderen Hochschulen erworbenen Leistungspunkte,
  • Einschränkung der Mobilität der Studierenden im erfolgreichsten EU-Austauschprogramm (Erasmus).

Im Schulsektor wird die Kritik besonders deutlich

  • in der kognitiven Ausrichtung der Curricula (Lehrpläne) auf testbare Leistungsüberprüfungen,
  • im Verlust der Erziehungsdimension des Unterrichts,
  • in der Reduktion der musisch-ästhetischen und motorischen Anteile des Unterrichts,
  • in einer Überbürdung der Schule, der Schulleitungen, der Lehrkräfte, der Kinder und Eltern infolge unterschiedlicher Reformansprüche in einem engen Zeitrahmen.

 

Weil die westlichen Länder in diesem Reformprozess und seiner Kritik einen zeitlichen Vorsprung haben, stellt sich die IAHE die Aufgabe, im Dialog zwischen Ost und West diese kritischen Ansätze zu verdeutlichen und bei der Gestaltung der Reformanlässe die entsprechenden Kritikpunkte in das jeweilige eigene Handeln einfließen zu lassen.

Damit beansprucht die IAHE gleichzeitig, ihren Gründungsgedanken einer Humanisierung der Bildung verstärkt auf die Folgen des Bolognaprozesses auszurichten.

 

 

4. Nachhaltigkeit der Tagung:

Die Rückmeldungen der Teilnehmer aus den verschiedenen Ländern waren durchweg positiv. Die Zeitschrift in Russland "Wisscheje obrasovanije w Rossii"/Hochschulbildung in Russland  veröffentlicht monatlich je einen der thematisch für die Konzeption der Zeitschrift interessanten Vorträge. Die erste Veröffentlichung liegt bereits vor.

Die Deklaration wird in einer deutschen pädagogischen Zeitschrift erscheinen.

Es wird beim Schneider Verlag Hohengehren ein Tagungsband mit allen Vorträgen in deutscher, russischer und englischer Sprache Ende des Jahres erscheinen: Graumann, Olga; Pewsner, Michael; Rudolph, Margitta; Diel Irina (2010): Hochschule und Schule in der internationalen Diskussion: Chancen und Risiken neuer Entwicklungen. Schneider: Hohengehren.

 

 

Hildesheim im März 2009                                                            Prof. Dr. Dr. h.c. Olga Graumann