Was für Lehrer unterrichten die Kinder von morgen?

Eine Lehramtsstudentin aus Hildesheim wirft einen kritischen Blick auf die neu strukturierten Studiengänge

Bachelor und Master. So heißen die neuen Abschlüsse für Lehramtsstudenten. Erstes und zweites Staatsexamen wurden im Lehramt abgeschafft. Nur Baden-Württemberg und Bayern halten noch an den alten Studiengängen fest. Sie haben sicherlich ihre Gründe.
In Niedersachsen und Nordrheinwestfalen wurden die Lehramtsstudiengänge dafür fast so überstürzt eingeführt, wie die Bologna Erklärung 1999 von den Europäischen Bildungsminister unterschrieben wurde.
Die „Bologna-Reform“ versprach das deutsche Bildungssystem ganz nach amerikanischer Art zu optimieren. Flexibilität und Mobilität im Studium sollten gestärkt werden. Sogenannte Kernkompetenzen, wie wissenschaftliches Arbeiten, soll einheitlich in ganz Europa erlernt und angewendet werden.
Ebenso versprachen sich die deutschen Politiker von der Hochschulreform die Studiendauer zu kürzen. Den Lehramtsstudenten, der 14 Semester bis zu seinem Abschluss braucht, wird es in Zukunft nicht mehr geben. So kann an den Universitäten eine größere Zahl an Studenten aufgenommen werden.
An der Universität Hildesheim wurden früher pro Jahr 150 Lehramtsstudenten zum Staatsexamen zugelassen. Jetzt zu Zeiten der „Studentenschwemme“ und zu Zeiten von Bologna werden 450 Studenten jedes Jahr an der Hochschule angenommen.

Die „neuen“ modernen Studenten sind die Bachelorstudenten. Sie verlassen nach drei Jahren Grundausbildung die Universität mit einem Bachelorabschluss.
In Deutschland sollen laut HIS (Hochschulinformationssystem) bald Regelungen greifen, so dass nur 30% der Bachelorabsolventen einen Masterstudienplatz bekommen. Der Master, der die eigentliche wissenschaftiche Ausbildung darstellt, bleibt– entgegen dem europäischen Trend - der Elite überlassen.

Gerade im Lehramt und in den anderen Studiengängen, die früher einen staatlichen Abschluss hatten, kommt es somit zu einem „Kampf“ um gute Noten.
Begründet, denn ohne einen Masterplatz, hat man drei Jahre für umsonst studiert. Das eigentliche Berufsziel Lehrer bleibt den wenigen Masterstudenten vorbehalten. Für die anderen ist es zu spät, um sich beruflich umzuorientieren. Im Lehramt ist der Master of Education für die Zwei-Fach-Bachelor die einzige Option, gerade für Studenten mit lehramtsspezifischen Fächerkombinationen (z.B. Deutsch und Sachunterricht). Auf die Anfrage im Arbeitsamt, was für berufliche Persperspektiven man mit einem Bachelor-Lehramtabschluss hat, zucken die Mitarbeiter mit den Achseln.
Stellt man dieselbe Frage im Wissenschaftsministerium von Niedersachsen, bekommt man drei Antworten, die sich bei genauerem Hinschauen in Luft auflösen:
„Machen Sie doch den Master in einer Ihrer Fachwissenschaften.“ Dies ist nur möglich, wenn man sein Studium um zwei bis drei Semester verlängert und den Bachelorabschluss in der Fachwissenschaft nachholt.
„Gehen Sie doch in die Wirtschaft.“ Dafür sind die pädagogischen Anteile im Studium zu groß. Ein Lehramtsstudent kann auf dem Stellenmarkt schwer mit einem Ein-Fach-Bachelor (z.B. mit einem Informatikbachelor) konkurrieren.
Doch das Ministerium hält noch eine andere Alternative parat: „Werden Sie doch Journalist.“
Werden auf dem bunten deutschen Arbeitsmarkt wirklich so viele Quereinsteiger gebraucht?

