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Montag, 09. Januar 2012   / 3 Jahre

Erinnerungskultur als pädagogische und bildungspolitische Herausforderung

Wie kann Gedenken mit zunehmendem Abstand zum historischen Ereignis praktiziert werden? Welche Herausforderungen ergeben sich im Kontext der Einwanderungsgesellschaft für die Erinnerungskultur? Am 13. und 14. Januar 2012 widmen sich diesen Fragen Referenten und Referentinnen auf dem internationalen Symposium „Erinnerungskultur als pädagogische und bildungspolitische Herausforderung“ der Stiftung Universität Hildesheim in Hannover.

Die Tagung wird veranstaltet vom Institut für Erziehungswissenschaft/ Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft in Kooperation mit der Landeshauptstadt Hannover, Projekt Erinnerungskultur. Das Symposium begleitet die Ausstellung „‘Abgeschoben‘ in den Tod – Die Deportation von 1001 jüdischen Hannoveranerinnen und Hannoveranern nach Riga“.

Zur Begrüßung sprechen Stephan Weil, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover, Universitätspräsident Prof. Dr. Wolfgang-Uwe Friedrich und Prof. Dr. Meike Sophia Baader. Die internationale Tagung mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern soll die Bedeutung von Erinnern, Gedächtnis und Gedenken in gegenwärtigen Zusammenhängen reflektieren und zum Nachdenken über pädagogisch-bildungspolitische Dimensionen anregen.

An der Universität Hildesheim studieren zur Zeit 2000 zukünftige niedersächsische Lehrerinnen und Lehrer. Erinnerungskultur zählt zu den wichtigen pädagogischen Aufgaben der Hochschule.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, das sich durch ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt auszeichnet. Migrantinnen und Migranten besuchen heute Gedenkstätten und setzen sich mit der Shoah auseinander. Prof. Dr. Viola Georgi (Berlin) befasst sich in ihren empirischen Arbeiten mit der Frage, was Jugendliche aus Einwanderungskulturen über den Holocaust wissen und welche Geschichtsbilder bei ihnen vorherrschen. Prof. Dr. Micha Brumlik (Frankfurt a.M.) spricht über die „Pädagogik des Erinnerns“ und rückt die bildungspolitischen Herausforderungen ins Zentrum seiner Überlegungen. Auch Probleme der medialen Darstellung des Holocaust werden auf der Tagung erörtert. Prof. Dr. Moshe Zuckermann, israelischer Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv, geht der Frage nach dem Zusammenhang von Gedenken und ideologischer Instrumentalisierung kollektiver Holocaust-Erinnerung nach.

Entsprechend dem gesellschaftlichen Wandel stellen sich die Herausforderungen an die Erinnerungspraxis heute neu. „Der Generationenwandel – Zeitzeugen werden immer weniger – und die Einwanderungsgesellschaft fordern neue, zeitgemäße Formen der pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten und Schulen im Umgang mit der Shoah“, unterstreicht Prof. Dr. Meike Sophia Baader, die zusammen mit Dr. Tatjana Freytag die Veranstaltung konzipiert hat. Dies gehe über die engere Geschichtsdidaktik hinaus, es bedarf einer besonderen pädagogischen Perspektive, unterstreicht die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin. „Wie gehen wir mit der eigenen Geschichte um? Wie vermitteln wir die Shoah in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Bundesrepublik an Jugendliche? Wie kann Gedenken mit zunehmendem Abstand zum historischen Ereignis praktiziert werden? Und welche Herausforderungen und Perspektiven ergeben sich für die Einwanderungsgesellschaft mit heterogenen Erinnerungskulturen?“

Derzeit arbeiten Meike Sophia Baader und Tatjana Freytag an einem Kooperationsprojekt mit der Universität Tel Aviv, in dem die Erinnerungskulturen und das Thema „Erziehung und Demokratie“ im Vergleich zwischen Israel und Deutschland erforscht werden sollen. „Uns interessiert, wie sich die Erinnerungskulturen in beiden Ländern unter den Bedingungen der je eigenen Einwanderungsgesellschaft und des Generationenwechsels verändern“, so Baader. Empirisch soll untersucht werden, welche Formen der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit in Israel und Deutschland vorhanden sind und wer diese Angebote der institutionalisierten Gedenkpraxis in welchem Kontext wahrnimmt. „Wir tun oft so, als müssten wir Jugendliche zur Auseinandersetzung mit der Shoah drängen, als sei die pädagogische Arbeit mühsam. Vielleicht stellt sich aber heraus, dass die Bereitschaft unter Jugendlichen, sich mit dem historischen Ereignis der Shoah auseinanderzusetzen vorhanden ist, aber eben fachgerecht und inhaltsreich beantwortet werden muss“, zeigt sich Baader gespannt auf die künftige Forschungsarbeit.

Zu den Schwerpunkten des Hildesheimer Instituts für Erziehungswissenschaft zählen neben „Diversity Education“ und „Demokratie und Erziehung“ bildungshistorische Fragen, u.a. das Aufwachsen von Kindern zur Zeit des Nationalsozialismus. Baader betreut mehrere Nachwuchswissenschaftler_innen, Wiebke Hiemisch promoviert aktuell zum Thema „Kindheit im Holocaust“.

Programm des Symposiums

Das Symposium wird am Freitag, 13. Januar 2012, um 14:00 Uhr im Neuen Rathaus Hannover (Mosaiksaal) eröffnet.

Von: Pressestelle, Isa Lange
 
 
 
Letzte Änderung:  8.10.2014