Es liegt die Vermutung auf der Hand, dass eine Generation von Bachelor- Lehrern herangezogen werden soll, die als eine Art Hilfslehrer im Unterricht aktiv werden sollen und die den Staat nicht so viel kosten, wie fertig ausgebildete Lehrer.
Die Tatsache, die diese Vermutung bestätigt, ist, dass über die Masterzulassungsbegrenzung zu Beginn des Lehramtsstudiums nicht informiert wird. Weder von Seiten des Landes noch von Seiten der Hochschulen. Auf keinem Flyer und auf keiner Infoveranstaltung wird auf die Hürde der Masterzulassung freiwillig hingewiesen. Spricht man die Verantwortlichen der Hochschulen auf die fehlende Information an, bekommt man zur Antwort, man hätte sich zu Beginn des Studiums informieren müssen, ob das, was man studieren möchte, wirklich gebraucht wird.
So sind die Hochschulen gefüllt mit Bachelorlehramtsstudenten und die Studienbeiträge dieser füllen die Kassen.
Nach dem Bachelorabschluss haben nur die eine Chance in den Master zu kommen, deren Durchschnitt über der Note 2,5 liegt. Je nach wirtschaftlicher Bedarfslage, je nach aktuellen Vorgaben der Ministerien und je nach freien Kapazitäten der Hochschulen findet eine weitere „Bestenauslese“ statt. Doch wer sind diese „Besten“?
Es werden nur in besonderen Fällen die sein, die neben ihrem Studium her arbeiten müssen oder die sich ehrenamtlich z.b. hochschulpolitisch engagieren. Diese Aktivitäten sind mit dem Studium zeitlich nicht mehr vereinbar.
Es werden nicht immer die sein, die bei den schulischen Praktika in den Semesterferien mit „sehr gut“ abschließen, denn die Praktika bleiben bei der Bewertung außen vor. Es sind auch nicht die, die gute Referate halten, denn das was zählt, sind allein die Hausarbeiten und die Klausuren.
Der Lehramtsstudent wird zu einem passiv-konsumierenden Lernenden.
In Pädagogik sind die Klausuren aufgebaut wie ein Bogen einer Führerscheinprüfung nur mit pädagogischen Fragen. Auch hierbei kommt es auf das unreflektierte Wiedergeben von Lerninhalten an. Für das Lernen auf solche Klausuren lernt der Student so, wie seine Schüler später nicht lernen sollen, um einen zweiten Pisaschock in Deutschland zu verhindern.

Der „Workload“ (Arbeitsaufwand) eines modernen Studenten ist genau berechnet. Pro Semester sollen 30 Credits erreicht werden. Ein Credit sind 30 Arbeitsstunden. Umgerechnet auf die 2mal vierzehn Wochen im Semester kommt ein Student auf eine 10-Stunden-7-Tage-Woche. Ein Nebeneffekt davon ist, dass es den Studenten nicht mehr möglich ist, einfach mal Seminare zu besuchen, die ihn persönlich interessiert. Anrechenbar im Studium ist ein zusätzliches Seminar nicht. Interessengeleitetes Lernen und das Erleben einer Lernkultur geht an den Universitäten so gut wie verloren. Dies wird bei allen Bachelorstudiengängen eine Neuerung sein.
In der gestuften Lehramtsausbildung kommt es zu weiteren Ungereimtheiten: Den zukünftigen Grundschullehrern zum Beispiel, die nicht das Fach Deutsch, sondern im Schwerpunkt das Fach Mathematik studieren, ist es nicht möglich, ein Seminar zum Schriftspracherwerb von Erstklässlern zu besuchen, obwohl sie dies später genauso unterrichten werden.
Das liegt mit daran, dass gerade das Bachelor-Master- Lehramtstudium in Eile zusammengeschustert wurde. Es wird nicht als eine Einheit gedacht, es liegt kein Konzept vor, keine anerkannten Studienordnungen und so kommt es zu einer Fragmentierung von Studium und Lerninhalten.
In den Unterrichtsfächern sind die Dozenten und Studenten seit Einführung des Bachelors belasten mit einem duzend von Leistungsnachweisen, denn fast jedes Seminar wird mit einem benoteten Schein abgeschlossen. So sammelt ein Bachelorlehramtsstudent im Laufe seines Studiums über siebzig Leistungsnachweise. Dazu kommt es zu einem deutlich höheren Verwaltungsaufwand, als noch zu Zeiten des Staatsexamens. Insgesamt brauchen die modularisierten Studiengänge einen weitaus höheren Betreuungsaufwand als noch die traditionellen. Jedoch kommt es an den Hochschulen zu keiner Stellenaufstockung. Die neuen Studiengänge bleiben in der alten Logik der Kapazitätenrechnung ohne von den zuständigen Länderministerien korrektiv eingebunden zu werden. Viele Dozenten verbringen mittlerweile einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit dem Korrigieren für eine große Masse von Leistungsnachweisen. Für Forschung und für einen freundlichen Umgangston mit Studenten bleibt da wenig Zeit.

Im vorigen Absatz war schon von modularisierten Studiengängen die Rede. Ein Modul ist eine Lehreinheit. Jedes Fach hat ein oder mehrere Basismodule und dann Vertiefungs- und Aufbaumodule. Das führt zu einer neuen Ordnung in den Stundenplänen der Studenten. Die Stundenpläne eines Bachelor- und Masterstudenten gleichen denen eines Schülers. Die zu besuchenden Lehrveranstaltungen sind genau vorgegeben. So ist auch das Lehrangebot der Hochschulen für einen längeren Zeitraum festgeschrieben. Man könnte befürchten, dass die Lehre an den Hochschulen dadurch sehr einseitig wird und das Universitäten mehr zu einem Ausbildungsort werden, als zu einem Ort der Wissenschaften.

Die Umsetzung der eigentlichen Ziele von Bologna die Flexibilität und Mobilität sind noch in weiter Ferne: Die Module sind überall hochschulspezifisch geschnitten. Sowohl die Lerninhalte sind unterschiedlich, als auch die Noten nicht vergleichbar, denn die Studienleistungen unterliegen an jeder Hochschule einer eigenen Prüfungsstruktur. Dies erschwert die Anerkennungspraxis der Abschlüsse in einem anderen Bundesland und den Wechsel an die Nachbarhochschule. Vom „Lehramt goes Europe“ kann man nur träumen. Die „Diploma supplements“, die internationalen Abschlusszeugnisse werden nur auf schriftlichen Antrag auf Englisch ausgestellt.
Im Herbst 2003 beschloss die Kultusministerkonferenz, dass Bachelor und Master in der Mehrheit der Studienfächer flächendeckend eingeführt werden sollen.
Die Ziele von Bologna klangen in den Ohren der Bildungsminister und einiger Hochschulpräsidenten wohl so verlockend, dass man bei der Einführung vergaß auf die Gestaltung der Studiengänge zu achten. Fragen nach Lehr- und Lernzielen und der Qualitätssicherung stehen nicht mehr im Vordergrund.
Internationalisierung vor Qualität? Quantität vor Qualität?
Und das auch in der Lehramtsausbildung in Deutschland zu Zeiten des Pisaschocks?!
Die Frage bleibt am Ende im Raum stehen:
Haben sich die Kultusministerkonferenz und die Hochschulen mit dem Bologna-Prozess übernommen?
Ein Blick nach Amerika gibt uns Recht und lässt uns schmunzeln: Bachelor und Masterabschlüsse sollen in den USA in der Zukunft abgeschafft werden. Eingeführt werden dort das Diplom und das Staatsexamen.

Elisabeth Rieseberg, August 2007

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